Prince und Europe spielten am Greifensee Millionenhits ein
40 Jahre Powerplay Studios in Maur
Das bescheiden wirkende Tonstudio in Maur entpuppt sich beim näheren Hinschauen als kreatives Hotel – und wahre Hitschleuder. Anekdoten zum 40. Geburtstag.
Es ist eine Erfolgsgeschichte, die vor allem dadurch besticht, dass man in Maur den Mut hatte, auf Altbewährtes zu setzen: auf eine analoge Aufnahmetechnik. Auch dann noch, als viele sagten, man dürfe den digitalen Aufbruch nicht verschlafen.
Verschlafen hat man in den Powerplay Studios sowieso nichts. Es ging bei der Entscheidung um etwas ganz anderes: nämlich um die Qualität – analog bearbeitete Töne klingen authentischer und wärmer.
Das Haus wurde von Grund auf als Tonstudio konzipiert: schalldicht und auf einem schwebenden Boden – das vor allem wegen der Militärflugzeuge, deren Lärm sich sonst auf irgendwelche Alben von Stars und Sternchen geschlichen hätte.
Man wollte hier eine Oase kreieren, wo die Musikerinnen und Sänger aufnehmen und gleichzeitig auch schlafen, kochen und essen können.
Powerplay Studios sind international bekannt
Diese Vorzüge machten schnell die Runde, nicht nur in der Schweiz und Europa – auch in Amerika. So sind schon Grössen wie Prince, Lenny Kravitz, Lady Gaga, Gianna Nannini und Bon Jovi nach Maur gereist, um ihre Alben am Ortseingang des schmucken Dörfchens am Greifensee aufzunehmen.
40 Jahre hat dieses Studio nun auf dem Buckel. Powerplay-Studios-Gründer Jürg Peterhans sagt, wenn man es genau nehme, feiere das Studio schon sein 50-jähriges Bestehen (zum ausführlichen Interview). Der Tonpionier begrüsst an der Jubiläumsfeier auf eine sehr offene Art und möchte sein Foto sogleich vor dem «Ur-Auto», wie er es liebevoll nennt, schiessen lassen.

«Damit bin ich früher jeden Tag von Spreitenbach nach Horgen gefahren», sagt er stolz. Denn das erste Powerplay Studio hat er mit dem Gitarristen Jimmy Duncombe – von der Band Jimmy and the Rackets – in Horgen ins Leben gerufen. Damals hat er den Hit «Da da da» der Band Trio aufgenommen.
Warum ist Peterhans mit dem Studio ausgerechnet nach Maur gezogen? «Ganz einfach: Hier konnten wir Land kaufen, und die Lage am See ist einfach wundervoll», sagt der 73-Jährige. Ganz ohne Vitamin B sei das aber nicht gelaufen.
Guido Eugster aus der Gruppe Trio Eugster – die ebenfalls bei den Powerplay Studios aufgenommen hat – war damals in Dübendorf als Immobilienhändler tätig. Er vermittelte die Möglichkeit. «Zudem hat mich glücklicherweise mein Vater unterstützt», sagt Peterhans dankbar.



Es ist ein sommerlicher Abend im September, die geladenen Jubiläumsgäste sitzen auf Festbänken, schnabulieren Randensalat und Burger oder nippen an ihren Gin Tonics mit Limettensaft. Eine familiäre Stimmung vor einem schicken Haus. Die anwesenden Gäste, Musikerinnen und Songwriter schwelgen in Erinnerungen.
Den Flügel für Udo Jürgens über den Dreck gehievt
Beim Umzug in das neue Studio 1983 musste zum Beispiel ein Steinway-Flügel für Udo Jürgens über den unfertigen Vorplatz getragen werden. «Da lag noch viel Dreck vor dem Haus, so richtige Erdhügel», sagt Silvia Hagen, die genau vor 40 Jahren anfing, für die Powerplay Studios in Maur als Studiomanagerin zu arbeiten.





Auch die Band Europe hat hier aufgenommen. Die Jungs seien damals noch ganz grün hinter den Ohren gewesen. «Die sind das erste Mal überhaupt ausserhalb von Schweden herumgereist», erzählt Hagen. Der Manager von Europe habe gut auf seine Jungs aufgepasst. «Wenn bei Joey Tempest auch nur das leise Anzeichen eines Schnupfens aufkam, ist er schnell in die nächste Apotheke gerannt.»
«The Final Countdown» als Hit vorausgesagt
Ausserdem sei der Manager durch das Studio stolziert und habe prophezeit, die Jungs würden hier einen Hit einspielen. «Wir schmunzelten alle nur in uns hinein, denn das haben alle Manager aller Bands immer gesagt», sagt Hagen.
Er sollte jedoch recht behalten: Der Song «The Final Countdown» wurde ein Hit und belegte im Herbst 1986 ganze 19 Wochen lang den ersten Platz der Schweizer Charts. Die Platte verkaufte sich in den ersten zwei Jahren 7,8 Millionen Mal. Nicht zuletzt wegen des unvergleichlichen Intros.
Peterhans hat dazu noch ein kleines anekdotisches Detail: «Die ikonische Intro-Fanfare des Songs hat der Fällander Synthi-Programmierer Kurt Baebi kreiert.»

Jahre später hat die mittlerweile weltbekannte Band Europe das Studio aus nostalgischen Gründen nochmals besucht. Auf Youtube findet man ein Video, in dem die Europe-Mitglieder nach einem Konzert durch die Powerplay Studios tigern, auf dem Studioflügel ein paar Akkorde des Lieds «Carrie» anklingen lassen und sich sichtlich amüsieren.
Europe in der «Geburtstätte» ihres Millionenalbums
«Go on, go on!» – «I don’t even remember how to play this song.» «Spiel weiter, spiel weiter!» – «Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie ich das Lied damals gespielt habe.»
Doch zurück in die Gegenwart ans Geburtstagsfest. Auch Marc Sways Tochter Naomi Eileen erzählt, sie spiele Klavier, nur nicht so oft: «Ich war immer etwas faul, wenn es ums Üben ging.» Sie singe lieber und möchte später vielleicht einmal Schauspielerin werden. Der stolze Vater sitzt vis-à-vis im freudig-farbigen Kimono und schwärmt vom Klang und vom schwebenden Boden der Powerplay Studios.
Ich mag die alten Pulte hier.
Marc Sway
Singer-Songwriter
«Das Studio wurde schon von Anfang an als richtiges Studio geplant.» Sway war bereits mit 16 Jahren das erste Mal hier. «Ich komme ja aus der Region», schmunzelt der Soulmusiker, der in Pfaffhausen lebt. Zu Beginn der Digitalisierung sei es mit dem Studio erst etwas «bachab» gegangen, doch dann habe sich das Analoge bewährt. «Ich mag die alten Pulte hier», sagt er.






Ende der Achtzigerjahre habe der Pionier Peterhans bei der ersten digitalen Welle einfach nicht mitgemacht, erzählt Hagen, die ehemalige Studiomanagerin. «Alle haben zu Jürg gesagt: Jetzt musst du aufwachen.» Doch er wollte nicht. «Heute ist genau das die Perle», die Leute kämen aktuell von weit her, um ihre Alben analog aufzunehmen. «Auf Band aufgenommene Songs klingen viel wärmer», sind sich alle einig.
So ein Studio zu führen, sei aber nicht immer leicht gewesen, sagt Jürg Peterhans. «Es gab schon auch ein paar schlaflose Nächte.» Damit meint er die grosse Verantwortung, die er plötzlich hatte. «In Horgen waren wir nur zu dritt», aber in Maur sei die Belegschaft zeitweise auf elf Mitarbeitende angewachsen.
Der Bassist der Beatles spielt die Basslinie des Hits ein
Peterhans himself sah sich übrigens bescheidenerweise nie als Musikproduzenten. «Ich war eher einfach ein Techniker.» Dazu fällt ihm dennoch eine Anekdote ein. Als sie für die Gruppe Trio den ersten Hit «Da da da» eingespielt hätten, habe er irgendwann gesagt: «Leute, da fehlt unten etwas, da müsste ein Bass her.»
Denn das Stück klang bis dahin etwas dünn – eine Mischung aus einem einfachen Stehschlagzeug, «einem billigen Casio-Drum-Maschinchen», einer Gitarre und dem Gesang.
Da der Produzent von Trio niemand Geringeres war als Klaus Voormann, spielte dieser die Basslinie damals gleich selber ein. Voormann hat als Grafiker und Bassist die Beatles über eine längere Zeit begleitet. Von ihm stammt auch das legendär gezeichnete Beatles-Cover zum Album «Revolver».




Auch die Sängerin Vera Kaa schwärmt von diesem Ort. Sie zeigt auf das Haus: «Es ist immer noch gleich, das gefällt mir.» Es sei von Anfang an das beste Studio gewesen. Die Schweizer Musikszene sei hier zusammengewachsen. «Alle haben hier aufgenommen.»
Man befruchtet sich einfach, wenn man miteinander Musik macht.
Marc Amacher
Blues- und Rockmusiker
Zum Schluss hat auch Marc Amacher noch eine Anekdote zu Udo Jürgens parat. Es scheint eher so was wie eine Urban Legend zu sein. Ob die Journalistin die Streifen an der Glasscheibe beim Eingang bemerkt habe? «Die hat man hinkleben müssen, weil Jürgens damals voll in die Glasscheibe geprallt ist.»
Amacher, der 2016 durch die Fernsehsendung «The Voice of Germany» bekannt wurde, hatte in den Powerplay Studios eine spezielle Idee umgesetzt: Acht Tage lang hat er hier 16 Songs mit 32 Musikerinnen und Musikern aufgenommen.
Ihn verbindet mit dem Studio vor allem dieses Vorhaben. «Man befruchtet sich einfach, wenn man miteinander Musik macht.» Es sei genial, wenn man am selben Ort jammen, kochen und schlafen könne. Da ziehe es ihm auf gut Berndeutsch einfach «de Nagel inne».
Der Geschäftsführer Cyrill Camenzind kann das nur bestätigen: «Wir haben so eine tolle Musikszene in der Schweiz.» Deshalb wollen er und sein Team mit den Powerplay Studios auch in Zukunft eine Plattform bieten für gute Songs. «Musik gehört in mein Leben, ich kann gar nicht anders», schmunzelt er, der selber auch als begnadeter Livegitarrist bekannt ist.
