Trotz KI suchen viele nach einer persönlichen Rechtsberatung
Rechtsauskunftsstelle Zürcher Oberland
Braucht es in Zeiten künstlicher Intelligenz noch so etwas Altmodisches wie ein Auskunftsbüro? «Ja», sagt man bei der Rechtsauskunftsstelle Zürcher Oberland, wo Fälle fast so schnell gelöst werden wie durch KI – aber korrekt.
Peter Muster hat seinen Job entnervt gekündigt. Noch immer wartet er auf die beiden letzten Löhne, eine saubere Schlussabrechnung ist natürlich auch noch nicht da, und ans Arbeitszeugnis, um das er den Chef bereits viermal erfolglos gebeten hat, will er schon gar nicht mehr denken.
Was nun? Peter Muster, der in Wirklichkeit nicht so heisst, könnte sich im Internet schlaumachen. Vielleicht sogar die künstliche Intelligenz (KI) nach einer pfannenfertigen Lösung fragen. Oder zu einem Rechtsanwalt gehen. Die selbständige Sucherei im Internet ist in der Regel mit recht viel Zeit und Unsicherheit verbunden, der Weg zum Anwalt wird definitiv teuer.
Also geht Muster zur Rechtsauskunftsstelle Zürcher Oberland (RZO) in Wetzikon. Dort hört man sich seine Geschichte an, schreibt keine Stunde danach in Musters Namen seinem Chef und droht ihm die Betreibung wegen der ausstehenden Saläre an. Zwei Wochen später ist die leidige Angelegenheit bereinigt.
Zugänglich für jedermann
Ein Ablauf, der in Zeiten zunehmend komplizierter werdender juristischer Auseinandersetzungen fast zu einfach tönt. Doch genau das ist das Ziel der RZO: «Jedermann auf unbürokratische Weise Rechtsberatung anbieten.» So steht es im Reglement der seit über 30 Jahren aktiven Organisation, die zuvor aber schon gegen 80 Jahre lang unter anderem Namen existierte.
Getragen wird die Einrichtung von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Hinwil, und sie erhält einen finanziellen Beitrag von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Pfäffikon.
Die Klassiker: Arbeitsrecht und Mietrecht
Weder die lange Geschichte, die ja auch auf eine aus der Zeit gefallene Institution deuten könnte, noch die ständig wachsende Zahl von Rechtsinformationen im Internet oder KI-Lösungen haben das Interesse an der RZO jedoch geschwächt. «Wir stellen ein anhaltend grosses Bedürfnis nach unserer Dienstleistung fest», sagen sowohl Karin Maeder-Zuberbühler als auch Larissa Egli. Maeder-Zuberbühler ist Präsidentin der Geschäftskommission, einer Art Verwaltungsrat. Egli ist Rechtsanwältin und Geschäftsstellenleiterin; sie wird bei ihrem Job von einer weiteren Juristin und einer Assistentin unterstützt.
Die RZO kann man um Hilfe fragen bei einfacheren Fällen aus allen Rechtsgebieten. Klassiker sind seit langer Zeit aber das Arbeitsrecht (meist wegen eines Streits mit dem Arbeitgeber), das Mietrecht (Was tun gegen den uneinsichtigen lärmenden Nachbarn?) sowie das Eherecht (Fragen zum Kinderunterhalt). Viele Fragen betreffen auch finanzielle Unterstützung: Sozialhilfe, IV-Renten, Ergänzungsleistungen.
Laut Maeder-Zuberbühler und Egli nimmt ganz allgemein die Komplexität der jährlich gegen 2000 Fälle zu, «weil es bei den Klienten oft gleich in mehreren Bereichen Probleme gibt». Man verliert etwa den Job, hat dann zu Hause mit der Familie Schwierigkeiten, und Schulden gibt es auch noch.
Wenn es brennt, ist eine Sofortberatung möglich
Da der Zugang zur RZO möglichst einfach sein soll und zudem gemäss Egli «die Leute ihre Probleme schnell gelöst haben wollen», muss man nicht lange auf einen Termin warten oder – wie bei einigen Anwälten – zuerst eine Vorauszahlung leisten, sondern wird in der Regel innert dreier Tage bedient. Und wenn es brennt, auch mal gleichentags.
Viele der Kunden informieren sich zuerst im Internet und fragen anschliessend die RZO: «Ist es so, wie es im Web stand?» «Und oft stimmt es halt nicht, was sie gelesen haben», sagt Egli. Und auch die KI sei nur eine begrenzte Hilfe, ergänzt Maeder-Zuberbühler, denn solche Systeme würden wohl viele Informationen liefern, «welche die Leute dann aber nicht verstehen oder nicht einordnen können».
Meist genügt ein Termin
Ein hoher Anteil der Fragen lässt sich telefonisch beantworten, ansonsten kommen Ratsuchende nach Voranmeldung persönlich vorbei im Büro, das in der Nähe des Bahnhofs Wetzikon liegt. Hier werden dann die allfälligen Unterlagen zum Fall angeschaut, etwa eine Wohnungskündigung, der Klient erhält eine Beratung, und, wenn nötig, schreibt man ihm auch gleich einen Brief an die Wohnungsverwaltung.

In einigen Fällen werden die Besucher auch an andere Hilfseinrichtungen weitergeleitet; eine bedrohte Ehefrau etwa an eine Beratungsstelle für häusliche Gewalt. «Wir bieten hier zuweilen auch Lebenshilfe, nicht nur rein juristische Beratung», formuliert es Egli.
Das meiste lässt sich in einer einzigen, kurzen Beratung lösen. Und das mit einer hohen Erfolgsquote. Gemäss Egli gehen keine 10 Prozent der Fälle, die der RZO vorgelegt wurden, nachher weiter an den Friedensrichter, ein Gericht oder – weil länger dauernd und komplex – einen Anwalt.
Lohnabhängiger Stundenansatz
Bei der RZO können sich alle Einwohnerinnen und Einwohner der Bezirke Hinwil und Pfäffikon und von Hombrechtikon, Greifensee, Maur, Mönchaltorf, Schwerzenbach und Uster melden sowie – bei Arbeitskonflikten – Menschen, die in diesen Orten tätig sind.
Die erste halbe Stunde einer Beratung ist gratis. Anschliessend wird, je nach Lohnhöhe des Klienten, ein Stundenansatz zwischen 80 und 280 Franken verrechnet. Beim Gros der Kunden, die sehr oft ein tiefes Einkommen haben, gelangt ein Tarif von nicht über 120 Franken zur Anwendung.
Weder Aus- noch Abbau sind ein Thema
Trotz dem sehr tiefen Preis für die fachliche juristische Beratung schreibt die Rechtsauskunftsstelle Zürcher Oberland dank den Beiträgen der 27 Orte im Einzugsgebiet eine schwarze Null. Genau so, wie es gemäss dem RZO-Reglement sein sollte, will man laut den Verantwortlichen doch einerseits nicht gratis arbeiten, andererseits aber auch keinen hohen Gewinn machen und schon gar nicht die Rechtsanwälte konkurrenzieren.
Aktiv ausgebaut werden soll die RZO trotz ihrem Erfolg aber nicht. Möchte sich jedoch eine weitere Gemeinde der Institution anschliessen, wäre sie willkommen.
Und auch ein Abbau ist trotz der massiv voranschreitenden Digitalisierung des Lebens, vor allem der Informationsvermittlung, absolut kein Thema. «Die Rechtsauskunftsstelle braucht es unbedingt weiterhin», sagt Maeder-Zuberbühler, ohne zu zögern.