Eine Autorin aus Uster reist in die Vergangenheit nach Flüelen
Historischer Roman
Die Ustermerin Eva-Maria Müller hat den zweiten Band ihres Romans «Die Urgrossmutter» geschrieben. Eine tragische Geschichte über eine Wirtin, die fast keine Rechte, dafür viele Pflichten hatte.
Eva-Maria Müller bringt jetzt den zweiten und auch letzten Band des Romans «Die Urgrossmutter» heraus. Fünf Jahre lang beschäftigte sich die Autorin mit der Hauptfigur Josi. Einer smarten Frau, die im 19. Jahrhundert als erfolgreiche Wirtin tätig war. Es ist die Geschichte einer Mutter, die den Beruf und ihre vielen Kinder unter einen Hut bringen musste.
Josi führte in Flüelen ein Hotel – dies während der Zeit, als der Gotthardtunnel gebaut wurde. Müller hat, stellvertretend für ihre Urgrossmutter, einen neuen Namen für die Figur erfunden, um nicht zu nah an der Familiengeschichte dran zu sein. «Ich wollte frei sein in der Erzählung, musste aus all den historischen Dokumenten Zusammenhänge neu erfinden.»
Feedback vom ersten Band genutzt für die Fortsetzung
Nach der Veröffentlichung des ersten Bands «Die Urgrossmutter – Mädchenträume» hat die Ustermerin viele Zuschriften erhalten. «Es schien die Menschen zu berühren.» So kam sie auch zu Briefen, die damals von ihren Verwandten aus Amerika nach Flüelen verschickt worden waren. Ein Bruder der Urgrossmutter ist nämlich nach Nordamerika ausgewandert und versuchte sein Glück als Architekt. «Diese Briefe dienten als weitere Inspiration, die ich in den zweiten Band einfliessen lassen konnte.»
Zudem ergab sich eine neue Bekanntschaft: Die Autorin lernte einen Ustermer kennen, der sie aufgrund des ersten Bands anschrieb. Es stellte sich heraus, dass sie verwandt sind und dieselbe Urgrossmutter haben. Auch daraus ergaben sich neue Handlungsstränge in Josis Geschichte.
Ein historischer Schatz im Schrank
Die Reise in die Vergangenheit begann mit dem Tod von Müllers Mutter. «Sie hatte einen privaten Kleiderschrank, wo wir schon als Kinder nicht herandurften.» In der hintersten Ecke dieses Schranks fand Müller einen Karton mit alten Briefen, die in der Gegend rund um das Isenthal und Flüelen verschickt worden waren – auch uralte Fotos waren darunter.
Nach und nach wurde ihr klar, dass ihre Urgrossmutter im Kanton Uri ein Hotel übernommen haben musste. «Ich fragte mich, wie das zu der Zeit möglich gewesen war als Frau – und noch für eine, die nicht in einem Hotelbetrieb aufgewachsen war.» Müllers Forschergeist war geweckt. «Die Geschichte entwickelte sich wie ein Mosaik.» Es seien immer neue Stücke dazugekommen.


Müllers Urgrossmutter hat das Hotel in Flüelen nicht nur geführt, sondern nach dem Bau der Gotthardbahn auch umgebaut und erweitert. «Jedoch habe ich in den Unterlagen ziemlich bald gesehen, dass ihr – auch nach dem Tod des Ehemanns – das Hotel nie wirklich gehört hat.»
Schlimmer als gedacht
Müller hatte während des Lesens der Unterlagen mehrere schmerzhafte Erkenntnisse gehabt. «Mir war nicht bewusst, wie wenige Rechte eine Frau im 19. Jahrhundert wirklich hatte.» Das Stimmrecht, das in der Schweiz sogar erst 1971 eingeführt worden sei, sei das eine, aber auch das Erbrecht habe die Frauen von damals einfach übergangen. Selten durfte eine Frau einen Beruf erlernen und ihn auch ausüben. Dies vor allem, wenn sie verheiratet war.
Es müsse eine Zeit gewesen sein, in der sehr viel Doppelmoral geherrscht habe, sinniert Müller. Eine Frau musste zum Beispiel damals, nachdem sie ein Kind geboren hatte, mit gesenktem Haupt in die Messe gehen. Das nannte man «aussegnen». «Einerseits sollte eine Frau möglichst viele Kinder gebären, vor allem Söhne, andererseits galt eine Geburt als unrein», so Müller. Die Väter waren davon befreit. So was gehe doch nicht auf.
Frauenthemen schlecht dokumentiert
Müller merkte beim Schreiben auch, wie wenig historisches Material vorhanden ist, wenn es um praktische Mutterthemen geht. «Ich musste jeweils sehr lange recherchieren.» Zum Beispiel fragte sie sich, wie man früher einen Schoppen hergestellt hatte. «Zu der Zeit gab es ja noch keine Trinksauger aus Latex oder Kautschuk.» Oft musste Müller erst das richtige Wort für das finden, was sie suchte. So erging es ihr auch mit dem Tragetuch, bis sie irgendwo ein Bild eines solchen sackartigen Tuchs fand.
Der Autorin war es wichtig, die Geschichte einer Frau aufzuschreiben. «Jedes einfache Leben wäre es wert, festgehalten zu werden.» Zudem gebe es viel zu wenige Frauenbiografien. «Damals dokumentierten ja eher die Männer, die wenigsten interessierten sich für weibliche Themen.»
Auch für Müller selbst war die Beschäftigung mit ihren Vorfahren aus Flüelen wichtig. «Ich wusste zum Beispiel vorher nie, wo mein eigenes Unternehmergen herkommt», sagt die Autorin und schmunzelt. Über ihre Grossmutter – die Tochter der fiktiven Josi – wurde in der Familie nur selten gesprochen. «Sie ist früh gestorben.» Erst später wurde Müller klar, dass ihre Oma wegen des frühen Verlusts ihres Vaters kein einfaches Leben gehabt haben musste.
«Eigentlich hatte ich am Schluss so viel Material, dass ich locker auch noch einen dritten Band hätte schreiben können.» Doch nun will sich die 66-Jährige Neuem widmen. Das 19. Jahrhundert hat es ihr dennoch sehr angetan. «Es war eine spannende Zeit.» Noch weiss Müller aber nicht, welches Themas oder welcher Biografie sie sich als Nächstes annehmen will.
Lesungen in Uster
Am 27. August liest Eva-Maria Müller um 15 Uhr im Restaurant Ustra. Die Veranstaltung wird vom Seniorennetz Uster organisiert. Eine Anmeldung ist per E-Mail veranstaltungen@seniorennetz-uster.ch erforderlich.
Eine weitere Lesung findet am 17. September um 15 Uhr im Tertianum Uster statt.
Beide Bände können direkt bei Eva-Maria Müller bestellt werden. Sie hat die Bücher im Eigenverlag produziert. Die Bände liegen aber auch in diversen Buchhandlungen auf und können zudem im ZO-Shop bezogen werden.