Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Kultur

Fleissig bereitete sich das Oberland auf das Eidgenössisches Trachtenfest vor

Dieses Wochenende findet das grösste Volksfest der Schweiz in Zürich statt – für das Oberland bedeutete das viel Arbeit.

Fleissig bereitet sich das Oberland auf das Eidgenössische Trachtenfest vor.

Foto: Mel Giese Pérez

Fleissig bereitete sich das Oberland auf das Eidgenössisches Trachtenfest vor

Die Pracht der Tracht

Dieses Wochenende dreht sich in Zürich alles um Trachten. Ob mit Nadel, Faden oder Tanzschritten: Das Oberland hat sich mächtig ins Zeug gelegt.

Mit einer einladenden Handbewegung öffnet ein Mann die Türe zu einem Büro in Bubikon. Er ist am Telefon und diskutiert über Rechnungen. Oder sind es Aufträge? Dabei schreitet er durch sein Reich. Genau so sollte ein Kulturbüro aussehen: Ein wenig chaotisch, aber sehr inspirierend. Viele Bücher, sorgfältig in Regalen versorgt. Von den Wänden hängen Veranstaltungsplakate. Hie und da ein antikes Möbel.

«Entschuldigen Sie bitte, aber die Vorbereitungen sind in vollem Gange, und die Festabzeichen sind bereits ausverkauft», sagt Johannes Schmid-Kunz höflich, nachdem er das Telefon beendet hat. Er ist der Geschäftsführer des Eidgenössischen Trachtenfests (ETF), das dieses Jahr, nach genau 50 Jahren wieder, in Zürich stattfinden wird. Ein Fest, das sich ganz den traditionellen Trachten der Schweiz verschreibt.

Über 700 verschiedene Trachten hat die Schweiz – 37 davon nur aus dem Kanton Zürich. Alle zwölf Jahre zeigen sich Tausende von Menschen aus Verbänden, Vereinen, Jodelclubs und Tanzgruppen in ihrer Pracht und zelebrieren die Schweizer Volkskultur. Und dieses riesige Fest, mit einem Budget von 4,5 Millionen Franken, wird im heimeligen Bubikon organisiert.

«Die Vorbereitungen sind ein rollender Prozess, es gibt viel zu tun, aber es wird alles ermöglicht», sagt Schmid-Kunz zuversichtlich. Damit beispielsweise die Teilnehmenden aus den Vereinen untergebracht werden können, hat das ETF neun Turnhallen gemietet. Sieben der Hallen sind für Erwachsene, zwei sind für Kinder, die am Samstag durch die Stadt ziehen.

«Die Leute sollen möglichst lange am Fest bleiben können, und so ist die Unterkunft wenigstens günstig.» Schmid-Kunz ist nicht der Einzige im Oberland, der sich für dieses Fest mächtig ins Zeug gelegt hat.

500 Schürzen: Von Bauma für Zürich

In einer alten Fabrikantenvilla in Bauma, wo die Holzböden knarzen und die Türen singen, stehen auf grossen Tischen alte Nähmaschinen. Rundherum grosse Scheren und dunkelblaue Stoffresten. «Indigo. Nicht dunkelblau», sagt Markus Dobrew, Geschäftsleiter des Heimatwerks, die benannte Villa.

Das Heimatwerk Zürcher Oberland ist eine Schneiderei, unter anderem. Es fokussiert sich auf eine ganz bestimmte Modelinie, wenn man so will, und das sind traditionelle Trachten. Es werden Kleider angepasst, die teilweise schon über 100 Jahre alt sind. Oder auch neue Trachten auf Mass geschneidert.

Hier entstehen für das ETF 500 Schürzen, die frei von Trachtenschürzen inspiriert sind. Diese sollen die Mitarbeitenden beim Fest tragen. «Die Schürze ist angelehnt an das Zürcher Wappen und ist so designt, dass die Mitarbeitenden genügend Bewegungsfreiraum haben», erklärt Dobrew.

Eine Indigo-weisse Schürze.
Die Schürze ist dem Gastgeberkanton gewidmet. Hergestellt vom Heimatwerk Bauma und gesponsert von der Konditorei Voland.

Doch eigentlich hat die Schürze nichts mit einer Tracht zu tun. Denn eine Tracht ist komplett normiert. Das heisst, dass alles seine bestimmte Länge, Form oder Anzahl hat: der Saum, das Muster, die Knöpfe, die Stickereien, eben alles, hat strengen Regeln zu folgen. «Das ist wichtig. Nur dann ist eine Tracht wirklich authentisch» sagt der Geschäftsleiter.

Weil das Heimatwerk in Bauma zu Hause ist, fokussierte es sich früher noch auf Oberländer Trachten. «Es gibt natürlich nicht nur eine Tracht», erklärt Dobrew. Man unterscheidet zwischen Werktagstrachten, also solche, mit denen man gearbeitet hat, Sonntagstrachten und Festtagstrachten. Und jedes Gebiet hat ihre eigenen drei Varianten.

«Sie unterscheiden sich in den Farben oder im Muster, je nach Region.» Die Blumen oder Pflanzenmuster geben einen Hinweis darauf, woher die Tracht sein könnte. Während die Ähre das Oberland symbolisiert, steht die Rebe für das Unterland.

Doch mittlerweile beherbergt das Heimatwerk Trachten aus der ganzen Schweiz, vom Osten bis hin zum Wallis. Das kommt daher, dass der Betrieb auch zum Auffangbecken für geerbte Trachten geworden ist. Sozusagen.

Denn Trachten sind meistens im Familienkreis von Generation zu Generation weitergegeben worden. Fällt eine solche Tracht in die Hände einer Person, die nichts damit anfangen kann, so gibt es eine Entscheidung zu fällen: Wohin damit? «Fürs Brocki ist sie zu schade, zum Verkauf zu exklusiv, also bringen manche es hierhin», sagt Dobrew.

Doch die Schneiderinnen in Bauma haben sich nicht nur dem Designen und Schneidern der 500 Schürzen verschrieben. Der Betrieb wird auch auf dem Brauchtumsmarkt am Bürkliplatz anwesend sein und Schmuck, Accessoires wie auch Textilwaren verkaufen.

Eine Tracht ist kein Dirndl

Fleissig wird auch in Rüti geschneidert. Silvia Heierle hat ihr eigenes Atelier für Trachten-Couture und ist eine Expertin mit über 40 Jahren Erfahrung. Sie stickt von Hand Löcher in einen Stoff. «Das wird eine Bluse, und die Hohlsäume mache ich von Hand. Eine Maschine kann das noch nicht», sagt sie entspannt. Es sieht anstrengend aus, doch Heierle verneint. «Ehrlich gesagt, ist das wie eine Meditation für mich. Andere Arbeiten sind komplizierter.»

Auch sie schneidert Trachten nach Mass oder übernimmt Änderungsarbeiten – obwohl sie schon pensioniert ist. Wegen des Trachtenfests ist sie auch schon seit Monaten ausgebucht. Die Saison habe sich für sie dieses Jahr verlängert. Normalerweise habe sie die Hochsaison für das Sechseläuten. «Jetzt ist aber noch das Trachten- und das Schwingfest dazu gekommen. Und das gibt viel zu tun.»

Sie vermietet ihre Trachten auch. Zwischen 250 und 350 Franken kostet die Miete. Wäre ein Dirndl nicht günstiger? Heierle lacht. «Ein Dirndl hat schon längst nichts mehr mit einer traditionellen Tracht zu tun. Das wurde so kommerzialisiert und dadurch entfremdet. Das war sowieso nie Teil unserer Kultur.»

Eine Frau steht mit zwei Schneiderpuppen, die Trachten tragen.
Silvia Heierle mit einer Zürcher Festtags- und einer Werktagstracht.

Die Schneiderin bestätigt, was auch im Heimatwerk erklärt wurde. «Eine Tracht hat ganz konkrete Vorgaben, und jedes Detail ist aufeinander abgestimmt, vom Ausschnitt über die Taille bis zur Saumlänge», erklärt sie. Wenn beispielsweise ein Chor in Tracht gekleidet sei, dann müsse das einheitlich aussehen. Die Länge der Säume dürfe dann nicht variieren.

Der Saum einer Tracht ist mit einem Band verziert.
Das samtige Band der Schürze muss perfekt auf das Band des Jupes verlaufen.

Eine Vermietung ist daher mit Aufwand verbunden. «Hat jemand eine höhere Taille, dann muss das berücksichtigt werden.» Das heisst, dass der Jupe hochgesetzt werden muss, die Bluse angepasst und der Saum verlängert. «Es reicht nicht, dass man links und rechts die Kleider zusammenzieht. Trachten müssen richtig getragen werden.»

Und für eine solch aufwendige Arbeit ist der Mietpreis nun wirklich wenig. Zum Vergleich: Eine Tracht kann mehrere tausend Franken kosten. Eine Festtagstracht sogar bis zu 8000 Franken. Das meiste ist Handarbeit, was das Ergebnis so wertvoll macht.

Damit neu angefertigte Trachten nicht zu teuer werden, gibt es Details, die maschinell gemacht werden können. «Blumenstickereien zum Beispiel. Mittlerweile können Maschinen das auch. Und in einem Bruchteil von dem, was es von Hand gedauert hätte.» Das senkt den Preis etwas.

Heierle selbst wird am Fest auch eine Tracht tragen. Welche, weiss sie noch nicht. Aber so viel ist sicher: Turnschuhe gibt es nicht. Von Kopf bis Fuss wird alles authentisch sein. So, wie es die Tradition verlangt.

Mit Volkstanz aus der Reihe tanzen

«Ich bin mit dem Bezug zur Tradition aufgewachsen und habe eine grosse Leidenschaft dafür», sagt Annegret Walder. Sie ist Tanzleiterin der Volkstanzgruppe am Bachtel, und das seit 20 Jahren. «Ich habe schon als Kind getanzt, und als hier jemand gesucht wurde, habe ich mir das eben zugetraut.» Walder hat Choreografien einstudiert, die sie mit der Tanzgruppe am Samstag auf dem Lindenhof in Zürich aufführen wird.

Dabei hat sie ein Medley, also ein Zusammenschnitt, aus verschiedenen Volkstänzen erarbeitet. Fünf von den zehn Tänzen sind aus Zürich. «Es ist wie ein Potpourri aus verschiedenen Melodien und Tanzschritten», sagt eine der Tänzerinnen. Walzerschritte, schottische, Polka oder Mazurka sind in dieser Choreografie enthalten.

Und ein kleines Intermezzo gibt dem Ganzen eine individuelle Note. Denn die Tanzgruppe besteht aus zwei verschiedenen Altersgenerationen: die Jungen und die Senioren. Die Jungen werden für knappe zehn Minuten die Bühne für sich haben, wo sie sich auch an moderneren Volkslieder bedienen. «Traditionen sind schön, aber man muss auch mit der Zeit gehen können», sagt die Tanzleiterin.

Es sei sowieso schon schwer genug, den Nachwuchs in den Tanzgruppen zu fördern. Für das junge Intermezzo gab es sogar Verstärkung vom sankt-gallischen Trachtenverein Goldingen. Fünf junge Paare tanzen unter anderem einen Türmliwalzer, mit der entsprechenden Tanzfigur: die eine Hand um die Taille der Partner, die andere über dem Kopf. Wie ein Türmli eben.

Danach kommen auch die Seniorinnen und Senioren wieder auf die Bühne. Es wird im Kreis getanzt, gehüpft und bald auch schon geschwitzt. Nicht ganz ohne, so ein Volkstanz. Deshalb wird gehofft, dass das Wetter am Trachtenfest mitspielt: Nicht zu heiss sollte es sein. Denn die Tänzerinnen und Tänzer tragen Trachten, die schon warm genug sind.

Weil Annegret Walder gerne aus der Reihe tanzt und Variationen liebt, wird die Tanzgruppe nicht in einheitlicher Tracht erscheinen, sondern nach persönlichem Geschmack. Oder anders gesagt, mit der Tracht des Heimat- oder Wohnorts. Es werden Zürcher Werktags- und Sonntagstrachten, Festtagstrachten und auch solche aus anderen Kantonen getragen.

Das Tanzen ist für die Leiterin eine Herzensangelegenheit, und der Spass steht im Vordergrund. Scheinbar teilen die Tänzerinnen und Tänzer diese Leidenschaft. Denn diese geballte Ladung an Tanzlust ist regelrecht ansteckend.

Das wird in die Geschichte der Stadt Zürich eingehen

Tänze wird es am Trachtenfest zur Genüge geben. Nicht nur aus der Schweiz. «Wir haben internationale Gruppen, die etwas aufführen werden», sagt Johannes Schmid-Kunz, Geschäftsführer des ETF. In Zürich gebe es sowieso viele migrantische Gruppen, die ihrer Tradition Sorge tragen. «Das ist eine unglaubliche Bereicherung.»

Ausserdem sei dies ein Aspekt, der in Zürich eine wesentliche Rolle spielt: die vielen Kulturen, die zusammenfinden. Nicht nur aus anderen Ländern. Das Plakat des ETF 2024 ist ein perfektes Beispiel dafür. «Die Punk-Person und die Trachtenfrau. So sieht man doch Zürich, als weltoffen. Man muss den Puls der Stadt in das Fest einbauen können», sagt Schmid-Kunz.

Das Plakat sei sogar inspiriert von einem Foto, dass er selbst vor vielen Jahren geschossen hat. «An einem Trachtenfest sprachen ein junger Mann mit Irokesenschnitt und eine Frau in Aargauer Tracht miteinander. Das ist so ein wunderbarer Kontrast.»

Eine Frau in Appenzellertracht und ein Mann mit Irokese-Frisur sprechen miteinander.
Das Originalfoto, welches das Plakat am ETF inspiriert hat.

Am Samstagabend beispielsweise wird die Band Bodäständix in der Bahnhofshalle des Zürcher Hauptbahnhofs spielen. Angekündigt sei, dass die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden getanzt wird. «Gleichzeitig findet das AC/DC-Konzert statt. Wenn das Publikum dann auf dem Heimweg durch den Bahnhof geht, können wir vielleicht einige zum Mitfeiern motivieren. Das wäre doch passend.»

Zürich eignet sich eben für das Trachtenfest – wegen der vielen Kulturen und der Infrastruktur. «Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Stadt so viele Plätze hat. Das Fest kann so an vielen Orten gleichzeitig stattfinden.»

Schmid-Kunz ist sich sicher, dieses Fest wird in die Geschichte der Stadt Zürich eingehen. Unabhängig, ob man die Tradition der Trachten lebt und liebt oder neu kennenlernt.

Das Trachtenfest findet vom Freitag, 28. Juni, bis Sonntag, 30. Juni, statt. Über das ganze Wochenende wird es viele, wirklich richtig viele, Attraktionen in der ganzen Stadt Zürich geben: Tänze, Chöre, Ausstellungen, Demonstrationen und noch mehr. Das ganze Programm finden Sie hier.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns