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Kultur

Sie proben einen theatralischen Spaziergang durch Wetzikon

So entsteht ein Theaterstück mit Menschen aus der Ukraine, Somalia, Iran, Deutschland und der Schweiz. Während der Proben wird viel gelacht - und einander geholfen.

Die Theatergruppe probt in der Garage Wetzikon: Das Stück heisst: «Wer ist wir?»

Foto: Eleanor Rutman

Sie proben einen theatralischen Spaziergang durch Wetzikon

Proben für einen Stadtrundgang

«Wer ist wir?» heisst ein Theaterstück, das sich um Integration und ums Zusammenleben dreht. Es spielen Laien, die von überall her kommen.

Im Wetziker Kulturlokal Garage treffen sie sich seit letztem Herbst jeden Montagabend und proben für einen theatralischen Rundgang in der Stadt. Sie sind aus Somalia, Iran, Deutschland, der Ukraine und der Schweiz. Es ist ein Migrationsprojekt, das sich zum Ziel setzt, die Integration zu fördern: «Wer ist wir?» heisst das Stück.

Lachende Gesichter beim Warm-up. Die Teilnehmerinnen werfen sich einen gelben Ball zu und rufen den jeweiligen Vornamen. «Brigitte!» – «Tatiana!» – «Juliane!» – «Irina!» – «Emma!» – «Lena!»

Plötzlich sind zwei gelbe Bälle in der Runde, dann kommt noch ein grüner dazu. Die Koordination erfordert Konzentration. Das Spiel verbindet und macht wach.

Danach begrüssen die zwei Realisatorinnen Rebekka Spinnler und Beatrice Stebler die Theaterfreudigen: «Gestern haben wir unterwegs einen Realitäts-Check erlebt», sagt Spinnler. Die Theatertruppe spazierte zum ersten Mal mit dem Geprobten durch die Stadt und erfuhr hautnah, ob die erarbeiteten Texte zu den geplanten Orten passen.

«Lasst uns mal ein paar Worte aufzählen, die uns in den Sinn kommen nach dem Erlebnis von gestern», fordert Spinnler die Theaterbegeisterten auf.

Mit Pizza und Gummistiefel eine Geschichte erzählen

Strebel kramt ihr Smartphone hervor und nimmt die Stichworte direkt auf: «Wir» – «Friedhof» – «Gummistiefel» – «Gemeinschaft» – «rotwangig» – «Pizza» – «Gärtnerin», «Schulsekretärin» – «Stimmt nicht» – «Schulleiterin». Das geht sehr lange so, bis Irina Morozenko ganz bestimmt und klar «Ende» sagt. Alle lachen.

Morozenko kommt aus der Ukraine und ist seit zwei Jahren in der Schweiz. Sie lebt mit ihrer Tochter in Wetzikon. Theaterspielen ist für sie nicht neu: «Ich habe auch schon in Zürich im Sogar-Theater gespielt», sagt sie stolz.

Sie hat durch Irene Kupper vom Wetziker Projekt gehört. «Ich war bei ihr im Deutschunterricht, und sie hat uns allen davon erzählt», sagt Morozenko. Das habe sie sofort angesprochen.

Im Stück ist die Rede von einer Gärtnerin und einem Friedhof. Einige der Worte lassen erahnen, wo der Stadtspaziergang durchführen könnte. Spinnler will jedoch noch nicht alle Stationen des theatralen Rundgangs nennen. Nur so viel will sie verraten: «Wir starten bei den Schliessfächern am Bahnhof Wetzikon und enden mit einem Austausch im Lokal Garage.»

Rebekka Spinnler ist die Hauptinitiatorin des Projekts und hat schon im letzten Jahr ein ähnliches Theaterstück mit Migrantinnen und Schweizern in Frauenfeld erarbeitet. «Das Konzept ist ähnlich, aber es entsteht natürlich immer etwas Neues, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich und ihre Geschichten selber mit einbringen.»

Wetzikon als Gemeinschaft erleben

Im Zentrum steht die Frage: «Wer ist wir?» Die Schweiz ist eine Migrationsgesellschaft: Laut Statistik des Bundesamts verfügen 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung über einen Migrationshintergrund.

Im Rahmen des Programms «Neues Wir» der Eidgenössischen Migrationskommission (EKM) wird so in Wetzikon ein szenischer Stadtrundgang entwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nationalitäten soll im Vordergrund stehen: Ein Prozess, den alle gemeinsam mitgestalten.

«Mit dem Projekt will ich Menschen miteinander verbinden, die gemeinsam Kultur geniessen», sagt Spinnler. So soll beim Stadtspaziergang auch das Publikum mit eingebunden werden. «Es soll auch eins zu eins Interaktionen geben», so könne ein Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Wie es das Leben schreibt

Beatrice Stebler schaut auf ihr Smartphone mit der aufgenommenen Audiodatei: «Den Text könnten wir jetzt auch einfach an eine künstliche Intelligenz (KI) füttern und schauen, was sie für eine Geschichte daraus schreiben würde», sagt sie und schmunzelt.

Stebler ist selber Theaterautorin und kümmert sich um die Texte, die für das Stück entstehen. «Wir improvisieren – und so fliessen die Wörter spontan», danach schreiben die zwei Theatermacherinnen den Text auf und verteilen ihn an die Teilnehmerinnen.

Zwischendrin poppen bei den Proben immer auch persönliche Gespräche auf. Die Ukrainerin Tatiana Zabolotna erzählt von einem gut gelaufenen Bewerbungsgespräch. Sie könnte den Job haben, dennoch ist es nicht so einfach. Die anderen hören gebannt zu. Eine Teilnehmerin bietet ihre Hilfe an und sagt, sie würde beim Behördengang mitgehen, damit man Missverständnisse aus dem Weg räumen könne.

Zabolotna ist beim Stück mit dabei, weil sie selber gerne singt und tanzt. Sie ist im März vor zwei Jahren mit zwei Kindern und zwei Katzen in die Schweiz geflüchtet. Vorübergehend ist sie in einem Wetziker Alterswohnheim untergekommen. «Ich habe von einer Nachbarin von dem Theaterprojekt erfahren», sagt sie.

Juliane Neuhaus hingegen kommt ursprünglich aus Deutschland. Sie hat in der Schweiz schon an einigen Orten gelebt: in Genf, Vevey, «im Ghöch», Gossau – um nur einige Standorte zu nennen. Jetzt wohnt sie in Wetzikon. «Als Neuzugezogene ist es für mich so toll, wie schnell ich hier viele neue, spannende Menschen kennenlerne.»

Sie arbeitet als Sozialanthropologin an der Uni Zürich und hat drei Kinder. «Die Thematik der Integration interessiert mich auch beruflich.» Trotz der grossen Pensen schafft sie es montags meistens an die Theaterproben. «Ich komme oft erschöpft hier an und gehe aber sehr erfüllt nach Hause», sagt Neuhaus.

Wenn neue Kontakte geknüpft werden

An dem Abend sind Musiker Nemat Solat aus dem Iran abwesend, auch Regisseurin Eveline Ratering – und Jawle Cabdirisaaq aus Somalia – sind nicht da. Ihn könnte man vom Kiosk Dukaan her kennen, da er dort als Verkäufer arbeitet.

«Die Gruppe musste sich erst finden», sagt Spinnler. Am Anfang seien es 20 Theaterbegeisterte gewesen. Doch manchmal kommt das Leben dazwischen. «Einer hat einen Job bekommen und arbeitet jetzt abends», dann gingen die Proben leider nicht mehr.

Andere hätten sich nicht ganz auf die regelmässigen Proben- und Aufführungstermine im Juni festlegen können. Doch Spinnler geht davon aus, dass die elfköpfige Truppe, die jetzt miteinander probt, im Juni das Stück auch gemeinsam aufführen wird.

Zudem freut es die Initiatorin über die Eigeninitiative, die seit Beginn der Theaterproben immer wieder unter den Teilnehmenden entstanden ist. «Wenn ich in unserem Theater-Chat lese, dass eine Frau von sich aus schreibt, sie habe mit dem Musiker Solat Kontakt aufgenommen und werde das nächste Mal ein Lied mit ihm singen.» Zu sehen, wie ein Netzwerk in der Gruppe entstehe, dass sich neue Menschen kennenlernen und Kontakte knüpften – so sehe sie, dass der Austausch untereinander funktioniere.

Die Aufführungen finden bei einem Rundgang durch Wetzikon statt

Im Juni wird der szenische Stadtrundgang sechsmal gezeigt: am 11., 12., 20. und 21. Juni jeweils um 19 Uhr – am Samstag, 15. Juni, um 13.30 Uhr und am Sonntag, 16. Juni, zur Matinée um 11.00 Uhr.

Treffpunkt ist am Bahnhof Wetzikon bei den Schliessfächern. Weitere Infos sind auf der Webseite.

Am Ende des Spaziergangs kann sich das Publikum mit den Schauspielerinnen und Schauspielern in der Garage Wetzikon austauschen.

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