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Politik

Masterarbeit «lobt» Turbenthal

«Klimaschutz müsste eigentlich Menschenschutz heissen»

Eine Studie im Rahmen einer Masterarbeit kommt zum Schluss, dass Turbenthal den Klimaschutz auf sehr hohem Niveau umsetzt. Aas macht die Gemeinde anders als andere – auch im Vergleich mit grossen Städten wie Zürich?

Gemeindeschreiber Jürg Schenkel und Nicole Widmer, die Leiterin der Fachstelle Energie und Umwelt, können sich über besonderes Lob freuen.

Foto: Fabienne Würth

«Klimaschutz müsste eigentlich Menschenschutz heissen»

Eine Studie im Rahmen einer Masterarbeit kommt zum Schluss, dass Turbenthal den Klimaschutz auf sehr hohem Niveau umsetzt. Was macht die Gemeinde anders als andere – auch im Vergleich mit grossen Städten wie Zürich?

Im hellen Sitzungszimmer des nach Minergie-P-Standard sanierten Gemeindehauses sitzen Gemeindeschreiber Jürg Schenkel und Nicole Widmer, Leiterin der Fachstelle Energie und Umwelt. Vor ihnen liegt die Masterarbeit von Kim Whett, die er kürzlich im Rahmen seines Studiums an der Universität St. Gallen (HSG) in Management, Organisation und Kultur veröffentlicht hat.

Warum wählte Kim Whett Dorfgemeinden wie Turbenthal als Forschungsobjekte? «Grosse Gemeinden oder Städte verfolgen oft ehrgeizige Klimastrategien und haben dafür viele finanzielle und personelle Ressourcen», sagt er auf Anfrage. «Aber kleine wie Turbenthal setzen Klimaschutz mit weniger Mitteln erstaunlich erfolgreich um – das wollte ich untersuchen.»

Seine Arbeit zeigt: Obwohl Turbenthal eine mittelgrosse Landgemeinde ist, kann sie in Sachen Klimaschutz problemlos mit Grossstädten mithalten. «Das freut uns natürlich sehr. Eigentlich ist es ganz einfach: Wir sind klein, aber denken gross», sagt Jürg Schenkel dazu schlicht. Der Erfolg sei das Resultat jahrelanger Bemühungen.

Bereits 2012 liess sich Turbenthal als Energiestadt zertifizieren – ein Label für Gemeinden mit systematischer Energie- und Klimapolitik. «Wir merkten damals: Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, brauchen wir mehr als Einzelprojekte», erklärt der Gemeindeschreiber. «Ein Leitbild, das uns über viele Legislaturperioden trägt.» 

Konsequenter 3-Phasen-Plan

Dies setzte die Gemeinde konsequent in drei Phasen um. Zunächst wurden Ideen und Projekte gesammelt, daraus strategische Ziele abgeleitet und schliesslich konkrete Massnahmen formuliert. Das Ergebnis: ein Energie- und Klimaleitbild, das der Gemeinderat 2020 verabschiedete – ausgerichtet an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft und am Pariser Klimaabkommen.

Ein Dorf aus der Vogelperspektive.
Wer würde denken, dass das beschauliche Turbenthal in der Klimapolitik so vorbildlich vorangeht?

Ambitioniert für eine Gemeinde, deren Zentrum man in zehn Minuten durchquert, nicht? Jürg Schenkel sagt: «Eigentlich müsste es ja nicht ‹Klimaschutz› heissen, sondern ‹Menschenschutz›. Dem Klima ist es egal, ob es drei Grad wärmer wird – für uns Menschen hat das gravierende Folgen. Schützen wir das Klima, schützen wir uns selbst. Und darum sind unsere Massnahmen so wichtig.»

Was würden die Einwohner tun?

2023 wagte Turbenthal den nächsten Schritt und bezog die Bevölkerung systematisch ein. Noch bevor neue Massnahmen beschlossen wurden, startete die Gemeinde eine grosse Befragung zu Energie, Konsum, Mobilität und Biodiversität, an der rund 300 Personen teilnahmen und die zur entscheidenden Grundlage für die heutigen Aktivitäten geworden ist. Die Antworten überraschten: Statt Abwehr oder Klimamüdigkeit zeigte sich, dass sich viele Turbenthalerinnen und Turbenthaler fürs Klima engagieren wollen.

Danach gründete man Arbeitsgruppen, die künftig etwa einen Solarstammtisch betreiben, sichere Velowege fördern oder naturnahe Gärten gestalten wollen. Davon war auch Kim Whett beeindruckt: «Die Elektroladestation, die aus der Bürgerinitiative entstanden ist, hat mich am meisten überrascht.» Stolz ist man auch auf die Schulen: Die Sekundarschule Turbenthal ist die erste Klimaschule der Schweiz und engagiert sich mit Projekten im Klima- und Umweltschutz.

Ein Mann und eine Frau gehen vor einem Gebäude.
Laut der Masterarbeit eines HSG-Studenten setzt Turbenthal den Klimaschutz mit wenigen Ressourcen besser ein als Grossstädte.

So entstand beispielsweise gemeinsam mit MyBluePlanet – einer Schweizer Klimaschutzorganisation – auf dem Schulhausdach eine Photovoltaikanlage. An deren Erstellung waren die Schülerinnen und Schüler beteiligt. Auch die Gemeinde geht mit gutem Beispiel voran: Bei Bauten und Beschaffungen gilt strikte Energieeffizienz. «Wenn wir das Klima schützen wollen, müssen wir vor allem Vorbild sein», sagt Nicole Widmer.

So sank der Stromverbrauch der Gemeindeverwaltung und den zugehörigen Werken dank verschiedener Massnahmen innert zweier Jahre um 14 Prozent, und das Gemeindehaus wurde 2024 nach dem hohen Minergie-P-Standard saniert – trotz Widerständen. «Man riet uns zu einem tieferen Standard, doch das wäre weniger klimafreundlich gewesen. Heute sind wir stolz, dass wir es geschafft haben», sagt Jürg Schenkel. 

Turbenthal hält Vergleich mit Grossstädten stand 

Wie schlägt sich Turbenthal im Vergleich zu einer Stadt wie Zürich? Anstatt grosse Masterpläne zu kopieren, hat man die Strategie eng mit der kantonalen und nationalen Energiepolitik abgestimmt und lokal angepasst.

«Abschreiben bringt nichts», sagt Jürg Schenkel. «Unsere Topografie, unsere Infrastruktur – das ist alles anders. Wir haben ein Konzept entwickelt, das zu uns passt.» Dass auch mit kleinem Budget viel möglich ist, beweist Turbenthal eindrücklich.

Für die Schnellladestation für E-Autos – betrieben mit Solarstrom – investierte die Gemeinde 100’000 Franken, wovon 70’000 Franken durch Sponsoring aufgebracht wurden. Dass die Station rege genutzt wird, ist ein deutliches Zeichen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. 

Zwischen Stolz und Skepsis

Natürlich läuft nicht alles reibungslos. Manche Projekte verzögern sich, andere scheitern. Und immer wieder taucht die Frage von Skeptikern auf: «Machen all diese Bemühungen wirklich einen Unterschied?» Nicole Widmer sagt offen: «Wir wissen es nicht bis auf die letzte Kilowattstunde genau. Aber Nichtstun ist die schlechteste Option.»

Jürg Schenkel ergänzt: «Wenn eine 5000-Einwohner-Gemeinde wie Turbenthal handelt, sendet das ein starkes Signal: Klimaschutz ist keine Luxusfrage für Metropolen, sondern Teil des Alltags – direkt vor der Haustür.» 

Die Energiestadt

Energiestädte verpflichten sich zu einer umfassenden Energie- und Klimapolitik – von Gebäuden über Verkehr bis zur Sensibilisierung der Bevölkerung. Die Gemeinden werden regelmässig von zertifizierten Expertinnen und Experten bewertet; je nach Punktzahl erhalten sie das Label oder sogar eine Auszeichnung. Turbenthal wurde seit dem Jahr 2020 bereits zweimal mit dem Label Energiestadt Gold ausgezeichnet. 

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