In Maur fliegen die Späne auf Spanisch
Kunst mit Sägen und Meissel
Aus einem Baumstamm kann man vieles machen. Vier Kunstschaffende aus Lateinamerika zeigten auf der Forch, was sie sonst auf Symposien in der ganzen Welt präsentieren: Werke, die Geschichten erzählen.
Auf der Forch gibt es einen Garten, der schöner nicht sein könnte: Die Aussicht reicht über den Greifensee bis ans andere Ende des Oberlands. Skulpturen aus Holz schmücken das Grün hinter dem Haus, auf dem Boden liegen Holzspäne, und im Hintergrund rattert eine Motorsäge. Das ist keineswegs ein Bruch der Idylle, sondern ein kleines Paradies der Holzbildhauerei.
Diese Woche trafen sich vier Künstlerinnen und Künstler aus Lateinamerika am Holzbildhauersymposium Wassberg – im benannten Garten. Sie stellten nicht nur bereits geschnitzte Kunstwerke aus, sondern errichteten aus Baumstämmen gleich neue Skulpturen, was zu jeder Zeit für ein potenzielles Publikum zugänglich war. Mit schwerem Werkzeug für grobe Arbeiten wie Kettensäge oder Meissel schnitzten die vier fabelhafte Werke mit beeindruckenden Details.
Gabriela Lopez ist aus Argentinien, wie auch Claudio Kucharczuk und sein Sohn Yazimel. Jessica Cheng flog aus Costa Rica ein. Tagein, tagaus arbeiteten sie an ihren Skulpturen, die sie erst auf Papier zeichneten, aus Knetmasse eine Minifigur formten und dann aus Lärchen-, Linden- oder Eschenstämmen feilten.
Die Magie eines Symposiums
Gefesselt von der humanen Form, schnitzt Lopez meistens Menschen. Oder genauer gesagt: Frauen und Mädchen. «Die Frau hat es in vielen Ländern schwer, wie auch in Argentinien.» Mit ihren Skulpturen zeigt sie den weiblichen Körper in all ihren Facetten: stark, verspielt, mal traurig, mal glücklich. Jede Figur erzählt eine Geschichte. So auch das apfelpflückende Mädchen, Lopez’ neueste Statue.
Obwohl alle an ihren eigenen Werken arbeiten, wird vieles geteilt. «Das ist eine wunderbare Gelegenheit, sich mit anderen Künstlern auszutauschen und von ihnen zu lernen», sagt Lopez. Ausserdem sei man an einem neuen Ort mit anderen Holzarten konfrontiert und müsse sich mit verschiedenen Materialien auseinandersetzen. «Das ist eine Bereicherung», betont die Argentinierin.
Auch Kucharczuk weiss ein Symposium, also eine Zusammenkunft von Gleichgesinnten, zu schätzen: «Man steht unter Strom, wenn Leute zuschauen. Das ist wie Adrenalin, weil man es ja gut machen will.» Wichtiger ist ihm jedoch, seine Arbeit vermitteln zu können. «Wenn man uns schnitzen und sägen sieht, dann merkt man erst, was für ein Prozess dahinter steckt.»
Auf der Forch war sogar eine Schulklasse zu Besuch. «Für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, zu sehen, wie die Dinge entstehen. Damit lernen sie, achtsam mit Kunst umzugehen und diese zu schätzen, statt sie zu zerstören», sagt Kucharczuk. Er ist bereits pensioniert. Früher war er auch noch Dozent und lehrte, was er am besten konnte: Kunst.
Es braucht ein bisschen Glück
«Ich hatte viel Glück, denn ich konnte immer als Künstler arbeiten und davon leben», sagt der Argentinier. Mit seinen Skulpturen machte er sich einen Namen, sodass er stets genügend Aufträge hatte. Mit der Zeit gewann er auch an Meisterschaften und reiste von Symposium zu Symposium. Zusammen mit seiner Partnerin Lorena organisiert er nun selbst solche Zusammenkünfte.
Doch so viel Glück hat nicht jeder, denn die Situation in Argentinien ist zurzeit prekär und die finanzielle Lage sehr instabil. «Wegen der Inflation ist das Material teurer geworden. Manchmal findet man nicht all das Werkzeug, das man braucht», sagt Gabriela Lopez.
Auch für Cheng aus Costa Rica kann es schwierig sein. Das hat aber andere Gründe: «Die Schutzkleidung ist meistens für Männer gemacht. Ich bin so klein, dass ich kaum passende Handschuhe oder Schuhe finde.» Damit sie gut ausgerüstet ist, bestellt sie die benötigten Dinge aus dem Ausland. «Ich bin viel näher an den USA als Gabriela. Das ist ein grosser Vorteil.»
Ein kunstaffiner Gastgeber
Dieses Symposium findet zum ersten Mal statt. Als Testlauf. Aber wem gehört eigentlich der Garten? «Ich hatte den Platz und wollte diesen zur Verfügung stellen», sagt Alfio Zweifel. Der 67-Jährige ist nicht nur der Gastgeber, sondern auch ein Bewunderer der Holzbildhauerei.
Vor seiner Pension betrieb er seine eigene Garage und Pneuhaus auf der Forch, mit Kunst hatte er früher nicht viel am Hut. Als die Pandemie begann, reiste er gerade mit seiner Partnerin Susanna, die ihn auch am Symposium tatkräftig unterstützte, mit seinem Wohnmobil Pablo durch Argentinien. Die Ausreise wurde kompliziert, und die Reise verlängerte sich um Monate. Doch in Argentiniens Pampa lernte er Gabriela Lopez kennen.
Sie wurden gute Freunde und sahen sich dann an einem Holzbildhauersymposium in Italien wieder. «Diese Kunstform hat mich sehr beeindruckt, und es ist unglaublich, was die Künstlerinnen und Künstler für berührende Statuen erschaffen können», sagt Zweifel. An weiteren Symposien lernte er auch die anderen Künstlerinnen und Künstler kennen, die er zu sich einlud.
Er organisierte das Holz und machte alles dafür, dass die Kunstschaffenden ihre Werke präsentieren konnten. «Es ist nicht einfach für die Künstler, vor allem nicht in Argentinien. Und ich wollte sie in irgendeiner Form unterstützen.»
Ausserdem sei ihm aufgefallen, dass Holzbildhauersymposien in der Schweiz nicht so verbreitet seien wie dort. «Trotzdem bin ich überrascht, denn es sind mehr Leute vorbeigekommen als erwartet», sagt der Gastgeber.
Sollte es ein nächstes Mal geben, so wünscht sich Alfio Zweifel dies nicht mehr in seinem Garten zu veranstalten, sondern an einem öffentlichen Ort, beispielsweise am Greifensee, mit mehr Künstlerinnen und Künstlern. «Und einem erweiterten Rahmenprogramm, wie es das Holzbildhauersymposium am Brienzersee seit Jahren mit grossem Erfolg veranstaltet», sagt der pensionierte Unternehmer. «Diese faszinierenden Werke müssen einfach gesehen werden.»