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Justiz

Der Richter, der Herr und Frau Oberländer versteht

Der Pfäffiker Bezirksrichter Thomas Rehm urteilt seit 1992 von Berufs wegen über andere. Doch was macht das mit ihm? Ein Portrait.

Seit 2004 der höchste Richter im Bezirk Pfäffikon: Thomas Rehm.

Foto: Seraina Boner

Der Richter, der Herr und Frau Oberländer versteht

Thomas Rehm aus Wolfhausen

Seit fast 20 Jahren ist Thomas Rehm Bezirksgerichtspräsident in Pfäffikon. Eine Begegnung mit einem Mann, bei dem Amt und Person längst verschmolzen sind.

Es ist keine alltägliche Situation, in der sich Thomas Rehm an diesem Morgen im Gerichtssaal Nummer 3 im ersten Stock des Bezirksgebäude Pfäffikon befindet. Als Bezirksgerichtspräsident ist üblicherweise er derjenige, der hier die Fragen stellt. Dieses Mal aber gibt er Auskunft - und zwar querfeldein zu jedem Thema, das dem gegenübersitzenden Journalisten gerade so einfällt.

Dem 62-Jährigen scheint diese Aufmerksamkeit nicht unangenehm zu sein. Darauf lässt der Umstand schliessen, dass er nichts unbeantwortet lässt, nie abschweift und sich auch nicht hinter seinem Amt versteckt.

Angesichts der grossen Verantwortung, die Thomas Rehm trägt, ist das nicht selbstverständlich. Der oberste Richter gehört er zu den wichtigsten öffentlichen Amtsträgern des Bezirks. Er hat eine Weisungsbefugnis über die Menschen, die in den Verhandlungen vor ihm sitzen. Das bringt es zwangsläufig mit sich, einen Teil von ihnen unglücklich zu machen.

Er sagt: «Es ist bemerkenswert, dass man in der Schweiz als Richter ganz normal leben kann. Abgesehen von einer einmaligen Telefonbelästigung und einer schriftlichen Beleidigung habe ich in meiner beruflichen Laufbahn nie eine persönliche Attacke erlebt.»

Ein Mann, ein Gebäude, 37 Jahre

Nie – das sind in diesem Fall bald 37 Jahre. Ausschliesslich am Bezirksgericht Pfäffikon.

Am 1. August 1986 hat Rehm hier als Auditor begonnen und danach als Gerichtsschreiber gearbeitet. 1992 wurde er zum Ersatzrichter und 1997 als Parteiloser an der Urne offiziell zum Richter gewählt. Seit 2004 amtet er als Gerichtspräsident.

Eine Vita wie eine Gerade – war das sein Kindertraum? Oder wenigstens ein Plan? «Nein, ich wollte nach dem Jura-Studium als Praktikant ans Gericht. Der Rest hat sich ergeben», sagt Thomas Rehm.

Der Job ist sicher nicht glamourös.

Bezirksgerichtspräsident Thomas Rehm

Es sind abertausende Angelegenheiten, denen er sich in dieser langen Zeit angenommen hat. Von Streitigkeiten um ein paar Franken über Scheidungen bis hin zum Mordfall. Das ganze Programm.

In vielen Fällen kommt es gar nicht erst zu einer Vorladung. Und wenn doch geht es in der Regel darum, eine Lösung zu finden, mit der beide Parteien leben können. Die wirklich grossen, öffentlichkeitswirksamen Strafrechtsprozesse wie etwa der «Vater-Mord» von Pfäffikon im Jahr 2015 sind dagegen selten.

Ein Gebiss zu Weihnachten

«Der Job ist sicher nicht glamourös», hält denn auch Thomas Rehm fest. Oft ist der Alltag technisch und trocken. Spannend sei dagegen der Umstand, dass jeder Fall anders gelagert sei und man viele angehende Juristen ausbilden könne.

Zuweilen gebe es lustige Begebenheiten. Etwa als ein Rentner dem Gericht zu Weihnachten sein Gebiss schickte: «Im Begleitschreiben teilte er uns mit, dass er sich zwar über die bei uns abgewickelte Scheidung freue. Die Gerichts- und Anwaltskosten seien aber derart hoch, dass er sich kein Essen mehr kaufen könne.»

Die Schmonzette darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei jedem noch so trivialen Fall Betroffene und Konsequenzen gibt. Und das viele Menschen bereit sind, alles dafür zu tun, um so gut wie möglich aus der Sache hinauszukommen.

Thomas Rehm hat in seiner langen Karriere tausende Fälle verhandelt.
Thomas Rehm kennt auch den hintersten Winkel des Bezirkgebäudes. Immerhin arbeitet er seit 37 Jahren hier.

Er sei inzwischen abgehärtet und in vollem Bewusstsein, dass er zuweilen «brandschwarz angelogen» werde, konstatiert der Bezirksgerichtspräsident. Seine anfänglichen Idealvorstellungen hat er längst hinter sich gelassen. Natürlich würden ihn traurige Konstellationen heute noch berühren. Doch das müsse man wegstecken.

Einzig, wie macht Thomas Rehm das? «Seit dem ersten Tag an, lasse ich nach Feierabend strikt alle Angelegenheiten im Büro. Auch mit meiner langjährigen Partnerin, die ich einst hier kennengelernt habe, rede ich nie über die Fälle.»

Nur einmal auf den Tisch gehauen

Interessanterweise offenbart sich genau in dieser Haltung zur Trennung von Privatem und Beruflichem eine Tugend, die ihn als Richter qualifiziert: Grenzen zu ziehen und sich konsequent an ihnen zu orientieren.

Es ist eine Tugend, von der er selbst nicht so recht weiss, ob sie eher der Persönlichkeit oder dem Job entspringt. Eine, die also allem Anschein nach aus der Verschmelzung von Amt und Person hervorgegangen ist.

Gelassenheit hilft.

Thomas Rehm

Weiss man um sie, fällt sie im persönlichen Gespräch richtiggehend auf. Rehm ist äusserst höflich und lässt seinen Humor immer wieder mal durchdrücken. Doch die Fragen beantwortet er allesamt pointiert, in keinem Moment droht er der Plauderei zu verfallen.

Kurz, er verliert den Fokus nicht. Das vermittelt eine gewisse Autorität – und macht es in einer Verhandlung schwierig, ihn zu übertölpeln oder aus der Ruhe zu bringen.

Ganz am Anfang seiner Karriere, so erinnert er sich, habe er einmal während einer Verhandlung auf den Tisch gehauen. Für die meisten Menschen eine Nichtigkeit, für ihn offenbar ein einschneidendes Erlebnis. Er sagt: «Das ist mir seither nie mehr passiert.» Und: «Gelassenheit hilft.»

Der «nicht einfach zugängliche» Oberländer

Eine Qualität, die er sich in seiner Arbeit angeeignet hat, ist jene, die Menschen und ihre Welt zu lesen. Wenn er sagt, dass seine «Kunden», wie er sie fast schon liebevoll nennt, heute weniger autoritätsgläubig sind und öfter widersprechen, dann spiegelt das eine gesellschaftliche Tendenz.

Bezirksgerichtspräsident Thomas Rehm nennt sich selbst harmoniesüchtig.
Thomas Rehm mag nett sein. Unterschätzen sollte man ihn deshalb nicht.

Man darf ihm glauben, wenn er den Oberländer als Menschenschlag bezeichnet, der «nicht einfach zugänglich, dafür aber treu und gutmütig» ist. Rehm wohnt zwar nicht im Bezirk, immerhin aber seit eh und je im nicht weit entfernten Wolfhausen – er kennt die Bewohnerinnen und Bewohner der Region.

Im Gegensatz zum Otto Normalbürger erlebt er sie nicht nur im Alltag, sondern in einem Ausnahmezustand. Das wiederum prägt ihn persönlich. Insbesondere die bitteren und feindseligen Gefühle bei Scheidungen, haben ihn zu Beginn beschäftigt. Er sagt: «Vielleicht bin ich deshalb nicht verheiratet. Ich streite nicht gern, bin harmoniesüchtig.»

Die Pension ist nicht verhandelbar

Freilich hat sich im Laufe der Zeit nicht nur die Gesellschaft, sondern auch sein Aufgabenbereich verändert. Anspruchsvoller sei der Richterberuf geworden. Es brauche mehr Überzeugungsarbeit bei den Menschen, um zu einem Kompromiss zu gelangen. Und mehr Administration und Statistiken für die Verwaltung. «Es überbordet», bringt es Rehm auf den Punkt.

Dass das Pensionsalter langsam näher rückt, scheint unter diesem Licht keine Tragödie. In drei Jahren, so sagt Thomas Rehm, werde er in Rente gehen. Er gehe gerne auf Reisen, segle gern. «Ich habe Pläne», betont er.

Doch wird er nach einem Leben am Bezirksgericht wirklich loslassen können? Oder ihm nicht doch noch in irgendeiner Funktion bleiben? «Nein, das ist nicht verhandelbar», sagt Thomas Rehm. Das macht durchaus Sinn: Er hat eine Grenze gezogen, also wird er sie nicht überschreiten.

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