Seit über 50 Jahren lebt sie für die Musik
Kulturspot Wetzikon
Glaube, Hoffnung, Liebe. Mit diesen drei Worten beschreibt die erfahrene Pianistin Alena Cherny (56) ihren musikalischen Werdegang. Ihr ganzes Leben wurde durch die Musik geprägt.
Für das Interview treffen wir uns in ihrem Unterrichtszimmer: Dicht aufeinanderfolgend reiht sich Zeichnung an Zeichnung an den weissen Wänden. Die bunten Bilder erzählen bewegte Geschichten. Jede dieser Erzählungen ist von Kindes Hand gezeichnet: Schiefe Linien in lebendigen Farben formen Abbildungen von Häusern, Landschaften und Leuten. Jedes der Gesichter trägt ein Lächeln.
Unter dem Fenster, durch das feine Sonnenstrahlen das Zimmer mit warmem Licht begrüssen, steht ein kleiner, weisser Tisch. Auf ihm haben Kaffeemaschine und ein Wasserkocher ihren Platz gefunden.
Klavier und Flügel dominieren das Unterrichtszimmer von Alena Cherny. Ein kleines, grünes Sparschweinchen mit schiefen kugeligen Augen sitzt vergnügt auf dem Deckel des Klaviers. Wie eine Blumenwiese im Frühling umzingeln bunte Klammern das grüne Wesen.

Rechts vom Klavier thront ein grosser, schwarzer Steinway-Flügel. Noten jeglicher Komponisten bedecken das Instrument. Diese sind auf der ganzen Fläche des Flügels verbreitet und zu kleinen Türmen gestapelt. Ein geordnetes Chaos. Beim näheren Hinsehen ist eine feine, mit Bleistift geschwungene Schrift zu erkennen: Dies sind Gedanken, die die Musik erblühen lassen.
Dieses Zimmer der Musikschule Zürich Oberland strahlt Heiterkeit, Vergnügen und Liebe aus. Dies ist ein Raum, in dem Persönlichkeiten gebildet und wertvolle Erinnerungen geschaffen werden.
Das Klavier war ihr steter Begleiter
«Als ich noch klein war, wollte ich manchmal einfach nicht üben», erzählt die Pianistin. Dann würde sie am Fenster sitzen und hinausschauen. «Zusammen mit diesem Instrument: Das Klavier war mein Freund, mein Feind, meine Mama, mein Papa und meine Katze. Das Klavier und ich, wir sind zu zweit aufgewachsen.» Sie betont, dass die beiden bis zum jetzigen Moment unzertrennlich sind. «Dieses Instrument ist für mich ein lebendiges Wesen.»
Alena Chernys Stimme erzählt dynamisch, in einer schon fast singenden Manier. Sie sitzt in einem hölzernen Armsessel mit hellem Polster. Dieser erscheint wie ein Thron. Die Hände liegen entspannt auf der Lehne, erheben sich jedoch zur Betonung ihrer Worte. Ein sanftes Lächeln begleitet ihre Erzählungen. Ihre grünen Augen erscheinen durchgehend fokussiert, klar und mit einem bestimmten Funken der Begeisterung.
Zarte Falten schmücken ihr Gesicht, gekennzeichnet von ihrem Lachen. Die Haare umrahmen ihr Gesicht. Ihre schlichten Kleider, Jeans und schwarzes Shirt liegen locker und sanft auf ihrer Haut.
Jedes Kind musste ein Talent entwickeln
In Romny, einer kleinen Stadt der Ukraine, ist Alena Cherny geboren und aufgewachsen. Dieser Ort, wie auch ihre Familie waren nicht von Musik geprägt. Ihre Eltern wussten nicht, was «klassische Musik» bedeutet. Doch es war üblich, dass ein Kind ein Instrument spielen musste, wenn es sich nicht schon mit Kunstturnen oder Ballett beschäftigte: Ein grosser Druck liegt auf den kleinen Körpern. Nur mit harter Arbeit und dem teilweise folgenden Erfolg gehörte man zum besseren Teil der Gesellschaft.
Chernys Mutter war schon immer eine starke Persönlichkeit: Der Vater wurde genötigt, sein Motorrad zu verkaufen. Es musste ein Klavier her, aber das Geld fehlte.
Die älteste Tochter der Familie war die erste, die das Klavier kennenlernen durfte, aber der Unterricht wie auch ihr Fortschritt zeigten kein grosses Potenzial. Zweiter Versuch: Nun ging «die Kleine» zu ihrer Tante in den Klavierunterricht. Es dauerte nicht lange, da konnte diese der Begabung der kleinen Alena Cherny nicht mehr mithalten.
Sie war auf einer Musikschule für Hochbegabte
Also besuchte sie die Musikschule: «Die erste Erinnerung, die ich an diese Schule habe, ist das Plumpsklo draussen. Den Unterricht habe ich schmerzhaft durchgehalten, damit ich es nicht benutzen musste», erläutert Cherny lachend und wirft sich entsetzt die Hand auf ihre Stirn.
Sie musste das höchste Niveau erreichen. Weniger wurde nicht akzeptiert.
Eine weitere Station, in der Cherny die nächsten zehn Jahre verharrte, war die Musikschule für hochbegabte Kinder in Kiew. Sie zog im Alter von acht Jahren in ein Internat. Was das kleine Mädchen von damals tatsächlich wollte, wurde nie in Erwägung gezogen.
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Dem Alltag des Internats war kein Entkommen. Es hiess üben, üben, üben …
Sie fühlte sich allein. Zuflucht und Halt fand sie bei ihrem Kompagnon, dem Klavier. Mit der Musik konnte Cherny ihre ganz eigene Welt erschaffen, die es in der Realität gar nicht gab. Und diese war schöner.
Nach dem Abschluss dieser Schule führte sie der Weg weiter nach Deutschland. In Freiburg im Breisgau absolvierte Alena Cherny ihren höheren Abschluss.
Dort fing sie an, die deutsche Sprache zu lernen. Deutsch ist die Sprache von Brahms und Schumann. Erst mit ihrem Aufenthalt in Deutschland hatte sie es wirklich begriffen, was diese Komponisten mit ihrer Musik sagen wollten.
Vor dreissig Jahren führte sie die Liebe in die Schweiz, nach Wetzikon. Heute ist dies der Ort, den Cherny «Heimat» nennt.
Von den eigenen Schülerinnen und Schülern lernen
Seit 20 Jahren unterrichtet die 56-Jährige an der Musikschule Zürcher Oberland (MZO). Nebenbei gab sie auch Konzerte. Im Jahr 2020 änderte sich jedoch etwas: Es war das Jubiläum Beethovens. Zu diesem festlichen Anlass hatte Cherny sieben Konzerte vorbereitet. Mit dem Beginn der Pandemie wurden aber alle Auftritte, mittels einem einzigen Telefonanruf, abgesagt. «Ich habe geübt wie eine Blöde», erzählt Cherny. Ihre Stimme zittert. Nach diesem Anruf stand sie schreiend auf der Strasse. Gebrochen.
In diesem Jahr hat Alena Cherny aber auch neue Werte gefunden: Sie hatte sich vollkommen auf das Unterrichten fokussiert. Ihre Schülerinnen und Schüler beschreibt sie als unglaublich interessante Menschen. «Schon so viel konnte ich von ihnen lernen. Diese Kinder kommen auf unglaubliche und ungezwungene Ideen, die ich dann auch in meinem Spiel anwenden kann.»
Die Schülerinnen und Schüler spielen rein, echt und authentisch. Sogar wenn alles falsch ist, ist es besser als eine perfekte Kopie von Youtube. Alena Cherny scherzt: «Ich habe schon einen Kopierer. Hier im Zimmer möchte ich echte, einmalige Persönlichkeiten sehen.» Und genau das erreicht das Spielen von Musik am besten. An der Musikschule wird gesät, damit später Künstler und Musikliebhaber geerntet werden können.
Cherny beschreibt, wie ihre vierjährige Schülerin «Old Mac Donalds» lachend mit einem einzigen Finger spielt: offen, bedingungslos und voller Freude.
Die Pianistin sagt, dass sie schon sehr viel in ihrem Leben gemacht habe. «Ich war auf Reisen, stand auf vielen verschiedenen Bühnen, aber nun verstehe ich, dass die echte Musik hier in diesem Zimmer stattfindet.»
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