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Wenn der Gemeinderat Zell unter die Songwriter geht …

Man nehme lokalpatriotische Texte, einen KI-Musikgenerator und viel Zeit. Fertig ist der «Zeller Song». Bei den Neuzuzügern der Gemeinde scheint der Song bereits ein Hit zu sein.

Einen Text schreiben und nebenbei an der richtigen Melodie tüfteln? So sah das im Fall des Zeller Gemeinderats bestimmt nicht aus.

Foto: Unsplash/Soundtrap

Wenn der Gemeinderat Zell unter die Songwriter geht …

«Oises Wappe isch en Schnägg»

Seit Kurzem hat die Gemeinde Zell einen eigenen Song: getextet vom Gemeinderat, komponiert von künstlicher Intelligenz. Das Ergebnis erstaunt – und lässt einen doch etwas ratlos zurück.

Bescheiden, ja fast etwas wortkarg wirkt sie, die Ankündigung des neuen «Gemeindesongs» auf der Internetpräsenz der Gemeinde Zell. «Mitglieder des Gemeinderats haben einen Song über unsere Gemeinde komponiert», heisst es da.

Der neugierige User klickt natürlich sofort darauf – und fragt sich noch vor dem Abspielen, was ihn wohl erwartet. Eine Art Kommunalhymne, traditionell aufgelegt, eingesungen von einem Chor und gespickt mit Lokalpatriotismus?

Verwunderlich wäre das nicht. Eine solche Aktion würde sich prima in das Phänomen «Tösstaler Gemeindestolz» einreihen – als Zeller Antwort auf Wila etwa, das an der Bundesfeier sichtlich stolz seine Landenberger-T-Shirts feilbot.

Komponiert von KI

Das Musik-Detachement des Gemeinderats, angeführt durch Werkvorsteherin Susanne Stahl (SP) und ergänzt um den scheidenden Finanzvorsteher Stefan Deinböck (FDP), wählte einen anderen Weg.

Stahl dichtete sage und schreibe sechs Strophen, in denen die Schönheit der Gemeinde und die vielfältigen Möglichkeiten besungen werden.

Der Refrain ist einprägsam und enthält gar eine «Message»: «Oises Wappe isch en Schnägg, und dä Schnägg, dä hät en Zwäck» – «Er zeigt ois ganz fabelhaft, i de Rueh liit oisi Chraft».

Doch wessen Stimme ist es, die da die Zeilen aus der Feder der Exekutive zum Besten gibt? Möglichkeiten gäbe es viele: Hat man dazu Mitglieder des Zeller Chortheaters engagiert? Oder vielleicht einen aufstrebenden Mundartkünstler aus dem Umland, Andryy aus Winterthur oder Dom Sweden aus Wolfhausen etwa?

Weit gefehlt. Geträllert wird der «Banger» – wie die Generation Tiktok einen eingängigen Song nennt – nicht von einem Menschen, sondern von künstlicher Intelligenz (KI). «Suno.AI» heisst das Werkzeug, das der Gemeinderat dafür genutzt hat. Er ist indes nur einer von vielen KI-Musikgeneratoren, die jüngst wie Pilze aus dem Boden schossen.

Das war anscheinend nicht ganz einfach. «Es gab viele unbrauchbare Versionen, aber doch hin und wieder Fundstücke», sagt Gemeinderätin und Neo-Songschreiberin Stahl. Der Entscheid, in welchem Musikstil der offizielle Song daherkommt, oblag dem Gemeinderat – das Rennen machte schliesslich die «Swissrock Version». Die alternativen Fassungen, darunter eine Blues- und eine Dance-Version, sind ebenfalls abrufbar.

Das Perfide an der Sache: Wer sich nicht auskennt, dürfte das kaum bemerken. Zwar erkennt man einige Schwächen in der Betonung der Wörter und Ansätze eines maschinell anmutenden englischen Akzents, wenn man genau hinhört. Doch insgesamt meistert die künstlerisch tätige künstliche Intelligenz den Dialekt mit Bravour.

Bei Neuzuzügern bereits ein Hit

Entstanden ist der «Zeller Song» übrigens im Hinblick auf den Neuzuzügeranlass. Man habe dafür etwas «Lustiges und Neues» kreieren wollen, sagt Gemeindepräsidentin Regula Ehrismann (EVP). «Es war dann der Wunsch der anwesenden Neubürger, die Möglichkeit zu haben, diesen Song nochmals zu hören.»

Identifikation zu schaffen scheint er also bereits, der neue Song. Ob das genauso gut gelingt, wie wenn sich Menschen in die Herzen der lokalen Bevölkerung zu singen versuchen – siehe EHC-Wetzikon-Song oder Züri-Oberland-Schlager –, wird sich erst weisen.

Fazit: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. In der Playlist des Autors wird der Song jedenfalls nicht landen. Aber der gehört als Fremdling ja auch nicht zum Zielpublikum.

Punktabzug gibt es dennoch. Einmal für die Transparenz: Dass der Song nicht menschengemacht ist, verrät einzig der kleine Vermerk «enthält KI» neben dem Videotitel.

Und vielleicht für den Fakt, dass ein «Zeller Song» auch eine Möglichkeit gewesen wäre, sämtliche kulturellen Schätze der Gemeinde in ein Werk zu packen – mit den bereits genannten Chormitgliedern, einer Prise Paul Burkhard, einer schelmischen Judith Bach und akrobatischen Pipistrelli im Musikvideo.

Eine verpasste Chance? Nur so viel: Was nicht ist, kann ja noch werden.

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