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Justiz

Vermeintlicher Arzt kassiert wegen gefälschten Diplomen Landesverweis

Ein spanischer Arzt nutzte gefälschte Diplome und praktizierte illegal in der Schweiz, bis er nun verurteilt wurde.

Das Bezirksgericht Uster hat nun entschieden, was mit dem Spanier passiert.

Foto: Christian Brändli

Vermeintlicher Arzt kassiert wegen gefälschten Diplomen Landesverweis

Bezirksgericht Uster

Er hatte keine Lust auf die vorgeschriebenen Assistenzjahre. Doch das ging nicht gut. Der Spanier kassierte 17 Monate bedingt und muss ausreisen.

Liliane Minor

Es war ein aufmerksamer Apotheker, der dazu beigetragen hat, dass die Behörden dem 45-jährigen Spanier auf die Schliche kamen. Dem Apotheker waren Rezepte aufgefallen, die der angebliche Arzt ausgestellt hatte und die keinen Sinn ergaben.

Auch sein Arbeitgeber, eine Hausarztpraxis in der Innerschweiz, wurde irgendwann stutzig. Denn der Ausbildungsweg des Mannes war ungewöhnlich. Studiert hatte er zuerst in Spanien, dann in Venezuela. Einem Land, in dem immer wieder bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

Und schliesslich stellte sich der Mann selbst Rezepte aus – für ein sehr starkes Schmerzmittel.

Akten zeigen, was ihn angetrieben hat

Im Januar dieses Jahrs wurde der Mann verhaftet. Kürzlich verurteilte ihn das Bezirksgericht Uster im abgekürzten Verfahren zu 17 Monaten bedingt, einer Busse von 3000 Franken und zu einer Landesverweisung für drei Jahre. Der Mann hatte dazu nicht viel mehr zu sagen ausser: «Ich akzeptiere die Strafe.»

Was ihn angetrieben hat, wie er vorgegangen ist, all das musste er dem Gericht nicht schildern. Im abgekürzten Verfahren sind weder ausführliche Befragungen noch Plädoyers vorgeschrieben. Diese Redaktion hat aber Einblick in die Akten erhalten. So lassen sich die Hintergründe rekonstruieren.

Er hat eine gute Stelle, dann wird er krank

Und die enthüllen eine Geschichte, die auch tragische Elemente hat. 1997 besteht der Mann die Aufnahmeprüfung für eine Uni in Spanien. Er möchte Medizin studieren, aber erhält dafür keinen Studienplatz. Also lässt er sich erst zum Lehrer ausbilden, dann zum Psychologen. «Ich hatte eine gute Stelle beim Staat», erzählt er dem Staatsanwalt in einer Einvernahme.

Doch immer öfter macht ihm ein schmerzhaftes chronisches Darmleiden zu schaffen. Er wird krankgeschrieben, beginnt doch noch Medizin zu studieren, «aber nach drei oder vier Jahren hielt ich es wegen meiner Krankheit nicht mehr aus».

Derweil leiten die spanischen Behörden ein Verfahren für eine Invalidenrente ein. Die wird ihm 2017 zugesprochen. Eine Erleichterung ist der Entscheid für den Mann nicht: «Ich habe das akzeptiert, weil ich ja krank war und keine Wahl hatte.»

Aber im Grunde ist die Rente eine Kränkung für sein Ego. Immerhin, das Geld reicht, um das Studium in Venezuela fortzusetzen. Auf die Frage, warum er für die Ausbildung ausgerechnet ein derart instabiles Land ausgesucht habe, antwortet er: «Weil es am einfachsten ist. Das Niveau ist tiefer.»

Ob er das Studium in Venezuela je abgeschlossen hat, wie er erklärt, bleibt in den Befragungen unklar. Er habe das Originaldiplom «zu Hause in Spanien», wo genau, wisse er nicht. Spanien habe es anerkannt, versichert er, nur dürfe er in Spanien wegen seiner Krankheit nicht praktizieren.

Die Fälschungen sind offenbar überzeugend

Im Jahr 2021 reist er in die Schweiz. «Ein Headhunter hat mich kontaktiert und mir das angeboten, weil es angeblich zu wenige Ärzte gibt in der Schweiz.» Das Problem ist nur, dass die Schweiz einen venezolanischen Facharzttitel nicht anerkennt.

Der Spanier hätte mindestens drei Jahre als Assistenzarzt arbeiten müssen, aber darauf hat er keine Lust, wie er in der Strafuntersuchung sagt. «Und es klingt vielleicht lächerlich, aber ich musste die Arbeit haben, um über meine Krankheit weiter forschen zu können.»

So bastelt er sich am Computer alle möglichen Diplome zusammen, darunter ist ein Schweizer FMH-Titel, aber auch ein Sprachzertifikat. Einmal verwendet er als Vorlage gar ein medizinisches Diplom seines Chefs.

Die Fälschungen sind offensichtlich täuschend echt. Im Dezember 2021 anerkennt die eidgenössische Medizinalberufekommission (Mebeko) seine Titel, bald darauf erhält er in diversen Kantonen die Berufsausübungsbewilligung, unter anderem auch im Kanton Zürich.

Bald beginnt er in diversen Praxen zu arbeiten, zunächst kommt er gut an. Auch einen Arztstellenvermittler überzeugt er. Der schreibt in einem Dokument, das in den Akten liegt: «Sehr freundlicher, zielstrebiger und bedachter Kandidat, der sein Wissen in die Arbeit einbringt. Er ist eine Bereicherung für den Arbeitgeber und bei allen Teammitgliedern sehr geschätzt. Strukturierte, verantwortungsbewusste Person, auf die man sich gerne verlässt.»

In Boltigen BE machten sie Werbung mit falschem Arzt

Der Spanier ist nicht der erste falsche Arzt, der in der Schweiz überführt worden ist. Im vergangenen Herbst hat die Aargauer Staatsanwaltschaft eine Ukrainerin zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 80 Franken verurteilt. Auch sie hatte sich mit professionellen Fälschungen eine Anerkennung als Ärztin erschlichen, allerdings praktizierte sie nie.

Ebenfalls im vergangenen Herbst machte die bernische Gemeinde Boltigen unfreiwillig Schlagzeilen. Auch dort war ein Mann als Hausarzt angestellt worden, dessen Diplome von der Mebeko zunächst anerkannt worden waren, obwohl sie offenbar nicht echt waren.

Besonders bitter: Die Gemeinde hatte den Mann im Sommer mit einer Plakatkampagne willkommen geheissen und ihm ein zinsloses Darlehen von über 700’000 Franken für die Modernisierung der Hausarztpraxis im Dorf gewährt. Dann widerrief die Mebeko die Anerkennung der Diplome. Gegen den Mann läuft ein Strafverfahren, es gilt die Unschuldsvermutung.

Nur ein paar wenige Fälle pro Jahr

Angesichts dieser Fälle stellt sich die Frage, ob in Bern zu wenig genau hingeschaut wird – gerade auch in Anbetracht des Hausärztemangels. Genau diesen Vorwurf haben Politiker im Zusammenhang mit dem Debakel von Boltigen erhoben.

Auch die Leitung einer der Praxen, in denen der spanische Arzt arbeitete, spricht von einem etwas angeschlagenen Vertrauen in die Mebeko. Namentlich zitieren lassen will sich die Person aus Angst um den Ruf der Praxis nicht.

Wer ausländische Diplome in der Schweiz anerkennen lassen wolle, der müsse «wahnsinnig viele» Dokumente zur Prüfung einsenden – da erwarte man schon, dass das Resultat überzeuge. Die Anfrage bei einer zweiten Praxis, in welcher der Spanier tätig war, läuft ins Leere. Sie ist inzwischen geschlossen, unter anderem wegen der Beschäftigung von Personen ohne anerkanntes Diplom.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) relativiert. Die Mebeko bearbeite jährlich rund 5000 Gesuche, schreibt Mediensprecher Daniel Dauwalder. Die Zahl der mutmasslich gefälschten Unterlagen bewege sich im Promillebereich. In solchen Fällen werde Strafanzeige erstattet. Eine Zunahme sei nicht erkennbar.

Das sieht man auch bei der Zürcher Gesundheitsdirektion so. «Aufgrund der mehrstufigen Prüfung funktioniert das bestehende System gut», schreibt Mediensprecherin Dragana Glavic. Um zu praktizieren, braucht es neben der Anerkennung der Diplome durch die Mebeko auch eine Berufsausübungsbewilligung, welche die kantonalen Gesundheitsdirektionen ausstellen.

Der leichte Weg ist der falsche

Der falsche spanische Arzt dürfte längst in seine Heimat zurückgereist sein. Der Richter in Uster hat ihn nach der Verurteilung aus der Untersuchungshaft entlassen – mit dem Hinweis: «Sie wissen, was Sie zu tun haben.» Der Mann nickte. Er werde nach Spanien zurückkehren.

Auf die Frage, wie er seine Zukunft sehe, sagte er dem Gericht: «Zuerst muss ich gesund werden. Dann muss ich über all das nachdenken, was passiert ist. Der leichte Weg ist der falsche, das habe ich gelernt.»

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