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«Politiker feiern die Diskussionskultur in meiner Show»

Der bekannte Schweizer Comedian im Gespräch über Songs in der Endlos-Schleife, Humor in Medien und die grossen Wahlen im Oktober.

Michal Elsener tritt am 6. Oktober im Scala Wetzikon auf. Den Termin sollten sich auch Gemeinderäte rot anstreichen.

Foto: PD

«Politiker feiern die Diskussionskultur in meiner Show»

Michael Elsener vor Wetziker Auftritt

Die Wahlbeteiligung ist ihm zu tief, und die Welt brennt: Michael Elsener bringt sein neues Programm nach Wetzikon und will dafür sorgen, dass alles gut wird.

Michael Elsener, Sie sind auf Tour mit Ihrem neuen Programm «Alles wird gut». Was läuft denn momentan schlecht?

Michael Elsener: Echt schlecht und mies ist beispielsweise unsere Wahlbeteiligung. Nur 45 Prozent von uns machen mit bei nationalen Wahlen. So sind unsere Entscheide nicht breit abgestützt. Das ist auch bei Abstimmungen so. Ich zeige in einer Nummer, wie faktisch 15 Prozent der Bevölkerung über alles bestimmen. Das fährt mir jedes Mal total ein, wenn ich es auf der Bühne erzähle.

Sie bemängeln, dass sich zu wenige an der direkten Demokratie beteiligen, zu wenige abstimmen. Ist unser System zu komplex?

Ich verstehe es total, dass viele finden: Politik ist mir zu langweilig, zu kompliziert. Doch: In der Politik debattieren wir ja immer darüber, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Das interessiert doch eigentlich alle. Ich zeige in meiner Show: Politik kommt vielleicht in der Zeitung langweilig rüber. Aber bei mir ist Politik spannend und witzig. Es kommt nur darauf an, wie man es erzählt.

Müssen wir bei den ZO Medien also weniger ernst über politische Themen berichten?

Das würde ich so nicht sagen. Ich mache es bei meiner Satire so: Ich denke die Argumente zu Abstimmungsvorlagen – nach Vorbild Dürrenmatt –, bis wirklich zur letzten Konsequenz durch. So wird es automatisch spannend, und zum Ende offenbart sich, wie grotesk gewisse Argumente sind.

Was müssten wir denn anders machen?

Sich mehr Zeit nehmen. Dann, wenn Zeit bleibt, über Themen, Argumente und Geschichten nachzudenken, dann erschliessen sich die absurden Zusammenhänge von allein. Und dieser Faktor geht bei vielen Medien immer mehr verloren.

Ist die fehlende Zeit auch für die Bevölkerung ein Problem, wenn es darum geht, sich im Vorfeld von Wahlen oder Abstimmungen zu informieren?

Ich habe vollstes Verständnis für Leute, die Dinge anders priorisieren als ich. Ich selber habe das Recherchieren zu Abstimmungsvorlagen ja zu einem Teil meines Berufs gemacht. Viele sagen mir: «Wenn ich mir deine satirischen Erklär-Clips zu Abstimmungen anschaue, spare ich Zeit, weil du mir die wichtigsten Punkte zusammenfasst.»

Was hilft, die Prioritäten für unser demokratisches System zu erkennen?

Reisen, Erfahrungen im Ausland – mir zumindest. Ich habe im Iran erlebt, wie Leute um ihr Recht für Mitwirkung kämpfen. Bei uns geht das letztlich mit verhältnismässig wenig Aufwand. Einmal, alle vier Jahre, kann man sich mit Freundinnen und Freunden bei einem gemütlichen Essen mit der passenden Flasche Wein einfinden und über Listen und Köpfe diskutieren.

Welche Überlegungen macht sich denn ein Michael Elsener im Vorfeld der Wahlen?

Ich bin jemand, der gerne neuen Kandidatinnen und Kandidaten eine Chance gibt – wenn mich die Argumente überzeugen. Mir geht es darum, neue Kräfte zu stärken. Mit den ganzen Wahltools und Smartspiders sind die Kandidatinnen und Kandidaten total vermessen und analysiert. Ich kann einfach und schnell schauen, wie sich das mit meinen Meinungen deckt. Und wenn jemand in den letzten vier Jahren gegen meine Interessen gestimmt oder politisiert hat, dann bin ich konsequent und wähle ihn oder sie ab.

Beim Namen Ihres Programms muss ich zwangsläufig an den gleichnamigen Song des deutschen Kraftklub-Frontmanns Felix Kummer denken. Hat Michael Elsener hier abgekupfert?

Irgendwann war mir klar, meine Polit-Comedy-Show muss «Alles wird gut» heissen. Das ist ja ein altbekanntes Sprichwort. Freundinnen und Freunde haben mir dann den Song von Kummer empfohlen. Beim Schreiben der einen Nummer lief der Song in Endlosschlaufe im Hintergrund. Der Text hat die Aussage der einzelnen Parodien in meiner Nummer grad super zusammengefasst. Es ist ein toller Song, musikalisch sehr stark. Er vermittelt ein Generationengefühl.

Dann würden Sie die Songzeile «Das System ist kaputt, die Gesellschaft versagt» so unterschreiben?

Ich würde sagen: Es ist schon grad ziemlich vieles kaputt. Trotzdem scheint unsere ganze Maschinerie irgendwie weiterzulaufen.

Warum?

Die Lockdowns haben sehr viel verändert. Bei aller Tragik, wir Menschen sind sehr anpassungsfähig. Ganz viele Sachen können sich ändern, wenn man denn etwas ändern will. Oder dann aber läuft es gleich weiter wie zuvor.

Sie sind bekannt dafür, in Ihrer Rolle als Comedian Veränderungen anstossen zu wollen und deshalb mit einer positiven Grundenergie voranzugehen. Müsste Ihr Programm dann nicht zwangsläufig «Alles wird besser» heissen?

Es «besser» zu machen, das setzt einen doch bereits unter Druck. Etwas einfach «gut» machen, das ist doch schon sehr okay. Das ist alles, was wir tun müssten. Meinem Publikum möchte ich vermitteln, dass es Macht über den jetzigen Moment besitzt. Unsere Einstellung könnte sein: Am Ende: «Alles wird gut». Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es halt noch nicht das Ende.

Ein Moment beziehungsweise ein Datum, das mächtig über Ihrem Programm thront, ist der 22. Oktober: der Tag der National- und Ständeratswahlen. Endet nach den Wahlen Ihre Tour?

Nein. Ursprünglich war mal angedacht, bis zu den Wahlen durch die Schweiz zu touren. Dann habe ich aber gemerkt, dass Veranstalterinnen und Veranstalter und Gemeinden so eine Freude haben, dass es schade gewesen wäre, nach dem Wahlsonntag aufzuhören. Letztlich wird es danach bei mir nicht mehr um die Wahlen, sondern um Veränderungen an sich gehen.

Dafür haben Sie Ihr Programm «interaktiv» gestaltet. Was heisst das?

Ich komme bei meinem Auftritt im Scala auf die Bühne und frage nach meiner Opening Nummer: Welches ist das grösste Problem von Wetzikon? Dann jongliere ich mit den genannten Problemen: Welche Dinge für einen ein Problem darstellen, das ist jeweils schon sehr amüsant. Im Verlauf der Show frage ich dann: Wenn du Königin oder König von Wetzikon wärst, was würdest du als Erstes abschaffen? Was als Erstes einführen?

Am Samstag, 7. Oktober, um 20 Uhr, gastiert Michael Elsener im Scala Wetzikon. Sitzplätze im Vorverkauf für Nicht-Mitglieder für 45.- Franken gibt es hier.

Da würde mir einiges einfallen.

Zum Beispiel?

Ein schönes Zentrum.

(Lacht.) Oh, über welche Wetziker Probleme sollte ich sonst noch im Voraus Bescheid wissen?

Das fragen Sie lieber die ortsansässige Bevölkerung.

Das werde ich garantiert! Statt die Faust im Sack zu machen, improvisiere ich zusammen mit dem Publikum eine neue Vision für den Spielort, also Wetzikon. Wir stimmen über die Ideen ab. Nach der Show schreibe ich der Stadtregierung oder dem Gemeinderat jeweils einen Brief und frage sie, was sie mit den Inputs dieser 500 Leute aus der Show nun anstellen werden.

Welche Veränderungen haben Sie denn tatsächlich mit Ihrer Comedy-Show schon angestossen?

In einer Berner Gemeinde soll es bald autofreie Wochenenden im Zentrum geben, mit einem Raclette-Festival. Die Gemeinde Zofingen debattiert darüber, wo sie einen See anlegen will. Und in der Stadt Zürich fährt unter anderem wegen einer Improvisation aus der Show seit dem Frühling das 15er-Tram wieder.

Was Humor nicht alles auslösen kann.

Nicht wahr? Selbst Gemeinde- und Stadträte lobten schon die Diskussionskultur in meiner Show. Ich habe gar Einladungen erhalten, damit ich diesen «Groove», diese Stimmung in politische Sitzungen trage (lacht). Sie sind grad noch am Schauen, ob sich eine Teilnahme meinerseits mit dem Amtsgeheimnis verträgt.

Humor kann, wenn ich mir Ihr Tour-Plakat anschaue, aber nicht nur auslösen, sondern auch auslöschen, und zwar ganze Weltbrände. Wie?

Das Tour-Plakat bricht unsere aktuelle Lage auf ein einfaches Bild runter: Die Welt brennt. Und wir versuchen, mit einem kleinen Feuerlöscher beizukommen.

Ein Mann sitzt hinter einem Tisch, auf dem ein brennender Globus steht. In der Hand hält er einen Feuerlöscher.
Die Welt in Flammen und Michael Elsener der Brandlöscher: So präsentiert sich das Tour-Plakat.

Und in Situationen, in denen wir uns machtlos fühlen, sind Comedy und Satire ein gutes Mittel. Das Lachen funktioniert als Ventil. Wir können Dampf ablassen. Und ertragen so die Mächtigen etwas besser, auch wenn einige von ihnen unserer Meinung nach seit Jahren wichtige Entscheide verpennen. Doch dieses Jahr haben wir die grosse Chance, jene Politikerinnen und Politiker zu wählen, die etwas verändern wollen.

Über Michael Elsener

Michael Elsener arbeitet zunächst als Journalist und studiert Politikwissenschaften an den Universitäten Zürich und Florenz. Dabei fängt er an, Politikerinnen, Politiker und Prominente wie Roger Federer zu parodieren. Seit 2008 tourt er als Comedian durch die Schweiz, Deutschland und New York City. Dabei verfolgt der 38-Jährige stets seine Passion: Er bringt Menschen zum Lachen, indem er über politische Verrücktheiten redet, über die Absurditäten des Alltags und über sein eigenes Scheitern. Vor Volksabstimmungen liefert Michael auf Social Media jeweils die Pro- und Kontra-Argumente frisch verpackt als satirischen Video-Clip. (erh)

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