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Keine Einzelfälle?

Das kleine Wetzikon und die grosse Mafia

Was hat die Stadt Wetzikon mit der Mafia am Hut? Grundsätzlich nicht viel, wenn man von der Partnerstadt, deren Bürgermeister und einer Verhaftung im Januar absieht. Oder ist da noch mehr?

Im Jahr 2010 ging Wetzikon die Partnerschaft mit dem Städtchen Badolato ein, dessen Bürgermeister wegen Verbindung zur Mafia vor Gericht steht. (Archivbild)

Foto: PD

Das kleine Wetzikon und die grosse Mafia

Keine Einzelfälle?

Was hat die Stadt Wetzikon mit der Mafia am Hut? Grundsätzlich nicht viel, wenn man von der Partnerstadt, deren Bürgermeister und einer Verhaftung im Januar absieht. Oder ist da noch mehr?

Praktisch jeder kennt sie zumindest aus weltberühmten Spielfilmen. Diese verschwiegene Welt, in der Ehre und Zusammenhalt hochgehalten wird, übt auch auf manches Nichtmitglied eine gewisse Faszination aus: In Wahrheit entpuppt sich «La Cosa Nostra» (unsere Sache) jedoch stets als eine mörderische Schlangengrube, in der sich letztlich doch jeder selbst am nächsten ist – ob grosser Mafia-Boss oder kleiner Fusssoldat.

Mafiastrukturen im Thurgau oder im Tessin? Grundsätzlich nichts neues. Schon 2006 ging ein Bericht über ein Treffen der Ndrangheta in einem Boccia-Club im kleinen Dorf Wängi TG um die Welt. Laut Experten sollen inzwischen bereits zweite oder gar dritte Generationen am Ruder sein, die sich in der Ostschweiz heimisch fühlen.

Doch in jüngster Vergangenheit kam sogar die Stadt Wetzikon – wenn auch völlig unbescholten – immer wieder mit der Mafia, genauer der Ndrangheta, der in der Schweiz am stärksten vertretenen Mafiaorganisation, in «Berührung». Ob sich organisierte Kriminelle aus Kalabrien in der beschaulichen Kleinstadt im Oberland bereits eingenistet haben? Dieser Frage wollen wir – soweit möglich – nachgehen.

Dafür bedarf es erstmal einen Blick ins letzte Jahr und auf die von Wetzikon über Jahre gepflegte Partnerschaft mit dem süditalienischen Städtchen Badolato sowie dessen inzwischen vor Gericht stehenden, ehemaligen Bürgermeister.

Zwei Herren feiern auf der Bühne an einem Stadtfest.
Am Stadtfest Wetzikon im Jahr 2024 feierte der Wetziker Stadtpräsident Pascal Bassu (SP) gemeinsam mit Nicola Parretta. (Archiv)

Interessant ist die Tatsache, dass die Kantonspolizei gemeinsam mit dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) auch in diesem Jahr noch ein weiteres Mitglied der Ndrangheta in Wetzikon dingfest machen konnte. Italienische Behörden suchten auf Drängen der Staatsanwaltschaft von Catanzaro schon seit Anfang 2022 nach dem 29-jährigen Kriminellen, der Ende Januar verhaftet wurde, dessen Wege im Zusammenhang mit Drogenhandel offenbar bis in ein Wetziker Wohnhaus führten. Zuvor observierte man den Mafioso für längere Zeit grenzüberschreitend.

Somit ist klar: Selbst das provinzielle Oberland dient gewissen Mafiosi nicht nur als Rückzugsort, sondern offenkundig genauso als Operationsbasis. Das Fedpol geht inzwischen davon aus, dass Hunderte von Mafiosi dauerhaft in der Schweiz – in gewissen Fällen in zweiter oder dritter Generation und somit oft mit einem Schweizer Pass – leben.

Ungeachtet dessen kam es hierzulande im Zusammenhang mit der italienischen Mafia noch nicht zu offener Gewalt, wie es 2007 beispielsweise in der deutschen Stadt Duisburg der Fall war, wo mehrere verfeindete Mitglieder verschiedener Ndrangheta-Familien bei einer Schiesserei zu Tode kamen. Allerdings kam es 2025 in Zürich zu einer Verfolgungsjagd und Schiesserei von rivalisierenden Drogenclans, die jedoch nicht der Mafia angehören. Dennoch besteht laut dem Fedpol auch in der Schweiz eine eng vernetzte, organisierte Kriminalität mit gewaltbereiten Strukturen.

Der Drogenhandel ist das Kerngeschäft der organisierten Kriminalität in der Schweiz. Hierzulande soll ein «unterirdisches» Bankensystem bestehen, mit dem bargeldlos auf der gesamten Welt Zahlungen gemacht und Drogenlieferungen gekauft werden können.

Bürgermeister weg vom Fenster, Partnerschaft bleibt

Nur kurz zurück nach Badolato: Der ehemalige Bürgermeister Nicola Parretta steht seit Anfang April mit fünf weiteren Beschuldigten in Catanzaro vor Gericht. Er wurde im Zusammenhang eines grösseren Schlags gegen die Ndrangheta vor rund einem Jahr verhaftet. Er soll sich mutmasslich an Wahlbetrug, sprich mafiös-politischen Stimmenaustausch, mit Mitgliedern des Clans Gallace beteiligt haben.

Paretta stand zunächst unter Arrest, bis er nach einem Rekursantrag im vergangenen Juli auf freien Fuss kam. Die Staatsanwaltschaft wirft Badolatos ehemaligen Bürgermeister insbesondere vor, ein Abkommen mit dem Unternehmer Antonio Paparo, einem lokalen Vertreter des Gallace-Clans, geschlossen zu haben, um sich dessen Unterstützung im Wahlkampf zu sichern.

Für das Oberland ist dieser Fall pikant, weil: Das süditalienische Städtchen Badolato ist die Partnergemeinde von Wetzikon und pflegt eine enge Beziehung. Viele ehemalige Badolatesi wohnen in der Oberländer Stadt, mit Virtus Badolato gibt es in Wetzikon sogar einen Fussballklub, der den Namen des 2800-Einwohner-Städtchens trägt.

Eine italienische Kleinstadt auf einem Hügel.
So sieht die besagte Kleinstadt Badolato in Kalabrien aus. Zumindest offiziell war der Stadtpräsident von Wetzikon hier noch nicht zu Besuch. (Symbol)

In Wetzikon sah man aber nie einen Anlass, die seit 15 Jahren bestehende Partnerschaft aufzulösen. «Unsere Zusammenarbeit besteht mit der Stadt Badolato, nicht mit einzelnen Personen», sagte Stadtpräsident Pascal Bassu (SP) nach den Berichten aus Kalabrien. «Nicht zuletzt für die vielen Badolatesi, die in Wetzikon leben.»

Schweizweites Problem

Europaweit sind derzeit rund 800 schwerkriminelle Netzwerke aktiv. Viele davon in der Schweiz, unter anderem italienische Mafia-Gruppierungen sowie die die organisierte Kriminalität aus Südosteuropa. «Dazu gehören auch slawische und albanische Gruppierungen wegen ihrer sehr gefestigten Präsenz in der Schweiz», sagt Berina Repesa, die Mediensprecherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD).

Gleiches gelte für nigerianische Bruderschaften, Gruppierungen aus Frankreich sowie die in den Niederlanden ansässige Mocro-Mafia. «Die Gruppierungen sind auf verschiedene Kriminalitätsfelder wie beispielsweise Betäubungsmittelhandel und Menschenhandel spezialisiert.» Sie seien oftmals sogenannte «Partners in Crime». Auch gesprengte Geldautomaten gehören zu ihrem «Repertoire».

Generell sei die Schweiz für die organisierte Kriminalität ein attraktives Ziel. Unter anderem wegen der geografischen Lage, dem Finanzplatz und der hohen Kaufkraft. Die Schweiz gilt als Bargeldparadies. Während in der EU Bargeldzahlung auf 10'000 Euro limitiert sind, wird in der Schweiz erst ab 100'000 Franken gefragt, woher das Geld genau kommt.

«Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass eine bestimmte Region in der Schweiz von der organisierten Kriminalität verschont bleibt», sagt Repesa. Denn die organisierte Kriminalität sei kein kantonsspezifisches, sondern ein schweizweites Problem. Schon vor knapp einem Jahrzehnt sagte die «Mafia-Expertin» und Journalistin Maria Roselli gegenüber «Schweiz Aktuell», dass fünf oder sechs Ndrangheta-Zellen hierzulande aktiv seien.

Vor fünf Jahren gingen dem Fedpol und involvierten Polizeibeamten aus dem Tessin, Graubünden, St. Gallen und Zürich bei einer gross angelegten Aktion sechs Mafiosi ins Netz. Den Ermittlungen ging ein vier Jahre zuvor geschehener Mord in einem Dorf in der Ostschweiz voraus.

Aus dem Jahresbericht des Fedpol war schon 2021 zu entnehmen: «Die Schweiz ist nicht nur eine logistische Basis, sondern hat für die Mafia eine besondere Bedeutung. Ein Beweis dafür ist der Rang der Verhafteten, bei denen es sich nicht um irgendwelche Jugendliche, sondern um prominente Köpfe der Ndrangheta handelt. Diese agieren diskret, wirtschaftlich orientiert und treten meist kaum sichtbar auf. Speziell die Ndrangheta ist schwer zu erkennen, da sie nur auf familiäre Netzwerke und legale Firmenstrukturen setzt. Offenbar sind in der Schweiz niedergelassene Mitglieder mehrerer Clans still und ruhig damit beschäftigt, Drogen der Mafia hier zu verkaufen oder zu lagern.»

Dazu tragen sie beispielsweise zu einem nicht unerheblichen Teil des Kokainhandels bei. Jährlich werden in der Schweiz bis zu 10 Tonnen des «weissen Golds» durch die Nasen gezogen, was einem Wert von 150 bis 300 Millionen Franken entspricht. Dieses Geld «muss» in den Umlauf gebracht und gewaschen werden.

Die Staatsanwaltschaft Zürich führt jährlich über 1200 Geldwäscherei-Verfahren und zieht dabei einen zweistelligen Millionenbetrag ein. Ende Mai 2026 erläuterte die Behörde an ihrer Jahresmedienkonferenz ihre Strategie «Follow the money», die auf die organisierte Kriminalität wie Drogen- und Menschenhandel, aber auch Betrug abzielt. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der neu eingegangenen Fälle um rund 700 auf 43’500 angestiegen. Das Total der insgesamt pendenten Verfahren stieg um satte 6,5 Prozent auf über 12’800.

Die effiziente Bekämpfung ist «eine nationale und internationale Verbundsaufgabe, die eine enge Zusammenarbeit aller Behörden erfordert». Bund, Kantone und Gemeinde müssten an einem Strang ziehen. Gleiches gelte für die Wirtschaft oder Zivilgesellschaft. Letztlich gehe es auch um eine bilaterale und multilaterale Kooperation mit ausländischen Partnern und deren Behörden.

Keine konkreten Auskünfte

Um von den ermittelnden Behörden, sprich den zuständigen Polizeistellen, konkrete Auskünfte zur Mafia in jeweiligen Gebieten zu erhalten, ist schwierig, sogar beinahe unmöglich. Die Kantonspolizei Thurgau beispielsweise verwies an die Kantonspolizei Zürich. Die Stadtpolizei Wetzikon tat es ihr gleich.

Und fragt man bei der Züricher Kantonspolizei nach, so erhält man eine doch erwartbare Antwort, die lautet: «Konkrete Anfragen können wir in Bezug auf die organisierte Kriminalität aus taktischen Gründen nicht beantworten.» Es folgt lediglich ein Hinweis auf den Überblick der jährlich publizierten Kriminalitätsstatistik. Die Mafia beschäftige die Strafverfolgungsbehörden zwar intensiv. Die genauen Anteile der organisierten Kriminalität sei in der Statistik aber nicht ablesbar.

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