Ina Balke: Die Ikone, die die Oberflächlichkeit liebt
Ex-Model lebt in Uster
Ina Balke ist in den 1950er und 1960er Jahren das meistfotografierte deutsche Model gewesen und hat Weltruhm erlangt. Auch mit 85 Jahren wirft sich die Ustermerin noch gerne in Pose.
Sie kann es noch immer gut, auch Jahrzehnte nach ihrer Aktivzeit als Model: Ina Balke setzt sich aufrecht, nimmt ein Glas zur Hand und schliesst eines ihrer grünen Augen. «Ich kann wie eine Eule blicken.» Das Foto, das der Modefotograf Ted Russell 1964 von ihr schoss, machte die Runde.
Es wurde auf T-Shirts gedruckt, dient aufgrund seines ikonografischen Charakters noch heute als Vorlage für Schmink-Tutorials und hat sogar Eingang unter die Haut gefunden: Nicht ohne Stolz erzählt die heute 85-Jährige oben im Ustermer Restaurant Burg, dass ihr Eulen-Blick vielen als Tattoo-Sujet dient.
Um Falten kommt man nicht herum.
Ina Balke, ehemaliges Fotomodel
Bis heute schminkt sich Balke jeden Tag, «insbesondere auch die Augenbrauen», die während ihres Model-Daseins gelitten hätten. Schliesslich wolle sie auch gepflegt aussehen, wenn sie eines Morgens tot gefunden werden. Gleichzeitig hat sie mit dem Altern neben den «üblichen Zipperlein» keine Probleme: «Um Falten kommt man nicht herum.» Und zu denen steht sie auch, «ich hätte mich nie liften lassen».
Andererseits ist ihr die Muskelbeherrschung wichtig. Die brauche es für das richtige Posieren und gebe ihr die gewünschte Kontrolle. «Schnappschüsse sind nicht mein Ding».
Perfekt in Szene gesetzt wurde sie 1962 auch vom Franzosen Jeanloup Sieff, der unter anderem für die Zeitschriften Harper’s Bazaar, Vogue und Paris Match arbeitete. Mit ihm hatte sie eine langjährige Beziehung. Er lichtete Ina, wie die Wahl-Ustermerin im persönlichen Gespräch genannt werden möchte, zusammen mit Alfred Hitchcock auf dem Filmset von «Psycho» ab. Die Fotoserie fand weltweit Beachtung.
Die Schwarz-Weiss-Bilder haben mehr Drama drin.
Ina Balke, Ikone
Wie die meisten Bilder aus ihrer Modelkarriere, von denen Dutzende im Internet zu finden sind, sind auch die Aufnahmen mit Hitchcock in schwarz-weiss gehalten. Die gefallen ihr besser, als die späteren Farbaufnahmen. «Die haben mehr Drama drin», erklärt Balke, die heute noch gerne Schwarz-Weiss-Filme anschaut.
Wenn es nach Hitchcock gegangen wäre, hätte das deutsche Fotomodel dorthin, zum Film, wechseln sollen. «I make a star out of you», habe er gesagt, worauf sie geantwortet habe: «I’m a star.» Das Filmgeschäft war nichts für sie, zu lange wäre der Weg zum Erfolg in dieser Branche für sie gewesen.
Ihre Karriere als Fotomodel war damals schon sieben Jahre alt und äusserst steil verlaufen. Den Anstoss gab 1955 eine Zufallsbekanntschaft. Auf dem Weg von der Insel Borkum nach München, wo sie eine Ausbildung als Modezeichnerin in Angriff nehmen wollte, legte sie zusammen mit ihrer Mutter in Regensburg einen Stopp ein, um eine Tante zu besuchen.
«Sie müssen unbedingt Mannequin werden», meinte ein Mann zu Ina, als diese durch die Stadt spazierte. Das Argument, dass man mit diesem Job 250 Mark pro Tag verdienen könne, habe sie sofort überzeugt. Für eine gerade mal 18-Jährige in den Wirtschaftswunderjahren war das eine gewaltige Summe – zumal sie aus armen Verhältnissen stammte.
Ich stamme aus dem Hugenottengeschlecht Du Moulin und die tragen immer den Kopf hoch.
Ina Balke, Flüchtling
Als Kind wurde Ina zusammen mit ihrer Mutter in den letzten Kriegsjahren zuerst nach Polen evakuiert, was dem Mädchen mit polnischen Wurzeln gut passte. «Ich stamme aus dem Hugenottengeschlecht Du Moulin und die tragen immer den Kopf hoch.» Doch dann, sie waren in der Nähe von Posen, hörten sie, wie die Russen immer näher kamen.
Es sei wohl der letzte Zug gewesen, der Richtung Berlin fuhr. Ihre Mutter habe sich aufs Gleis gestellt und den mit Wehrmachtssoldaten besetzten Zug zum Halten gebracht. Zusammen mit zahlreichen anderen Flüchtlingen schafften sie es zurück nach Deutschland.

Ina Balke gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrer «schlauen, schönen Mutter» spricht, die 1996 im Alter von 93 Jahren in ihren Armen gestorben ist. Sie habe stets gewusst, wie es weitergehen soll. «Was ist das Nächstliegende?» habe jeweils ihre rhetorische Frage an die Umstehenden gelautet.
Mit zehn Jahren kam Ina auf die ostfriesische Insel Borkum, wo das abgemagerte Kind wieder aufgepäppelt werden sollte. «Ich war damals schon 1,75 gross, aber spindeldürr.» Obwohl sie bei den Friesen gut genährt worden war, bekam sie den Befund «viel zu dünn» wieder zu hören, als sie sich acht Jahre später von Regensburg aus auf eine dreimonatige Verkaufstour durch deutsche Städte machte. «In einem Abendkleid mussten wir als Mannequins WC-Papier, Tücher und andere Artikel präsentieren.»
Und dann ging ich in Deutschland hoch wie eine Rakete.
Ina Balke, Aufsteigerin des Jahrzehnts
Aus dem Provinzgeschäft erlöst wurde sie wiederum durch eine Zufallsbegegnung. Der Pressefotograf Jochen Blume, der damals für die «Bild» arbeitete, brachte drei Fotos von Ina in die Zeitung. Und das Boulevardblatt pries sie an: «Das ist Ina Balke. Deutschland braucht ein neues Gesicht.» «Und dann ging ich in Deutschland hoch wie eine Rakete», meint sie heute mit einem Schmunzeln. Sie schmückte diverse Titelseiten von Frauenzeitschriften, Illustrierten und Modezeitschriften.
Mitgeholfen haben dabei der berühmte deutsche Modefotografen Walter E. Lautenbacher, mit dem Ina Balke ebenfalls mehrere Jahre liiert war. Dieser förderte sie und machte sie durch seine Arbeiten auch im Ausland bekannt. Intensiv war auch die Zusammenarbeit mit der deutschen Modefotografin Regina Relang.

Wie ist Ina Balke, die einen sehr selbstbestimmten Eindruck hinterlässt, eigentlich damit umgegangen, bei den Fotoshootings herumkommandiert zu werden und sich nach den Vorstellungen der Fotografen aufmachen zu müssen? «Darling, ich hatte ein hohes Honorar», gibt sie in der Ustermer «Burg» zur Antwort. Sie habe gut zwischen Geschäft und Privatleben zu unterscheiden gewusst.
Im Innern bin ich eine Rampensau, mir hat diese Arbeit Spass gemacht.
Ina Balke, Markenbotschafterin
«Im Innern bin ich eine Rampensau, mir hat diese Arbeit Spass gemacht», schaut sie auf die bewegte Zeit zurück. Und sie genoss die Bewunderung: «Damals durfte ich in einem Haute-Couture-Kleid durch Florenz spazieren. Und mir wurden Nelken zugeworfen.» 1959 erfolgte ihr Sprung über den grossen Teich. In New York schaffte sie es auf dem Laufsteg von Eileen Ford, die die damals bekannteste Modelagentur führte. Als erste Deutsche und erst zweite Nicht-US-Amerikanerin wurde sie offizielle Markenbotschafterin der Kosmetik-Marke Revlon.
Über das Schweizer Fotografenpaar Madeleine und Rolf Lutz lernte sie auch die Schweiz kennen und landete mehrmals auf dem Cover der «Annabelle». Fortan bildete Zürich neben Paris und New York ihr drittes Daheim. Auch wenn sie sich heute als Schweizerin fühlt – auch als Friesin, aber nicht als Deutsche, «denn die wissen immer alles besser» –, hat sie sich nie einbürgern lassen. Sie lebt seit Jahrzehnten in der Region Zürich, seit 2005 in Uster, mit der Niederlassung C.

Im Gespräch springt die 85-Jährige behände von einem Thema zum anderen. Und bringt dabei eine Bekanntschaft ins Spiel, die sie hier machte: «Ich bin ein Migros-Fan. Für mich ist die Migros so etwa wie der Dom zu Köln.» Auch ihren Freundinnen in Deutschland schwärmt sie vom Schweizer Detaillisten vor.
Und sie bringt gleich noch ein anderes Thema auf: «Ich bin oberflächlich ohne Ende.» Worauf die begeisterungsfähige Ustermerin das in ihrem turbulenten Leben alles bezieht, lässt sie offen. Der Luxus, den sie nach dem Krieg genoss, zählt wohl dazu. Auch hat sie zu feiern gewusst und war dem Alkohol nicht abgeneigt. Das Geld verschwand so schnell, wie es gekommen war.
Die Haut verzeiht nie.
Ina Balke, ex Travelling Consultant von Estée Lauder
Zum Thema Oberflächlichkeit gehört aber auch die Beziehung zu ihrer Haut, «denn die verzeiht nie». Ihre helle, gelbliche Haut, die im Sommer einen Bronzeton annimmt, sei ein Erbe ihrer slawischen Herkunft. Deshalb pflegt sie sie und gibt damit dem Begriff Oberflächlichkeit gleich noch eine andere Bedeutung.
Angeeignet hat sie sich ihre Kenntnisse über die Haut auch als Verkäuferin und langjährige «Travelling Consultant» von Estée Lauder. Für dieses Kosmetikunternehmen war sie tätig, nachdem sie ihre Modelkarriere mit über 40 Jahren beendet hatte. Diese Beschäftigung ist auch der Grund, weshalb sie heute als «Verkäuferin» im Telefonbuch zu finden ist.
Man kann nicht immer jömmerle.
Ina Balke, Optimistin
Der Abschied von der Glamourwelt fiel ihr damals schwer, auch wenn ihr Modeldasein ein Leben mitten in einem Haifischteich gewesen sei. Der Film «Der Teufel trägt Prada» gebe die Modebranche gut wieder. Doch ihre positive Grundeinstellung hat ihr geholfen, darüber hinwegzukommen, nicht mehr immer im Scheinwerferlicht zu stehen. «Man kann nicht immer jömmerle.» Dafür kann sie noch heute von den glorreichen Zeiten zehren.
Sowieso, sie sei ein Glücksbringer. Das habe sich in ihrem Leben bei vielen Begegnungen gezeigt. Wobei, Glück hatte auch sie selber, als sich ihr heutiger Partner Günther Hennecke 2005 wieder bei ihr meldete. Mit ihm, der sich sein Germanistikstudium mit Modeln verdiente, hatte sie schon in den 1960er Jahren eine Beziehung, die sich aber wieder verlief.

Sie machten ein Wiedersehen bei einem Geburtstagsfest auf Borkum ab. Da sie nicht wusste, wie sich ihr ehemaliger Freund entwickelt hatte, behielt sie sich auch die Option offen, beim Treffen wieder unentdeckt zu verschwinden. «Doch es kam ein sehr schöner, stattlicher Mann herein. Ich habe mich sofort wieder verknallt.»
Heiraten ist für sie nie ein Thema gewesen. Ihre Mutter und ihre Tochter haben es diesbezüglich gleich gehalten. Als Model wollte Ina Balke sich nie länger binden. Zu sehr liebt sie die Liebe. Hennecke – sie spricht über ihren Partner nur mit Nachnamen – dürfte da wohl eine Ausnahmestellung beanspruchen. Immerhin ist er nun schon ein langjähriger Geliebter.