«Jüngste» Dragqueen der Schweiz stürmt vom Oberland auf die TV-Bühne
Nach Mobbing und Coming-out
Von Mobbing zu Sprüngen in den Spagat: Mit 19 Jahren performt Ares als professionelle Dragqueen. In der diesjährigen Staffel von «The Voice of Germany» zeigt sie ausserdem auch ihr Gesangstalent.
Glitzer, Glamour, Fashion und spektakuläre Auftritte – so sieht der Alltag der 19-jährigen Ares, der einzigen Dragqueen aus dem Oberland, aus. Mit vollem Einsatz lebt sie ihre Kunst und bezeichnet sich selbst stolz als «inoffiziell jüngste Dragqueen der Schweiz». Ein Titel, den sie, wie sie schmunzelnd bemerkt, so lange tragen wird, bis eine jüngere Dragqueen ihren Weg kreuzt.
Doch nicht nur im Oberland lebt sie ihre Kunst, ganz grosse Auftritte hat sie derzeit in Berlin. Dort steht sie bei der neusten Staffel von «The Voice of Germany» auf der Bühne und präsentiert auch ihre Gesangskünste.
Was sind Dragqueens überhaupt?
Dragqueens sind meist männliche Künstler, die sich in auffälliger, oft übertriebener femininer Kleidung, Make-up und Perücken präsentieren, um eine weibliche Figur darzustellen. Dies machen sie häufig, um bei Auftritten zu performen und zu unterhalten.
Woher der Ausdruck «Drag» genau kommt, ist umstritten. Eine Theorie ist, dass es eine Abkürzung von «dressed resembling a girl» (wie ein Mädchen gekleidet) ist.
Um ihre Bühnenfigur von ihrem Privatleben zu trennen, ist es Ares ein Anliegen, dass die Redaktion sie nur bei ihrem Künstlernamen nennt.
Durch eine Reportage in die Drag-Welt
Ares’ Weg in die Welt des Drags begann früh. Im Alter von 14 Jahren entdeckte sie die Kunst zum ersten Mal und war fasziniert davon, sich in verschiedene Persönlichkeiten zu verwandeln. «Ich hatte immer schon Interesse an Make-up und Haaren», erzählt die Oberländerin. «Während der Corona-Zeit habe ich dann eine Reportage über Drag gesehen, die mich total gefesselt hat.»
Mit 16 Jahren wagte sie ihre ersten Versuche im Drag. Das war der Anfang einer Leidenschaft, die Ares heute Vollzeit ausübt. Nach Abschluss der Berufsmaturitätsschule diesen Sommer nimmt sie sich jetzt ein Jahr Auszeit, um sich ganz dem Drag zu widmen, bevor sie im nächsten Jahr ein Studium in Musikproduktion beginnen wird.
Ares unterscheidet sich durch ihre akrobatischen Einlagen auf der Bühne von anderen Dragqueens. Das verdankt sie ihrer früheren Leidenschaft: «Ich habe früher voltigiert, das ist Akrobatik auf dem Pferd. Diese Fähigkeiten kann ich jetzt in meine Shows einbringen.» In ihren Performances kombiniert sie Tanz, Akrobatik und oft auch Gesang.

Eine besondere Ehre war ihr Auftritt bei «Werq the World», der weltweiten Live-Tour von RuPaul’s Drag Race. «Es war ein unglaubliches Gefühl, vor Tausenden Menschen aufzutreten. Es ist die grösste Drag-Show der Welt und somit auch die grösste Show, die ich je gemacht habe.»
Jahrelanges Mobbing
Um vor so vielen Menschen aufzutreten, muss Ares viel Selbstvertrauen haben. Dieses gewann sie, nachdem sie jahrelanges Mobbing überwunden hatte. «Es ist mega wichtig, offen über Mobbing zu sprechen», sagt die 19-Jährige. Für sie ist es ein Thema, das in der Gesellschaft viel präsenter sein sollte. «Mobbing war schon immer ein grosses Thema und wird es auch bleiben.» Sie betont, dass man sich nicht einfach mit der Situation abfinden darf, wenn man sich irgendwo unwohl fühlt. «Man muss sich wehren, sonst wird sich nie etwas ändern.»
Für Ares war die Unterstützung ihrer Familie sehr wichtig: «Meine Eltern waren immer für mich da, und dadurch konnte ich viel Kraft schöpfen und wurde selbstbewusster.» Doch sie ist sich bewusst, dass nicht jeder diesen Rückhalt hat. «Viele Menschen haben niemanden, der sie unterstützt, und können dadurch mental instabil werden. Im schlimmsten Fall endet es mit Suizid, weil sie so stark gemobbt werden für Dinge, für die sie nichts können.»
Ihre eigene Mobbinggeschichte begann schon in der ersten Klasse und dauerte bis zur achten. «Es fing damit an, dass mein Hobby Reiten war – das galt als zu ‹mädchenhaft›.» Später kam es zu Beleidigungen wie «Du bist zu feminin» und «Du bist schwul».
Als sie schliesslich in der neunten Klasse ihr Coming-out hatte, änderte sich alles. «Plötzlich war ‹Bist du schwul?› keine Beleidigung mehr, sondern meine Realität, und das Mobbing hörte auf.»
Rückblickend sieht Ares das Mobbing fast mit einem Augenzwinkern. «Wenn mich heute jemand provokativ fragen würde, ob ich schwul sei, würde ich antworten: ‹Ja, willst du ein Küsschen?›», sagt sie und lacht. Doch trotz allem hegt sie keine Wut gegen ihre damaligen Mobber. «Es war nicht korrekt, was sie getan haben, aber ich bin froh, dass es passiert ist. Ohne das Mobbing hätte ich wahrscheinlich nie das Selbstbewusstsein gehabt, mit Drag anzufangen.»
«Unsere Shows sind nicht für Kinder ausgelegt»
Für Ares ist Drag eine Kunstform, die oft missverstanden wird. Ein weit verbreitetes Vorurteil, mit dem Ares immer wieder konfrontiert wird, betrifft die vermeintliche Gefährdung von Kindern durch Dragqueens. «Das grösste Vorurteil ist, dass wir Kinderschänder sind. Oft wird suggeriert, dass wir schlecht für Kinder seien oder ihnen etwas Böses antun wollen. Das ist kompletter Mist», sagt Ares deutlich.
Sie betont, dass Drag in erster Linie eine Kunstform für Erwachsene ist. «Uns ist es sogar lieber, wenn keine Kinder im Publikum sind, weil unsere Shows nicht auf sie ausgelegt sind», erklärt sie. Zwar gibt es Dragqueens, die speziell Lesungen für Kinder machen, aber diese hätten sich darauf spezialisiert und seien entsprechend geübt.
Oberländer interessieren sich nicht für Drag
Im Zürcher Oberland ist Drag kein Tabuthema, aber auch keines, das oft zur Sprache kommt. Trotzdem würde sie nie abends in voller Dragmontur durch die Gegend laufen. Einmal erlebte sie, wie ihr auf dem Nachhauseweg vom Bus aus eine Gruppe Leute schleichend folgte. «Wäre mein Heimweg länger gewesen, bin ich mir sicher, dass mir etwas passiert wäre.»
Den meisten Menschen in der Region scheint ihre Kunst jedoch gleichgültig zu sein, was Ares fast schon positiv sieht. «Es ist mir lieber, dass es den Leuten egal ist, als dass ich Hass erfahre. Wenn das der Fall wäre, müsste ich wirklich Angst haben, in Drag das Haus zu verlassen.»
Trotz dieser distanzierter Akzeptanz möchte Ares ihr Wohnort nicht öffentlich preisgeben. Sicher genug fühlt sie sich dafür nicht. Ares sieht Aufklärungsbedarf: «Viele Menschen wissen nicht, was Drag wirklich ist. Es ist Kunst, keine Provokation. Wir wollen niemanden ärgern oder sagen, dass wir besser sind als andere. Wir sind einfach Künstler.»

Ares hat grosse Träume. Sie möchte Drag eines Tages hauptberuflich machen – am liebsten im Ausland, da es in der Schweiz nur wenige Dragqueens gibt, die ausschliesslich von ihrer Kunst leben können. «Es wäre ein Traum, Drag in den USA oder England zu verfolgen», sagt sie.
Als Dragqueen in Berlin
Ein weiterer Meilenstein in ihrer Karriere ist die Teilnahme an der diesjährigen Staffel von «The Voice of Germany». Schon als Kind träumte Ares von «The Voice». «Ich habe immer ‹The Voice Kids› geschaut und mir gewünscht, dass ich da auf der Bühne stehe.» Diesen Januar, als Ares zufällig die Ausschreibung sah, beschloss sie, ihren Traum zu verwirklichen.
«Ich stand schon oft auf Bühnen, also dachte ich mir, warum nicht?» Als dann der Anruf kam, war es ein überwältigender Moment. «Ich war gerade beim Mittagessen, als das Telefon klingelte. Die Frau am anderen Ende sagte, sie sei von ‹The Voice›, dann sprach sie aber erst mal lange über die Schweiz und redete sehr um den heissen Brei herum. Als ich alle Geduld am Verlieren war, kam endlich die Einladung nach Berlin. Das war wirklich unglaublich.»
Besonders wichtig war es der Oberländerin, im Drag aufzutreten. «Ich wollte nicht nur mich selbst, sondern auch die gesamte Drag- und Queer-Community im Fernsehen vertreten.» Sie stellt sich vor, dass ein Kind zuschaut, das in einer ähnlichen Situation ist wie sie früher. «Vielleicht stellt es sich die Frage, was Drag überhaupt ist, und ich kann ihm denselben Aha-Moment geben, den ich damals durch die Reportage hatte.»
Neben der Repräsentation hofft Ares natürlich auch auf mehr Aufmerksamkeit durch ihren Auftritt. «Es wäre cool, wenn mehr Leute sehen, was ich mache, und mich im besten Fall sogar buchen», lacht sie.
Wie geht es für Ares weiter?
Die Blind Auditions schaffte die Oberländerin mit links und begeisterte alle vier Coaches, die alle um Ares kämpften. Somit ist die erste Runde schon geschafft. Jetzt kommt Ares weiter in die Battles. Wenn Sie wissen wollen, wie sie sich in der zweiten Runde schlägt, schalten Sie die nächsten «The Voice of Germany»-Folgen ein. Donnerstags läuft die Sendung auf Pro7 und freitags auf Sat.1.
