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Kultur

Mit seinem Chor will er die Menschen im Herzen berühren

Seit Sommer leitet João Martins den reformierten Kirchenchor Zell. Die Musik hat den gebürtigen Portugiesen von klein auf geprägt.

João Martins dirigiert seit diesem Sommer den reformierten Kirchenchor Zell.

Foto: Claudia Mracsek-Biotti

Mit seinem Chor will er die Menschen im Herzen berühren

Chordirigent in Kollbrunn

Er ist jung, ambitioniert, und Musik ist seine Leidenschaft: João Martins, der neue Kirchenchorleiter der Reformierten Kirche Zell. Ein Porträt über den jungen Chordirigenten.

Claudia Mracsek-Biotti

Der 24-jährige João Martins wirkt gesetzter, als sein Alter vermuten liesse, und hat das elegante Auftreten eines gereiften Herrn, der die Schätze der schönen Künste zu geniessen weiss.

Seit diesem Sommer leitet er den reformierten Kirchenchor Zell mit 32 aktiven Mitgliedern. Geprobt wird dienstagabends für zwei Stunden im Kirchgemeindehaus Kollbrunn.

«Der Chor war gut aufgestellt, als ich ihn übernommen habe», erzählt er erfreut. «Unterdessen haben wir uns aneinander adaptiert und zum ersten Advent auch schon ein recht anspruchsvolles Programm aufgeführt.»

Ihm sei bewusst, dass er die Tendenz habe, technisch recht fordernd zu sein. Er achte aber darauf, dass die Mischung zwischen Niveau und Spass beim Singen stimme. Ausserdem versucht Martins, seine Chormitglieder zu motivieren und im Selbstvertrauen zu stärken.

Etwa, wenn es bei komplexen Stücken zwischendurch harzt, bis der Durchbruch erreicht ist und die Musik ins Fliessen kommt. «Die Menschen sollen ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, Freude und Erfolgserlebnisse haben. Sie machen das ja freiwillig in ihrer Freizeit», erklärt Martins seine pädagogische Grundhaltung.

Musikalisch erfolgreicher Werdegang

Jeder Dirigent habe seinen eigenen Stil. So sei zum Beispiel sein Aufwärmen mit Körperabklopfen und den Dehnungsübungen vor dem Einsingen wohl für einige etwas gewöhnungsbedürftig gewesen.

Martins ist 1999 in einer kleinen Stadt namens Fafe in Portugal zur Welt gekommen und war das Nesthäkchen der Familie – seine beiden Brüder waren 13 und 9 Jahre älter.

«Ich stand stark unter ihrem Einfluss, da sie sehr musikalisch waren und ich sie ständig üben hörte», erinnert er sich. Als 7-Jähriger hat er begonnen, Horn zu spielen, mit zehn ist er auf Trompete umgestiegen. Bis er 15 war, hat er eine Musikschule besucht, wo Stimmbildung und Musiktheorie im Vordergrund standen.

Konzertprobe João Martins, Chor und Orchester
João Martins (vorne) ist überzeugt: Jedes Publikum verdient ein gutes Konzert, egal, wie gross das Publikum ist. Deshalb wird fleissig geprobt – wie hier fürs Adventskonzert.

Mit 18 begann er ein Studium an der Universität in Lissabon mit den Schwerpunkten Musiktheorie und Chorleitung, während seine Eltern nach Sion in die Schweiz auswanderten.

Im zweiten Studienjahr qualifizierte er sich für das Erasmus-Austauschprogramm in Ungarn. Am Kodály-Institut vertiefte er das Solfège, um Kinder und Erwachsene in Musik unterrichten zu können.

Solfège ist eine spezielle Unterrichtsmethode in der Musikpraxis, um völlige Sicherheit im Blattsingen zu erreichen. Dabei kommen insbesondere Gesangübungen mit den bekannten Silben der Tonleiter zur Anwendung.

Faszination fürs Dirigieren

Trotz seinem pädagogischen Rüstzeug realisierte João Martins, dass er nicht als Lehrer jahrein, jahraus dieselben Inhalte an Musikstudenten vermitteln wollte.

«Es hat wohl mit meiner Persönlichkeit zu tun, dass ich mich nach etwas Dynamischerem mit Konzerten vor Publikum sehnte», sagt Martins. Die exklusive Führungsrolle des Dirigenten habe ihn schon in seiner Jugend fasziniert, «als ich im Chor mitsang».

Während der Proben beobachtete, analysierte und entwickelte er eigene Ideen, wie er die Stücke am besten zur Geltung bringen und aufführen würde.

2020 vollendete er sein Studium in Lissabon, bewarb sich erfolgreich an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), und im Juni 2023 mündete seine Faszination fürs Dirigieren in einen Master Music Performance in Chorleitung. Beides schloss er mit Auszeichnung ab.

João Martins und Chor im Kirchgemeindehaus Kollbrunn
João Martins dirigiert den Chor während der Proben am Klavier und motiviert die Mitglieder, damit die Musik auch bei komplexeren Stücken ins Fliessen kommt.

«Natürlich ist Musik immer vollständig, aber mit Publikum ist es für mein Empfinden noch schöner», begründet Martins seine Begeisterung.

Jedes Publikum verdiene ein gutes Konzert, so sein Credo. «Der Chorgesang soll die Menschen berühren und sie auf eine schöne Art im Herzen mit der Botschaft des Gottesdiensts verbinden.»

Und das unabhängig davon, ob 10 oder 100 Menschen in der Kirche sitzen. Der leidenschaftliche und ambitionierte Chorleiter legt Wert darauf, dass die Aufführung keine oberflächliche Show ist, sondern ehrlich und tief aus dem Innersten kommt. «Die Chormitglieder müssen den Sinn und die Emotionen der Melodien und Texte erfassen, um sie den Zuhörern fühlbar übermitteln zu können.»

Bloss keine Popmusik

Wenn Martins nicht gerade den Zeller Kirchenchor dirigiert, dann vertieft er sein Wissen mit einem weiteren Studium an der ZHdK, singt in Profi-Chören und manchmal als Solist, hört in seiner Wohnung in Altstetten klassische Musik oder spielt Videospiele.

In Lokalen mit Popmusik trifft man den 24-Jährigen bestimmt nicht an. Wenn, dann begegnet man ihm mit seinen Freunden auf dem Fussballplatz.

Oder edel in Schwarz gekleidet im Zug nach Kollbrunn, wo er mit leicht entrücktem Gesichtsausdruck und geräuschreduzierenden Kopfhörern Bach, Beethoven, Mozart oder seinen Lieblingsdirigenten Herbert von Karajan beim Dirigieren der Berliner Philharmoniker hört.

Dabei geniesst er die Musik nicht nur, sondern analysiert sie auch intellektuell, um wie früher als Teenager Ideen für die eigenen Aufführungen mit seinem Chor zu entwickeln.

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