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Silvesterchläuse in Wald – Brauchtum mit Herz und Muskelkraft

Glocken für das Gute, Klappern gegen das Böse. Diese Tradition verlangt Ausdauer. Der Einsatz lohnt sich allemal.

In Wald ziehen Silvesterchlaus und Schnappesel von Tür zu Tür und läuten das neue Jahr ein.

Foto: Mel Giese Pérez

Silvesterchläuse in Wald – Brauchtum mit Herz und Muskelkraft

Tradition an Silvester

Dieses Brauchtum wird besonders gut gepflegt: In Wald gibt es Glocken für das Gute und Geklapper für das Böse. Der Erhalt dieses Brauchs ist Knochenarbeit.

Es ist noch dunkel in Wald, als man schwere Glocken und ein unheimliches Geklapper in der Ferne hört. Schon um 6 Uhr in der Früh sind Gestalten unterwegs, die man nur am 31. Dezember antrifft: Die Silvesterchläuse locken Glück für das neue Jahr an, während die Schnappesel die bösen Geister vertreiben. Ein typischer Neujahrsbrauch in der Gemeinde – vermutlich heidnischer Abstammung.

Neun Paare – bestehend je aus einem Chlaus und einem Esel – teilen sich auf und ziehen von Quartier zu Quartier, um das neue Jahr einzuläuten. Und wer nicht durch die lauten Glocken wach wird, wird mit der Hausklingel geweckt.

Gähnend und mit verschlafenen Augen öffnen die ersten Besuchten ihre Türen. Der Silvesterchlaus setzt mit einem Ruf zum Tanz an, schwingt darauf mit seinen grossen Glocken hin und her. Der Schnappesel macht es ihm nach und klappert mit seinem Gebiss.

Danach wünschen die Männer in den Trachten den Walderinnen und Walder «es guets Nöis und e gueti Gsundheit».

Rosoli und Rückblicke

«Chömed doch inne.» Die meisten laden das Chlauspaar in ihre warme Stube ein. Auf dem Tisch stehen Birewegge, Guetsli oder Kuchen. In Kannen dampfen Kaffee und Tee.

Selbstverständlich darf etwas nicht fehlen: hausgemachter Rosoli, ein Likör aus Cassis. «Das gehört dazu», sagt Andi Züger, der schon seit 20 Jahren chlaust, mit einem Zwinkern.

Schon bevor sich der Sonnenaufgang durch den Nachthimmel zeichnet, wird in Wald zusammen angestossen, gegessen, getrunken. Auch die Nachbarn gesellen sich jeweils zur festlichen Runde.

Die Besinnlichkeit dieser Momente hat wenig mit Alkohol zu tun. Vielmehr wird hier über das letzte Jahr reflektiert: War es ein gutes, ein schlechtes? Was wünscht man sich für das kommende? Man lacht über vergangene Anekdoten oder erzählt sich neue Geschichten.

«Früher hatte ich panische Angst vor dem Schnappesel und versteckte mich immer im Badezimmer. Wenn ich die Glocken hörte, wusste ich, dass er kommt», erinnert sich eine Walderin und lacht.

Auch wenn diese familiäre Nähe zum ewigen Verweilen einlädt, muss sich das Chlauspaar schon bald wieder verabschieden. Viele Haushalte warten auf das Brauchtum zum Silvester. Noch ein letzter Tanz, dann macht sich das Paar zur nächsten Türe auf.

Eine pulsierende Tradition

«Diese Tradition gehört zu den ältesten Bräuchen im Oberland», sagt Rolf Züger, Obmann der Silvesterchläuse und Mitglied der Heimatmuseumskommission Wald.

Für ihn liegt der Reiz an der Einzigartigkeit des Brauchs. Silvesterchläuse kenne man, wie etwa im Appenzellischen. Die Kombination mit dem Schnappesel sehe man jedoch nur in Wald.

Schon 1863 sind die Silvesterchläuse in der Zeitung erwähnt: Wer nach 7 Uhr noch klaust, wird bestraft.

Ein Zeitungsartikel von 1863.
Nach 7 Uhr war das Klausen nicht mehr gestattet.

«Der Klamauk und der Lärm waren nicht so gern gesehen. Ausserdem hatte die Gemeinde Angst, dass die Chläuse betteln gehen», sagt der 72-Jährige. Aus letzterem Grund sei es noch bis etwa zu den 2000ern Pflicht gewesen, dass die Silvesterchläuse ihre Steuern bezahlt haben müssen, bevor sie um die Häuser zogen.

Heute ist der Brauch nicht so restriktiv. Man muss 18 Jahre alt sein und eine Bewilligung der Gemeinde erhalten. Doch ein Teil dieser Silvester-Gemeinschaft zu werden, ist gar nicht so einfach.

Von den 18 Männern, die diesen Brauch praktizieren, sind die meisten schon über Jahrzehnte mit dabei. Neue Mitglieder können erst beitreten, wenn ein Platz frei wird. An Nachwuchs fehlt es nicht – Interessenten auf der Warteliste gebe es genug.

Rolf Züger hatte über 30 Jahre geklaust. Seine Familie macht den Brauch schon lange mit. Sein Grossvater klauste, so wie sein Vater auch. Ebenfalls Rolfs Brüder Bruno und Max haben Jahrzehnte das neue Jahr eingeläutet. Heute führen deren Söhne Andi, Christian und Stefan die Familientradition weiter.

Doch auch wenn man wolle, könne man nicht ewig mitmachen. Irgendwann müsse man den Posten abgeben. «Chlausen ist anstrengend. Da muss man körperlich schon sehr fit sein. Die meisten hören deshalb ab 55 Jahren auf.»

Reine Knochenarbeit

Das Silvesterchlausen ist zweifellos anstrengend. Die Paare rücken bei jedem Wetter aus, egal, ob es schneit oder wie aus Kübeln regnet. Sie stapfen über schneebedeckte Wiesen oder rutschen eisigen Strassen entlang.

Sie beginnen in den Walder Aussenwachten, ziehen bis ins Dorfzentrum und legen kilometerlange Strecken zurück. Am Abend besammeln sie sich am Bahnhof und tanzen die Bahnhofstrasse entlang bis zum Schwertplatz. Dabei tragen sie stets den Glockenkranz mit, der 40 Kilogramm wiegt.

«Wir wechseln uns mindestens einmal am Tag ab, sonst würden wir das nicht schaffen», sagt Stefan Züger, seit 20 Jahren ein Silvesterchlaus. Er und Sebastian Krieg legen etwa 18 Kilometer zurück. «Das ist eher eine der kürzeren Strecken», sagt er.

Ausserdem wird die Gemeinde stets grösser. 2010 hatte Wald noch etwa 8900 Einwohner. Heute sind es über 10’500. «Eigentlich waren es einst sieben Paare. Doch weil wir so die Gemeinde nicht mehr abdecken konnten, sind es seit etwa zehn Jahren neun Paare», so Chlausobmann Züger.

Kein Silvester ohne Chläuse

Auch heute sind neun Paare tendenziell zu wenig. «Man will sich ja Zeit nehmen für die, die diesen Brauch schätzen», sagt Christian Zimmermann, der schon seit elf Jahren klaust.

Für viele sei es auch eine Art des Zusammenhalts. «Wir sehen, wie die Familien grösser werden oder sich verändern.» Solche Haushalte, die mit dem Brauch nichts anfangen könnten, könne man auslassen.

Auf Tour mit den Silvesterchläusen wird klar: Dieser Brauch wird geliebt. In einigen Quartieren wartet die Nachbarschaft auf die Chläuse mit Gerstensuppe, Wienerli und selbstverständlich Rosoli. Einige bedanken sich mit einem festen Händedruck für die Fortführung dieser Tradition.

Peter Scherrer wohnt seit 20 Jahren in Wald. Für ihn wäre ein Silvester in der Gemeinde ohne die Chläuse nicht dasselbe: «Wir haben mittlerweile so viele ausländische Bräuche, wie beispielsweise Halloween. Ich finde es wichtig, dass wir unsere Bräuche erhalten und pflegen.»

Die Silvesterchläuse besuchen nicht nur Haushalte. Am Nachmittag wünschen einige der Paare im Dorfzentrum auch den Geschäften und den Beizen ein frohes neues Jahr.

Heidi Gugliotta, Trainerin bei Physio Works, liess sich versprechen, dass eines der Chlauspaare bei ihrer Arbeit vorbeikommt. «Ich finde den Schnappesel super und wollte deshalb, dass meine holländische Kollegin den Brauch kennenlernt.»

Auch Passantinnen und Passanten freuen sich über die Silvesterchläuse. «Egal, was für einen Tag man hat, die Chläuse schaffen es immer, dass man gute Laune bekommt», sagt eine junge Frau, die eigentlich nur zum Einkauf wollte.

Das verzauberte Wald

Dass die Silvesterchläuse und Schnappesel ein wichtiger Bestandteil der Gemeinde sind, ist durch den herzlichen Empfang der Bevölkerung nicht zu übersehen. Wie beliebt dieser Brauch jedoch wirklich ist, merkt man spätestens beim Umzug am Abend.

Aus allen Ecken und Gässchen drängen sich Walderinnen und Walder ins Zentrum, um beim letzten Tanz der Silvesterchläuse dabei zu sein – wobei man bei diesem Tumult flink auf den Beinen sein muss, um überhaupt etwas sehen zu können.

Von der Bahnhofstrasse bis zum Schwertplatz rennen die Schnappesel den Passanten hinterher und klappern mit dem Gebiss, die Silvesterchläuse schwingen die Glocken hin und her. Es ist ein Fest der Freude und der Gemeinschaft.

Und um 19.30 Uhr können die Silvesterchläuse endlich ihre schweren Kränze ablegen, denn Wald haben sie erfolgreich verzaubert. Einem guten neuen Jahr steht nichts mehr im Weg.

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