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«Nüssle» – einer Oberländer Tradition auf der Spur

Wer nüsselt eigentlich noch in der Region? Wir gingen einem alten Oberländer Brauch auf die Spur.

Nüsselt überhaupt noch jemand im Oberland?

Foto: Mel Giese Pérez

«Nüssle» – einer Oberländer Tradition auf der Spur

Das Brauchtum mit Nüssen

Im Winter machte man früher eines: um Baumnüsse oder mit Baumnüssen spielen. Das Brauchtum ist in der Region schon lange verankert. Aber spielt das heute überhaupt noch jemand?

Nüsseln? Bis vor Kurzem sagte das der Redaktion gar nichts. Doch eine Leserin gab einen Hinweis: Dabei handle es sich um ein Gesellschaftsspiel, bei dem man mit Baumnüssen spiele. Oder um Baumnüsse.

Das Spiel sei eine alte Oberländer Tradition. Ausserdem soll es vor allem am Berchtoldstag, 2. Januar, ein gängiger Brauch gewesen sein. Höchste Zeit also, dem nachzugehen.

Maus, Katze, Esel

Um zu nüsseln, benötigt jeder Spieler sechs Baumnüsse. Damit baut er vor sich eine Pyramide, den sogenannten Riis. Dieser besteht aus der Maus, einer Nuss an der Spitze, der Katze mit zwei Nüssen in der Mitte und dem Esel mit drei Nüssen. Daneben hat jeder Spieler seinen Vorrat mit beispielsweise 20 Nüssen.

Mit zwei halben Baumnussschalen wird gewürfelt. Liegt eine Schale mit dem Bauch nach unten und eine nach oben, so darf die Maus vom Riis genommen und in den Vorrat gelegt werden. Liegen beide Schalen nach oben geöffnet, darf die Katze in den Vorrat gelegt werden. Liegen beide Schalen geschlossen, so darf der Esel in den Vorrat verschoben werden.

Auf dem Bild sieht man die verschiedenen Figuren, die gewürfelt werden können.
Je nach Figur, die man würfelt, verschiebt man unterschiedlich viele Nüsse in den Vorrat.

Hat man im eigenen Riis keine Nüsse mehr, nimmt man sie von der Pyramide eines anderen Spielers. Wenn jedoch keine der Pyramiden mehr die gewürfelte Figur hat, entnimmt man Nüsse aus dem eigenen Vorrat, um die Pyramide neu zu bauen. Gewonnen hat, wer am Ende am meisten Nüsse gesammelt hat.

Von Gossau bis ins Tösstal

Etliche Anfragen bei Ortsmuseen, bei Dorfchronisten oder Historikerinnen erzielen ein eindeutiges Ergebnis: Im Oberland wurde fleissig genüsselt. Jedoch gibt es nicht bloss eine Spielregel. Je nach Region weicht diese ab.

Das Dürstelerhaus in Gossau beispielsweise beherbergt eine Überlieferung von Jakob Zollinger. Er war Lehrer und Volkskundler mit einem besonderen Flair für Oberländer Brauchtümer.

Im September 1994 dokumentierte er eine Version des Spiels, wobei es nur eine Pyramide in der Mitte des Tischs gab und die Spielenden um diese Nüsse würfelten.

Die Regeln, die Jakob Zollinger 1994 aufgeschrieben hat.
1994 dokumentierte Jakob Zollinger Varianten zum «Nüssle».

Zollinger war jedoch nicht der Einzige, der das Nüsseln dokumentiert hatte. Eine Spur führt auch ins Tösstal, wo die Regionalhistorikerin Hedwig Spahr-Lüssi bereits in den 1940er Jahren darüber berichtete. Wie in ihrem Tagbucheintrag von 1942 beispielsweise.

Tagebucheintrag von Hedwig Spahr-Lüssi: 25. Januar 1942

Die ganze Nacht regnete und stürmte es. Alle Winterpracht ist hin. Die Strassen sind so eisig, dass Sand gestreut wurde. Am Nachmittag wieder Neuschnee. Trotzdem sind Annemarie, Heinz, René und ich nach Wila marschiert. Ein «wüeschter» Wind ging. Wie viel hat man doch, wenn man die Eltern und unsere Kinder noch die Grosseltern hat. Grosspapa ist immer noch so jugendfrisch im Geist und in seinen Bewegungen. Jetzt schreibt er wieder eine historische Geschichte für die Winterthurerzeitung (Frischhans von Breitenlandenberg). Er hat noch so viel Dokumente. Annemarie kanns gut mit Grosspapa, so zeigt sie eben sehr viel Verständnis für alles. Mama und ich unterhielten uns indessen am wärmenden grossen Kachelofen. Heinz, Martin und René spielten das Nüssespiel. Mit dem Zug gings heimzu. Der Radio verkündete grosse Erfolge der Deutschen im Atlantik. Das Gesetz der Volkswahl der Bundesräte ist verworfen worden. Es ist gut so.

Im Tösstal nüsselte man aber auf eine andere Art als beispielsweise in Gossau. Dort braucht man zwei Würfel mit den Zahlen von eins bis sechs. Jeder Spieler setzt dann eine Nuss auf eine Figur – ausgenommen ist die «Gämer drei» in der Mitte.

Die Spielregeln für die Nüsseln-Variante im Tösstal.
Die Regionalhistorikerin Hedwig Spahr-Lüssi schrieb eine Variante des Nüsselns im Tösstal auf.

Der Reihe nach wird gewürfelt. Bei geraden Zahlen passiert nichts, bei ungeraden Zahlen muss mit einer Nuss bezahlt werden. Wer ein Pasch würfelt, erhält die Nuss der entsprechenden Figur. Wer eine Sechs und eine Fünf würfelt – den «Gämer drei» –, erhält von den anderen Mitspielenden je drei Nüsse.

Aber woher stammt das nun?

Hinweise zum Spiel sind in der ganzen Region verteilt. Man findet Einträge im «Heimatspiegel», auch die Historikerinnen und Historiker wissen von dem Gesellschaftsspiel, das anscheinend oft am Berchtoldstag gespielt wurde. Die Anfragen gingen in alle Richtungen, und viele konnten einzelne Hinweise geben. Woher das Spiel jedoch stammt, ist noch ungewiss.

Der gängigste Brauch, den man unter Nüsseln kennt, ist der traditionelle Tanz zur Fasnacht aus dem Kanton Schwyz. Dieser hat jedoch nichts mit dem Gesellschaftsspiel aus dem Oberland zu tun.

Im «Schweizerischen Idiotikon» wird das Nüsseln als ein Gesellschaftsspiel aufgegriffen, das nicht nur im Zürcher Oberland bekannt war, sondern auch im Kanton Bern, im Appenzellischen oder in Basel-Stadt.

Ein Eintrag im «Schweizerischen Idiotikon» zum Thema «Nüsseln».
Genüsselt wurde auch in anderen Kantonen.

Was die Kantone gemeinsam haben: Sie gelten als mehrheitlich reformiert. Der Berchtoldstag ist noch heute ein Feiertag, der vor allem in den reformierten Kantonen bekannt ist.

Berchtold war nicht etwa ein Heiliger. Woher genau dieser Feiertag kommt, ist nicht ganz schlüssig. Das «Schweizerische Idiotikon» spricht jedoch vom Zusammenhang mit dem Dreikönigstag. Der Begriff «berchttac» (glänzend, leuchtend) im Mittelhochdeutschen soll sich vom griechischen Wort «Epiphania» ableiten, das übersetzt «Erscheinung» bedeutet. Dies könnte mit dem Dreikönigstag zusammenhängen – auch als Fest der «Erscheinung des Herrn» bekannt.

Die Baumnuss hat ihre Saison zwischen September und Ende Oktober, ist aber noch monatelang haltbar. Dass die Nuss nach ihrer Erntezeit also verwendet wurde, um mit ihrer Schale zu spielen, ist naheliegend. Ausserdem brauchte es für viele der Spielvarianten nichts ausser Baumnussschalen, was sich vor allem für ärmere Gemeinden gut eignete.

Schon die Römer hatten ein Spiel mit Baumnüssen: Nuces castellatae. Sie stellten Pyramiden auf und versuchten diese mit einer anderen Nuss umzuhauen. Ob dies aber einen Zusammenhang mit dem Oberländer «Nüssle» hat, ist ungewiss.

Und obwohl viele der Expertinnen und Experten für Brauchtümer und Archive sich fleissig umschauten, so kannte man das Spiel zwar beim Namen, doch nur wenige hatten es überhaupt je gespielt.

Karten, Nüsse und die Fenners

Wird im Oberland überhaupt noch genüsselt? Auf einmal konkretisierte sich dann doch noch eine Spur mit dem Satz: «Ja, in Bäretswil ist der Brauch noch intakt.»

Es schneit, als Adolf und Elsi Fenner eine neugierige Journalistin in ihrem Zuhause begrüssen. In der warmen Stube liegt bereits ein Set Jasskarten auf dem Tisch. Daneben steht eine bis zum Rand mit Baumnüssen gefüllte Kartonkiste. Hier wird noch eine andere Variante des Nüsseln gespielt: mit Jasskarten.

Eine Schachtel voller Baumnüsse.
Die Fenners in Bettswil halten an der Tradition fest – mit uralten Nüssen.

«Wenn Sie jassen können, dann ist es ein einfaches Spiel», sagt Adolf Fenner. Es braucht elf Spieler. Jeder Spieler erhält drei Karten und 32 Nüsse als Grundstock. Die übrig gebliebenen Karten bestimmen den Trumpf. Die Nüsse sind der Einsatz, um welchen gespielt wird.

Ein Mann und eine Frau sitzen am Tisch, haben unzählige Baumnüsse und spielen darum.
Adolf und Elsi Fenner nüsseln schon seit Jahrzehnten.

In der ersten Runde müssen alle mitmachen. Jeder Spieler erhält drei Karten. Der Geber und sein Nachbar müssen je drei Nüsse in den zentralen Stock geben, um welchen dann gespielt wird. Trumpf ist die oberste Karte des Reststapels. Die höchste Karte ist das Ass, die zweithöchste die Schellen Sieben – bei jeder Farbe. Wer einen Stich macht, erhält einen Drittel der Nüsse im Stock. Wer keinen macht, verliert sechs und zahlt diese in den Stock.

Ab der zweiten Runde kann jeder Spieler entscheiden, ob er mitspielen möchte oder nicht, je nachdem, wie gut seine Karten sind. Ziel ist es, möglichst viele Nüsse zu sammeln, jedoch mindestens 32 zu behalten, um nicht auszuscheiden. Am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Nüssen.

Wer keine Nüsse mehr hat, kann sie mit Geld ersetzen. Fünf Rappen sind 16 Nüssen gleichzusetzen. «Doch um das Geld geht es nie», sagt Elsi Fenner. Sie und ihr Mann nüsseln schon seit der Kindheit. Sie ist 87 Jahre alt, er ist 92. «Schon sein Vater hat als Kind genüsselt. Und er wäre heute etwa 130 Jahre alt», erklärt die Gattin.

Ein Mann und eine Frau spielen um Baumnüsse.
Das Zusammensein steht beim Nüsseln im Vordergrund, auch wenn es beim Spiel um die letzte Nuss geht.

Dieses Brauchtum wurde bei den Fenners über einige Generationen weitergetragen. Woher es genau stammt, weiss keiner der beiden. Worin sie sich jedoch sicher sind: Es ist kein Weihnachtsbrauch, auch kein Berchtoldstagsbrauch, sondern ein Winterbrauch.

«Wir sind Bauern. Und im Winter haben wir am meisten Zeit», erklärt Adolf Fenner. Heute kann man sich einen typischen Winterabend von früher wohl kaum mehr vorstellen: weder Handys noch Fernseher, noch sehr viel Schnee. Was blieb? Das Zusammensein.

Und das verbinden die Fenners auch mit dem Nüsseln: die Gemeinschaft. «Wir gesellten uns zueinander und spielten stundenlang», erzählt Elsi Fenner. Beide erinnern sich zurück und schmunzeln.

Schon im Herbst gebe es manche, die das Gesellschaftsspiel kaum erwarten könnten. Oft organisieren die Fenners den Abend bei sich in der Stube. Aber auch die Nachbarn sind zu regelmässigen Gastgebern geworden.

«Wir spielen das schon immer. Zwischendurch haben einige das Interesse verloren, doch dann wurde es wieder häufiger gespielt», erklärt Adolf Fenner. Trotz Höhen und Tiefen ist der Brauch in Bettswil aber in guten Händen. Ans Aufhören denkt im Moment niemand.

Hinweise gesucht

Woher kommt der Brauch? Was hat es mit den Baumnüssen auf sich? Das sind Fragen, die bislang noch unbeantwortet sind. Haben Sie einen Hinweis auf den Ursprung dieses Brauchs? Oder kennen Sie noch eine weitere Variante des Spiels? Dann schreiben Sie uns per E-Mail redaktion@zol.ch mit dem Vermerk «Nüssle».

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