«Wir dürfen nicht so tun, als wäre nichts gewesen»
Bäretswiler Pfarrer und Dokumentarfilmer
In seinem neusten Dokumentarfilm «Die dritte und vierte Generation» begleitet Lukas Zünd eine Basler Diakonissin auf der Suche nach Antworten über ihre Vergangenheit. Das Hauptthema Schuld ist für ihn als Pfarrer ein altbekanntes.
Eine Frau in einem schwarzen Kleid und einer weissen Haube lehnt an ein silbernes Auto und isst einen Apfel. Es ist die erste Szene im Dokumentarfilm «Die dritte und vierte Generation» des Bäretswilers Lukas Zünd.
Diese Aufnahme von Silvia Hess-Pauli entstand im deutschen Bisingen. Hier leitete ihr Grossvater während des zweiten Weltkriegs ein Nazi-Konzentrationslager – ihre Familiengeschichte im Zusammenhang mit dieser Schuld wollte die Baslerin mithilfe von Zünd aufarbeiten.
«Schuld ist heutzutage ein fremdes, verdächtiges Thema, obwohl sie im christlichen Glauben zentral ist», sagt Zünd, Dokumentarfilmer und Bäretswiler Pfarrer. Für ihn steht beim Thema Schuld jedoch auch immer Erlösung und Vergebung im Zentrum. «Das wird schliesslich in jedem Vaterunser so gebetet.»
Von 2016 bis 2019 hat er mit seiner Kamera Silvia Hess-Pauli begleitet: Bei ihren Besuchen in Deutschland, in ihrem Alltag als Schwester der Kommunität Diakonissenhaus Riehen, bei ihrer Suche nach Antworten über ihre Vergangenheit, bei ihren Tanz-Perfomances zur Verarbeitung von all dem.
Als gläubige Diakonissin, die seit 30 Jahren in der Gemeinschaft ehelos für den Dienst am Nächsten und Gott lebt, war Schwester Silvia «von Natur aus» offener gegenüber dem Thema Schuld. Der Enkelin des KZ-Lagerleiters wird im Laufe der Dreharbeiten immer klarer, dass ihre Familie geprägt ist von Scham, Schweigen und Verdrängen. «Und gerade so konnte der Grossvater mit seiner Schuld seinen Schatten auf sie werfen», sagt Zünd.
Stellung beziehen statt schweigen
Der Name des Films «Die dritte und vierte Generation» ist eine Anlehnung an eine Bibelpassage: «Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist Tausenden, bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.»
«Das tönt im ersten Moment schrecklich», gibt Lukas Zünd zu. Dies bedeute aber nicht, dass man für die Taten der Vorfahren weiterhin büssen müsse. «Diese Schuld hat Jesus für uns bereits übernommen, wenn wir ihm gehören. Aber wir müssen Stellung beziehen und dürfen nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen», interpretiert er die Passage. «Wir haben tatsächlich eine Verantwortung gegenüber dem, was wir über unsere Vorfahren wissen.»
Auch wenn es bald zu einem Ende dieses Kriegs kommen sollte, wird er noch für weitere Generationen prägend sein.
Lukas Zünd
Drei bis vier Generationen zurück kenne man seine Vorfahren meist noch, oder wisse zumindest einiges über sie. «Weiter zurück ist dann oft schnell Schluss, sogar die Namen kennt man kaum.» Aus diesem Blickwinkel mache für ihn der Text durchaus Sinn. Was Schwester Silvia auf ihrer Reise gelernt hat, sei universell gültig und zeitlos.
Ein aktuelles Beispiel dafür sei für ihn der Krieg in der Ukraine. «Auch wenn es noch in diesem Jahr zu einem Ende dieses Kriegs kommen sollte – was ich leider nicht glaube –, wird er noch für weitere Generationen prägend sein.» Dies sowohl auf ukrainischer, als auch russischer Seite.
Mühe mit HoffnungslosigkeitIn seinen Arbeiten als Dokumentarfilmer war Lukas Zünd schon immer getrieben von Geschichten von Menschen, die existenziell auf Gott vertrauen – so, wie auch er es tut. «Dabei kommen durchaus auch dunkle Lebensabschnitte vor, aber am Ende warten Licht, Erlösung, Hoffnung.» Darum sei es auch immer bei seinen Dokumentarfilmen gegangen: «Als Christ sind für mich Geschichten, die in totaler Hoffnungslosigkeit enden, nicht wahr.»
So habe er je länger je mehr auch Mühe mit fiktionalen Geschichten wie etwa Hollywood-Filmen, die kein gutes Ende finden. «Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, solche Geschichten losgelöst von der Bibel zu betrachten», sagt Zünd.
Zwar tauchen auch in der Geschichte von Silvia Hess-Pauli im Laufe der Dreharbeiten tiefe Abgründe auf. Dramatischer Höhepunkt ist, wie sie einer Künstler-Freundin in deren Atelier von den sexuellen Missbräuchen in ihrer Kindheit erzählt. Aber diese Abgründe bringen positive Dinge ins Rollen.
Unerwartet kommt sie mit Mitte 50 an einen Wendepunkt in ihrem Leben. «Ich dachte eigentlich schon, ich hätte den Film im Kasten, da ging ihre Geschichte plötzlich weiter», sagt Zünd.
Internationale Aufführungen
Obwohl die Dreharbeiten schon länger zurückliegen, konnte er den 58-minütigen Dokumentarfilm erst letztes Jahr fertigstellen. «Auch in meinem Leben sind immer wieder grosse Sachen passiert und der Film musste warten.»
Zunächst schloss er das Theologie-Studium ab, dann arbeitete er als Vikar in Bauma, bevor er im Frühling 2021 die Stelle als Pfarrer in Bäretswil antrat. Er hat geheiratet, seit letztem September sind er und seine Frau Eltern eines Sohnes.
Die Schweizer Premiere findet am Samstag in Pfäffikon statt (siehe Box). Doch international wurde der Film bereits gezeigt. Die Jury des online durchgeführten Shoham Film Festival in Israel hat im Juni «Die dritte und vierte Generation» gar als besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Im November wurde der Film dann im polnischen Lodz erstmals vor Publikum gezeigt – jene Stadt, in der Zünd einst die Filmschule besucht hat.
Im Dezember lief der Dokumentarfilm in der ukrainischen Stadt Odessa – mit Strom aus einem Generator. «Im Gegensatz zu Lodz war ich in Odessa aber nicht selber vor Ort», sagt Zünd. Auch jenes kleine Festival zeichnete den Film aus. «Aber eine viel grössere Auszeichnung ist, dass sich mitten im Krieg und in der Kälte überhaupt 15 Menschen für den Film interessiert haben.»
Nächstes Projekt kommt bestimmt
Der Grund, warum es erst jetzt zu einer Aufführung in der Schweiz kommt: Lukas Zünd bewarb sich bei verschiedenen Schweizer Festivals, doch das erhoffte Echo blieb aus. «Der Film lasse sich schwer in ein Genre einordnen, hörte ich als Grund.» Darum habe er eine eigene Aufführung organisiert, passend zu seinem Filmdebüt als unabhängiger Produzent und Regisseur.
Wie sein nächstes Projekt aussehen wird, ist noch nicht klar. «Aber ich werde hoffentlich bald wieder einen Film machen – am liebsten über ein Thema in der Region.»
Am Sonntag, 29. Januar findet im Chesselhuus Pfäffikon die Schweizer Premiere des Filmes statt. Für die Vorführungen um 15.30 Uhr und 19.30 Uhr hat es noch freie Plätze. Alle Informationen auf www.diedritteundviertegeneration.ch.
