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Gesellschaft

Jetzt wird praktisch gegrüsst

Der Theorie folgt die Praxis: Nach drei Woche Rekrutenschule zu Hause sind die angehenden Soldaten nun in der Dübendorfer Kaserne am Üben. Es gibt einiges nachzuholen.

Anmelden, abmelden: Erst in der vierten RS-Woche lernen die Rekruten in Covidzeiten das militärische Grüssen., Die Rekruten erhalten ihr Sturmgewehr., Ausbildung im Festzelt: Wegen der Schutzmassnahmen braucht es zusätzlichen überdachten Platz., Für den Kommandanten der Rekrutenschule hat sich gezeigt, dass das Lehrnen auf Distanz viel Selbstdisziplin braucht., Die Kompagnie der Luftwaffen Nachrichtenrekrutenschule beim Antrittsverlesen., Die ersten Handgriffe mit dem Sturmgewehr werden geübt., Das gesamte persönliche Material wird gefasst., Und dann gilt es das Material über dem Bett ins Kästli einzuräumen., DEie körperliche Fitness der Rekruten wird getestet., Nun findet die Ausbildung rund um die Kaserne statt.

Foto: Giuliana Schintu

Jetzt wird praktisch gegrüsst

Nun zeigt sich, ob die Rekruten daheim mehr Däumchen gedreht und Videospiele absolviert haben, statt den militärischen Lernstoff zu verinnerlichen. Wegen Covid sind erstmals überhaupt Rekrutenschulen im « Home Office »  gestartet worden. Auch die Rekruten der Luftwaffen Nachrichtenrekrutenschule in Dübendorf haben die ersten drei Wochen ihrer Grundausbildung daheim in der Wärme vor dem Computer absolviert.

Diese Woche sind sie in die Theodor-Real-Kaserne eingerückt. Und das in grosser Zahl: 221 Rekruten zählt diese RS. Im Schnitt der letzten beiden Jahre waren es 193. Mit 56 Unteroffizieren und Offizieren ist der Anteil der Kader auch um 20 Personen höher als sonst üblich.  

Technik machte zuerst nicht mit

« Das Distance Learning fand zum ersten Mal in dieser Form statt. Die Selbstdisziplin der Rekruten war ausschlaggebend für den Erfolg » , hält Oberstleutnant im Generalstab Thomas Ineichen fest. Er ist als Kommandant des Luftwaffen Trainingskommandos 82 auch für die Rekrutenschulen verantwortlich, die in Dübendorf jährlich zweimal durchgeführt werden. « Aufgund anfänglicher technischer Herausforderungen konnten nicht alle Ausbildungsinhalte absolviert werden. Die jetzigen Tests zeigen, ob der Ausbildungsstoff vermittelt werden konnte. »

Was alle früheren Rekrutengenerationen jeweils bereits in den ersten paar Tagen ausgiebig übten –  das Strammstehen oder das richtige Grüssen – , lernen die angehenden Soldaten in Pandemiezeiten jetzt erst in der vierten Woche. Auch die ganze Ausrüstung samt Uniform und Gewehr wurde erst gefasst, nachdem schon ein Sechstel der RS vorbei war.

Weniger Sport

Während die militärische Grundausbildung am Computer absolviert werden konnte, war dies für die technische Spezialausbildung nicht möglich. Hier wird jetzt angesetzt. Wegen der besonderen Situation gebe es einige Abstriche bei der Ausbildung, wie Ineichen erklärt. Dem Virus zum Opfer fallen die Standartenübernahme und der Tag der Angehörigen, auch werden diverse Theorien gekürzt. Zudem finden weniger Märsche und Sport statt.

Zum Sport treiben sind die Rekruten zwar während der ersten drei Wochen daheim angehalten worden. Doch hat das auch geklappt? « Die physische Verfassung der Rekruten entspricht in etwa dem, was wir in vorhergehenden Rekrutenschulen verzeichnet haben. Genaueres werden wir beim Absolvieren des Sporttestes evaluieren können » , erklärt der Kommandant.

Ein Festzelt für die Ausbildung

Um die Schutzmassnahmen mit den verlangten Abständen in der Ausbildung umsetzen zu können, musste das Schulkommando sich etwas einfallen lassen: « Die Infrastruktur für die Ausbildung im Zugsrahmen reicht aus. Für die Ausbildung im Kompanierahmen wurde ein Festzelt eingemietet: Jeder Rekrut hat einen eigenen Tisch und Sitzplatz. So können die Abstände eingehalten werden. »

Zwei Vorteile hat die RS in dieser neuen Form: Einerseits hat es während der ersten drei Wochen noch keine Ausfälle gegeben, während sonst jeweils etwa sechs Rekruten aus medizinischen Gründen ausscheiden oder zum Zivildienst wechseln. Andererseits genoss das ganze Kader, das bereits seit vier Wochen in der Kaserne weilt, selbst noch zusätzliche Ausbildung durch Berufsmilitär –  und sie hatten die Möglichkeit, sich vertiefter auf die kommende Ausbildung der Rekruten vorzubereiten.

Die Rückmeldungen zum besonderen RS-Start sind laut Ineichen sehr unterschiedlich ausgefallen: « Einige Rekruten haben das Distance Learning geschätzt. Wenige Rekruten wären lieber eingerückt, da sie den Ausbildungsstoff von Anfang an auch in die Praxis hätten umsetzen können. »

Viel Eigeninitiative war verlangt

Zu den 221 Rekruten, die diese Woche in Dübendorf eingerückt sind, gehören auch Simon Maag aus Uster und Marco Frey aus Greifensee. Die beiden 19-Jährigen haben in den ersten drei Wochen im Home Office ähnliche Erfahrungen gemacht. « Es brauchte viel Eigeninitiative, um den Tag zu gestalten » , meint Maag. Gefallen hat es ihm aber gut: « Ich würde es gerne wieder machen. »

Als Spitzensportler – er spielt in der Nationalliga Volleyball für den TSV Jona – und als gelernter Bäcker/Konditor sei ihm diese eigenständige Tagesgestaltung entgegengekommen. « Bei mir ging um 7 Uhr der Wecker los. Das ist für mich spät. »  Und abends konnte er jeweils noch ins Training.

Mit der Tagwache um 4.45 Uhr wie in dieser Woche an einem Morgen habe er, der sonst Nachtschicht arbeitet und Arbeitsbeginn um 23.30 Uhr oder 3 Uhr gewohnt ist, gar kein Problem. Auch das Schlafen in einem mit acht Personen belegten Zimmer mache ihm nichts aus. Das ist bei Frey etwas anders, « denn ich habe einen leichten Schlaf. Und wenn dann Kollegen schnarchen… »  Maag hat derweil nur Mühe mit der Länge des Betts, da er sehr gross gewachsen ist.

Die grösste Umstellung mit dem Einrücken ist für den Ustermer gewesen, dass nun auch auf die Kleiderordnung geschaut wird. « Daheim hat das niemanden interessiert » , sagt er schmunzelnd. Vor dem Einrücken hatte er schon ein « komisches Gefühl » . Doch die anfängliche Anspannung sei nun weg und er schätze es, die Kollegen aus seinem Zug kennen zu lernen. Nach seiner Ausbildung zum Einsatzzentrale-Betriebssoldaten will Maag sich wieder voll auf seinen Beruf und den Sport konzentrieren.

Empfehlung für Dübendorf

Frey, der in drei Wochen seinen 20. Geburtstag feiert, hat die ersten drei Wochen daheim als sehr abwechslungsreich erlebt. In den ersten zwei Tagen funktionierte zwar das Lernen am Computer noch nicht, da die Software der Armee streikte. Doch danach genoss er die Freiheiten, die dieses System zulässt. « Es fordert allerdings viel Disziplin. »  Anders als sein Kollege, den er schon vom Unihockey her kennt, konnte er seinen gewohnten Schlafrhythmus daheim noch fortsetzen.

Für die Ausbildung zum Luftwaffen-Nachrichtensoldat hat er sich entschieden, da er so einen kurzen Heimweg hat. « Zudem haben mir Kollegen, die hier in der Sommer-RS waren, diesen Dienstort empfohlen » , meint Frey, der beruflich in der Buchhaltung bei der SV Group arbeitet. Er hofft, dass er den Militärdienst ohne Zwischenfälle, « also keine Virusinfektion oder so » , durchstehe. Im September will er dann ein Studium als Betriebsökonom an der ZHAW in Angriff nehmen. In der Kaserne schätzt er den direkten Austausch: « Kameradschaft ist ein sehr wichtiges Thema. »  

Fürs Kennenlernen erhalten die Rekruten nun auch ausreichend Gelegenheit. Nach den drei Wochen zu Hause müssen sie wegen der Covid-Schutzmassnahmen gleich drei Wochen am Stück – also ohne Wochenendurlaub – in der Kaserne in Dübendorf bleiben. Samstags gibt es Ausbildung, nur am Sonntag können sie auf dem Areal ihre « Freizeit »  geniessen.

Drei Prozent mit positiven Tests

Am Montag sind schweizweit über 5000 Rekrutinnen und Rekruten eingerückt. Covid-19-Symptome wies bis auf Einzelfälle niemand auf. Drei Prozent der zweiten Staffel der Winter-RS sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Am Freitag waren in den Rekrutenschulen 162 Armeeangehörige in Isolation und 148 standen unter Quarantäne. (sda)

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