Was heisst denn Familie, liebes «Reeds»?
It’s a family thing
Das grösste Reggae-Festival der Schweiz sei Familienangelegenheit, heisst es in dessen Motto. Jetzt haben wir mal nachgefragt. Was sagen die Gäste am 20-Jahr-Jubiläum dazu?
Sie sitzen auf Schultern, schlagen Räder auf der Wiese und rennen durchs Gelände. Es ist etwas aussergewöhnlich, so viele Kinder auf einem Festival zu sehen. Das «Reeds» ist dieses Wochenende 20 Jahre alt geworden. Ihr Motto lautet «It’s a family thing».
Warum eignet sich das bescheidene, gleichzeitig grösste Reggae-Festival der Schweiz besonders gut für Familien? Das haben uns Gäste am Eröffnungstag erklärt:
«Es ist ein gutes Festival für Kinder, weil es eben für sie ausgerichtet ist. Mit Schminken und Spielen», sagt Angi aus Bern mit ihrem Kind im Arm. Sie komme schon seit sieben Jahren ans «Reeds» und nun zum ersten Mal mit Kind. «Ausserdem nehmen die Gäste hier viel Rücksicht aufeinander, und so fühlt man sich wohl.»

Auch für Helen ist es bereits das siebte Mal am «Reeds». Sie stimmt dem Motto zu. «Man fühlt sich immer willkommen. Ich war auch schon hier, als ich hochschwanger war.» Nun ist sie zum zweiten Mal mit ihrer Tochter Mina am Festival. «Wir sind mit unseren VW-Büschen gekommen und campieren. Da der Platz nicht gleich beim Gelände liegt, können wir uns vom Lärm gut zurückziehen.»
Wichtig. Denn so wie auch Erwachsene mal einer Menschenmasse oder lauten Bässen entfliehen wollen, können auch Kinder mal die Schnauze voll haben. Die Stimmung ist sehr familiär und festlich. Und so wie es unter Familien eben normal ist, kann es auch mal zu Trotzreaktionen kommen. «Man darf eben nichts erzwingen. Wenn das Kind genug hat, dann ist eben genug», sagt ein Vater aus Pfäffikon.
Familie kann vieles bedeuten
Selbstverständlich kommen nicht nur Familien ans Festival. Auch Freundesgruppen tanzen, hüpfen und lachen zusammen. Hin und wieder gibt es eine Runde Bier. Oder einen Sprung in den See. In der Koexistenz der verschiedenen Gästegruppen verschwimmen die Trennungen zwischen den menschlichen Beziehungen, sodass das Festival einem festlichen Dorf gleicht.
«Es ist schön, dass man mit den Kindern kommen kann. Aber man muss das nicht so wörtlich nehmen», sagt ein Pfäffiker, der schon seit 20 Jahren das Festival besucht. Was dieses familiäre Ambiente ausmache, sei das gesamte Publikum. Man respektiere sich gegenseitig, egal, ob jung oder alt. «Das war schon immer so. Freundesgruppen kommen plötzlich mal mit Kindern. Das eine schliesst das andere nicht aus», betont er.
«Was soll das überhaupt heissen, familiär?», fragt Livio aus Bern, der zum zehnten Mal am Festival ist. Unter den Besucherinnen und Besuchern spalten sich die Meinungen. Familie könne vieles bedeuten. Eigentlich sei es ein seltsames Konstrukt, denn es sei so willkürlich, findet eine Besucherin aus Zürich. Im Gegensatz zu Freundschaft, die man sich bewusst aussuche.
«Ich glaube, bedingungslose Liebe, Versöhnung und Authentizität machen für mich den Begriff Familie aus», sagt eine Russikerin, die am Festival mit der Trommelgruppe Borumbaia auftritt.
Meinungen gibt es viele. «Familie ist ein Gefühl. Das kann man nicht beschreiben, aber am Reeds kann man das erleben», sagt Marc, der mit Heinz eine Zigarre raucht. Die beiden sind Pfäffiker und haben das Festival schon lange auf dem Programm. Als Besucher wie auch als Helfer.
Ein natürlicher Wandel
«Das ist mir auch dieses Jahr wieder bewusst geworden, als wir das Festival mit aufgebaut haben», sagt Heinz. Die Kinder des OKs oder der Mitarbeitenden seien stets dabei. «Das entwickelt sich natürlich, wenn man schon so lange dabei ist, und macht das Festival auch so besonders.»
Dass so viele Familien an einem Festival teilnehmen, ist für Marc nicht selbstverständlich. Ein Bub rennt an ihm vorbei, und Marc kommentiert dies damit, dass es am «Reeds» lebendig sei. «Man spürt einfach das Herzblut, das hier hineingesteckt wird», sagt er.
Der erste Tag neigt sich der Dunkelheit zu. Auf dem Gelände steht Mirjam, die seit zwanzig Jahren Mitarbeiterin am «Reeds» ist. Mit einem Stöpsel im Ohr schaut sie auf das eindunkelnde Gelände. Von der Bühne leuchten die Scheinwerfer rot und blau. Soeben hat sie ihre Kinder verabschiedet.
«Ja, sie waren auch beim Aufbau schon dabei. Das gehört hier fast dazu», sagt sie lächelnd. Was heisst denn nun aber «It’s a family thing»? «Dass man sich gut kennt und es miteinander geniesst.» Kinder sollen dies mitgeniessen dürfen. «Und wer weiss, vielleicht übernehmen sie das Festival ja irgendwann», hofft Mirjam.
Als Überraschungsgast stand kurz vor 8 Uhr auch der Gemeindepräsident Marco Hirzel (parteilos) auf der Bühne und dankte dem Festival-OK für den jahrelangen Einsatz. Hirzel überreichte dem OK-Präsidenten einen Gutschein und lobte die ehrenamtliche Leistung des Teams, die stets einwandfrei gewesen wäre.