Ein Gebet unterbricht die Partymeute
Rave in Wetzikon
In der Kulti in Wetzikon wurde wieder mal gefeiert. Doch mitten in der Nacht herrschte Stille. Der Unterbruch war gewollt.
«Hey DJ! Mach die Musik wieder an!», schreit ein Partygänger aus voller Lunge in der Halle der Kulti in Wetzikon. Wo vorher noch Bässe und elektronische Klänge dröhnten, ist es jetzt still.
An den Wänden reflektieren wilde Muster die dezente, neonfarbige Beleuchtung. Der Raum ist voll mit verschwitzten Menschen, die bereit zum Weitertanzen und Weiterfeiern sind.
Der Unterbruch ist nicht etwa ein Ausfall, sondern gewollt. Mitten auf der Tanzfläche erscheinen vier Frauen. Sie tragen weisse, lange Umhänge, die mit Lichterketten versetzt sind, und tanzen langsam im Kreis.


Jede trägt eine Kerze. Sie bewegen sich auf die Bühne, die vor dem DJ-Pult steht, und sprechen ein Gebet – eines für den Frieden auf Erden.
Eine Party mit Vision
Was letzten Samstag in der Kulti abging, war keine gewöhnliche Party, sondern eine Benefizveranstaltung. Sie heisst Earthdance und findet normalerweise jährlich statt. Mit den Einnahmen werden Spenden für einen guten Zweck gesammelt.
Ursprünglich wurde der Earthdance 1997 von Chris Decker in den USA initiiert. Er war damals fest in der Goa-Szene verankert, hatte esoterische Affinität und eine klare Vision: tanzen für den Weltfrieden.
Das Ereignis sollte weltweit stattfinden, was es auch tat. Bereits im ersten Jahr haben Veranstalter auf der ganzen Welt einen Earthdance organisiert. 22 Städte in 18 Ländern haben mitgezogen. In der Schweiz gibt es den Earthdance seit 1999. Auch hier beginnt es mit Enthusiasten und Musikern aus der Goa-Szene.
Es arbeiten alle gratis.
Raphael Oerer
Organisator Earthdance
Einer der Organisatoren in Wetzikon ist Raphael Oerer. Auch er ist DJ und fand in dieser Szene ein Zuhause. Vom Ziel, durch eine aussergewöhnliche Benefizveranstaltung Gutes zu tun, ist er fest überzeugt. Seit 2008 ist er beim Earthdance dabei und erklärt, wie es möglich ist, gewichtige Spendenbeträge zu erreichen.
«Es arbeiten alle gratis, und von den Einnahmen bezahlen wir die Betriebskosten der Kulti, alle anfallenden Spesen und den Getränkeeinkauf. Der Rest wird gespendet.» Das heisst, das Barpersonal, die Leute an der Kasse, die Security, die Veranstalter, ja sogar die Musikerinnen und Musiker verzichten auf ihren Lohn oder auf ihre Gage. In einem Rekordjahr habe man ganze 60'000 Franken spenden können.
Bis 2016 wurden mit den Zuwendungen zwei Waisenhäuser in Tibet unterstützt. Doch der chinesische Staat hatte ausländische Spenden verbannt, also musste man sich ein anderes Projekt suchen. Seither gehen die Spenden an die Stiftung Helfen mit Herz. Durch die Einnahmen zwischen 2017 und 2019, die sich bei etwa 130'000 Franken bewegen, konnte man eine Berufsschule in Nepal bauen.
Weltweites Gebet nach langer Pause
Wegen der Pandemie fand der letzte Earthdance 2019 statt. Nach einer langen Pause sind die Veranstalter aber wieder Feuer und Flamme dafür. «Dieses Projekt ist eine Herzensangelegenheit. Eigentlich wollte ich das Nachtleben an den Nagel hängen. Man wird älter, und dieses Leben nagt schon an einem», sagt Oerer. Sein Enthusiasmus ist gross.
Vor dem Gebet hält Oerer eine kurze Ansprache und erläutert, wieso man sich zum Tanzen versammelt hat und was genau folgen wird, nämlich das Gebet. Das Besondere daran: Es findet an jedem Earthdance auf der Welt gleichzeitig statt. Dieses Jahr unter anderem auch in Ungarn, Südafrika, Brasilien, England und Neuseeland.
Mit der Veranstaltung wolle man ein Bewusstsein für prekäre Zustände auf der Welt schaffen. Die einzelnen Partys organisieren sich selbst und entscheiden autonom, für welchen Zweck sie spenden möchten.
Das weltweite Gebet dauert nur fünf Minuten. In der Kulti wird aber noch eins draufgelegt. Im Anschluss tritt ein tibetischer Mönch auf und spricht ein Puja-Gebet, eine Art Kehlkopfgesang, das positive Energie mitgeben soll. Weihrauch erfüllt den Raum. Viele der Gäste lassen sich darauf ein, setzen sich, schliessen die Augen und meditieren. Andere sind ungeduldig, sie wollen weiterfeiern.
Die Kulti als herzliche Gastgeberin
Die Veranstalter versuchten die Party in den ersten Jahren unter freiem Himmel zu etablieren, doch Einnahmen gab es kaum. Anschliessend fand der Rave in verschiedenen Lokalen statt, eines davon war die Rote Fabrik in Zürich, bis die Organisatoren den perfekten Ort gefunden hatten: die Kulti.
Jeder Rappen zähle, wenn man ein solches Projekt auf die Beine stelle, und man brauche dafür die Unterstützung der Lokalitäten, erläutert Raphael Oerer. «In der Kulti mussten wir uns nie rechtfertigen, ein solches Fest zu machen. Hier empfing man uns mit offenen Armen und kommt uns etwas mit der Miete entgegen.» In anderen Lokalen sei die Miete nicht verhandelbar.
Das Gebet ist fertig. Die Meute jubelt, klatscht dem Mönch zu. Kurz darauf dröhnt wieder Musik durch die Halle. Das Publikum springt auf. Jetzt wird weitergetanzt. Einige der Gäste sind vor allem deswegen hier: «Dass es für einen guten Zweck ist, macht die Party natürlich noch besser. Ich liebe diese Szene einfach, egal, worum es geht. Und auch die Kulti ist wie mein Zuhause», schwärmt ein Anwesender.
Der diesjährige Earthdance hat rund 800 Besuchende gezählt, die in den etwa 20 Stunden Party ein- und ausgegangen sind. Oerer schätzt den Gewinn ein: «Dieses Jahr haben wir mindestens 20’000 Franken an Spendengeldern einnehmen können. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass wir schon lange keine Veranstaltung gemacht haben.»
