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Warum man mit vierzig noch als junger Architekt gilt

Omid Arami und Matthias Reifler sind im Iran und in der Schweiz aufgewachsen. Sie erzählen, warum sie sich schon früh für den Beruf des Architekten begeisterten.

Matthias Reifler( links) und Omid Arami (rechts) sind Senior Partner bei Meier Partner Architekten.

Foto: Élodie Peter

Warum man mit vierzig noch als junger Architekt gilt

Kulturspot Wetzikon

Omid Arami und Matthias Reifler sind Senior Partner bei Meier Partner Architekten. Sie erzählen, was Architektur mit Kunst zu tun hat und weshalb man in der Branche lange nicht zum alten Eisen gehört.

Élodie Peter

In den Ferien nicht nur durch Museen schlendern, sondern auch durch Gassen, man lässt Gebäude auf sich wirken und knipst Fotos von Wandmalereien, Steinsäulen und Kuppeln. Strassen als Dauerausstellung. Gebäude als Kunstwerke lebender oder verstorbener Architektinnen, Bauherren, Hochbauzeichnerinnen und Malern.

Architektur scheint einem erst aufzufallen, wenn sich die eigene Wohnung Kilometer entfernt befindet. Die Gebäude zu Hause sind durch das routinierte Vorbeigehen vielleicht zu vertraut geworden.

Die wabenartigen Säulen, grossen Glasfenster und das Stockwerk, das wie eine Tastaturtaste auf dem Rest der Konstruktion des Wetziker Suva-Gebäudes sitzt, erinnern daran, dass man für spannende Architektur gar nicht verreisen muss. Entworfen und umgesetzt wurde dieser Bau vom Architekturbüro Meier Partner Architekten.

Im Architekturbüro, keine zwei Minuten vom Bahnhof Wetzikon entfernt, befindet sich das Architekturbüro Meier Partner Architekten. Das Gebäude erinnert einen mit den beigen Holzbalken an eine robuste Scheune. Die kurze Glasfront im unteren Bereich und die moderne Eingangstüre, die über eine Betonbrücke erreichbar ist, lassen auf einen Umbau schliessen.

Hinter der Tür befindet sich ein langer Gang aus schwarzen Schränken mit scharlachroten Türen. Beim Entlanglaufen sieht man Büros und Konferenzräume mit langen Tischen und Whiteboards. Am Ende des Gangs hängen einige schwarze und weisse Bauhelme an der Wand. Die Decke ist hoch. Viereckige Lampen hängen von den weiss bemalten Deckenbalken.

Schon als Kind auf dem Bau mit Dreck gespielt

Omid Arami ist in der iranischen Hauptstadt Teheran aufgewachsen. Architektur hat ihn schon immer interessiert. «Mein Vater war Architekt. Schon als Kind bin ich mit ihm auf Baustellen umhergerannt.» Die Baustellen in Teheran seien spannender gewesen als diejenigen in der Schweiz.

«Für mich sind die Baustellen da etwas urchiger als die sauberen Baustellen hier.» Da habe es diese schönen Backsteine nicht gegeben. Die Steine seien von Hand in die richtige Form geschlagen worden. «Ich genoss es immer, diese rohen, halbfertigen Materialien anzufassen und etwas zu ‘dräcklen’ auf der Baustelle.»

Sein Vater habe ihm immer gesagt, dass er bloss nicht Architekt werden solle. «Architektur ist ein Knochenjob. Als junger Architekt gibt es kein nine to five.» Man arbeite enorm viel, sei aber nie zufrieden. Es gebe viele Nächte, in denen man durcharbeite.

Mit neunzehn ist Arami in die Schweiz gezogen und hat zuerst in einem Teehaus gearbeitet. Durch einen Freund habe er erfahren, dass zwei Architektinnen in Basel ein Büro eröffnet hätten und nach einem Praktikanten suchten. «Ich bekam den Praktikumsplatz und gestand mir ein, dass es genau das war, was ich machen wollte», sagt Arami. Unterdessen ist er einer der Senior Partner im Büro Meier Partner Architekten.

Architekturbüro «spielen» im Ferienhaus

Matthias Reifler ist ebenfalls Senior Partner. «Ich habe als Kind sehr viel gezeichnet und mich eigentlich immer für Grafik und Kunst interessiert», erzählt er. Nach dem Gymnasium habe er Architektur an der ETH Zürich und an der Harvard Graduate School of Design in den USA studiert. «Nach dem Studium machte ich mich mit einem Studienkollegen selbständig.» Dessen Familie habe ein kleines Ferienhaus am Zürichsee gehabt, in dem sie ihr erstes Büro einrichteten.

«Wir haben dann etwas Architekturbüro gespielt, obwohl wir noch keine Ahnung hatten», sagt Reifler. Aus dem Ferienhaus hätten sie dann ein Mehrfamilienhaus gebaut. «Während der fünf Jahre, an denen wir am Haus gebaut haben, verdienten wir insgesamt höchstens 3000 Franken.»

Sie hätten aber unglaublich viel gelernt dabei und Erfahrungen sammeln können, die sie in einem bereits bestehenden Büro nie hätten sammeln können. «Wir mussten eigene Rechnungen schreiben, Material kaufen, Mehrwertsteuern zahlen. Von diesen Dingen hatten wir keine Ahnung», sagt Reifler. Diese Dinge habe er nicht im Studium gelernt.

«Im Architekturberuf ist man gewissermassen auch Unternehmer, das wird im Studium nicht thematisiert», so Reifler. Alles, was eine Firma ausmache, müsse man selbst lernen.

Mit vierzig bist du ein junger Architekt

«Architektur ist etwas, das enorm von der Erfahrung lebt», erklärt Reifler. Wenn man aus der Schule komme, dann könne man gut entwerfen, habe aber noch keine Ahnung von der Umsetzung. Deswegen würde man zu Beginn auch so schlecht bezahlt.

«Es braucht sicher zehn Jahre Erfahrung, bis man ernst genommen wird und umfassenderes Wissen hat», sagt Reifler. «Mit vierzig bist du ein junger Architekt», sagt Arami. «Vorher ist man gewissermassen ein Praktikant», fügt Reifler an. «Wenn man das vergleicht mit einem Banker: Mit vierzig denken die bereits ans Aufhören. Zwischen zwanzig und dreissig pushen sie alles. Als Architekt weisst du bis vierzig nicht viel», meint Arami.

Man müsse sicher zwei bis drei Projekte realisieren, bis man technisch wisse, was es alles brauche, sagt Reifler. Kleinere Projekte würden drei, grössere zehn Jahre oder noch länger dauern. «Architektur ist der einzige kreative Job, bei dem man mit fünfzig nicht zum alten Eisen gehört.»

Architektur als Kunstform

Es hätten sich viele Gelehrte den Kopf darüber zerbrochen, wie viel von Architektur Kunst sei, erzählt Arami. «Irgendetwas zwischen 10 und 50 Prozent.» Für ihn habe Architektur mehr mit Ästhetik als mit Kunst zu tun. «Ästhetik hat schliesslich etwas mit Mathematik zu tun. Mit Proportionen», erklärt Arami.

«Architektur ist Technik und Kunst vereint», meint Reifler. Vitruv, ein römischer Architekt, habe einst gesagt: firmitas, utilitas, venustas. «Festigkeit – also alles, was Statik und Technik ist, Raumprogramm, Schönheit. Das ist immer noch gültig.»

Nicht jede Architektur sei Baukunst. Nicht jeder Bau sei Architektur. Es gebe keine Architektur ohne Funktion – dann sei es Kunst, so Reifler. «Auch wenn sich einiges verändert hat, ist es im Kern noch gleich. Ein Gebäude muss Wetter und Zeit überdauern», erklärt Reifler.

Der Zeitgeist spielt unbewusst eine Rolle

«Das Formale ist immer einer Mode unterworfen», erzählt Arami. Sie würden versuchen, zeitlos zu bauen, auch wenn das nicht immer ganz funktioniere, da man unterbewusst von Moden und Techniken beeinflusst werde, ergänzt Reifler.

Oft realisiere man erst, dass man dem Zeitgeist unterworfen war, wenn er sich wieder ändere.
In der Kleidermode merke man das bewusster, meint Arami. Trends würden sich auch rascher wiederholen. In der Architektur dauere es länger, bis etwas Altes wieder aufgegriffen werde.

Einen Blick in die Zukunft werfen, um Bedürfnisse zu erfüllen

«Egal, was der momentane Zeitgeist ist, man orientiert sich immer an der Antike. Der Grundsatz ist immer gleich: Es wird einfach neu interpretiert, weil sich die Menschen ändern», sagt Arami.

Die Gesellschaft wandle sich. «Man hat die letzten zwanzig Jahre praktisch nur Familienwohnungen gebaut. Das hat sich geändert, weil es heute viel mehr Singles gibt», erzählt Reifler.

Aber auch bei Firmengebäuden sei einiges im Umbruch: «Gerade in Bezug auf Homeoffice und Desksharing. Unsere Aufgabe ist, abzuschätzen, welche Bedürfnisse in den nächsten Jahren entstehen», meint Arami.

Schliesslich dauere es fünf bis sechs Jahre vom Projektstart bis zum fertigen Bau eines Gebäudes.
Arami sagt, er hätte sich mehr Psychologie während des Studiums gewünscht. «Man muss die Menschen verstehen, wissen, wie sie ticken, um für sie bauen zu können.»

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