Ist Wald die glücklichste Gemeinde der Deutschschweiz?
Greenpeace-Kampagne
Greenpeace sucht die glücklichste Gemeinde der Deutschschweiz. Wald gehört als einzige Gemeinde aus der Region zu den neun Nominierten. Doch sind die Walder wirklich so zufrieden?
Was macht ein glückliches Leben aus? Dieser Leitgedanke stand am Anfang einer Greenpeace-Kampagne, in der die glücklichste Gemeinde der Deutschschweiz gesucht wird. Fast 3000 Menschen haben auf der Website Gemeinden vorgeschlagen, die diesen Titel verdienen würden. Neun Gemeinden wurden für den Final nominiert – darunter auch Wald. Die einzige weitere Mitstreiterin aus dem Kanton ist Rifferswil aus dem Bezirk Affoltern.
Im letzten Herbst fand in Wald die Aktion «Glückstaxi» vom Verein Wandelbar statt. Dabei wurde man vom Verein nur nach Hause gefahren, wenn man von seinem glücklichsten Moment erzählte. Doch sind die Walder wirklich die zufriedensten Menschen im Oberland? Ein Augenschein vor Ort soll Antworten auf diese Frage liefern.
Teil I: Die Strassenumfrage
Das Thurbo-Zügli fährt – ganz im Kontrast zu seinem Namen – im Schneckentempo in den Bahnhof ein. Leute steigen aus, der Zug fährt fast leer weiter. Es sind nur wenige Menschen auf der Bahnhofstrasse unterwegs an diesem Tag. Viele sind dick eingepackt und erledigen ihren Wocheneinkauf in der Migros oder im Coop.
«Wir sind zufrieden in Wald», erzählt mir eine ältere Dame. «Es hat eine tolle Einkaufsstrasse, wo man zu Fuss alles Wichtige erreichen kann.» Verbesserungspotenzial sieht die Passantin jedoch beim Bahnhofgelände. «Es hat da manchmal recht seltsame Leute, die dort rumhängen. Das ist kein toller Ort.»
Ein älterer Herr lacht nur über die Frage. «Wald als glücklichste Gemeinde?! Da werde ich selig!» Mit lautem Gelächter läuft er fort.
Einen jungen Mann treffe ich an der Hauptstrasse. Er ist sich nicht so sicher, ob man Wald wirklich als glücklichste Gemeinde bezeichnen kann. «Ich kenne viele Kollegen, die den hohen Ausländeranteil nicht so lässig finden.» Er zuckt mit den Schultern. «Hier ist es ländlich und ruhig.» Just in diesem Moment brettern zwei dröhnende Lastwagen an uns vorbei.
Teil II: Das Votum der Gemeinde
Tatsächlich verzeichnet Wald einen der höchsten Ausländeranteile in der Region. Johannes Haller, Gemeindeschreiber von Wald, schreibt auf Anfrage: «Wald ist vielfältig – ländlich mit einer stark verwurzelten Landwirtschaft und urban, geprägt von einer industriellen Vergangenheit und von sozialen Realitäten wie Armut, Krankheit oder Sucht.» Solche Themen würden nicht ausgeblendet, da sie Teil des Alltags seien.
«Wo unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar sind, entsteht nicht nur Reibung, sondern auch Verständnis», führt Haller aus. «Sie fordern uns als Gesellschaft heraus, und darin liegt unsere Stärke.»
Wald ist keine perfekte Gemeinde – vielleicht aber gerade deshalb eine glückliche.
Johannes Haller
Gemeindeschreiber von Wald
Andere Gemeinden würden Lebensqualität oft mit Optimierung verknüpfen, während Wald ein Gemeinschaftsgefühl schaffen wolle. Haller schreibt: «Zufriedenheit entsteht nicht, weil alles einfach ist, sondern, weil man weiss: Ich bin Teil einer Gemeinschaft, die hin- und nicht wegschaut.» Der Gemeindeschreiber möchte deshalb eine These in den Raum stellen: «Wald ist keine perfekte Gemeinde – vielleicht aber gerade deshalb eine glückliche.»
Dass beim Bahnhofgelände hingegen Verbesserungspotenzial vorhanden wäre, wie die Dame in unserer Strassenumfrage feststellte, sieht Haller ein. Es finde ein regelmässiger Austausch zu dieser Thematik statt. Beim Bahnhof handle es sich um einen öffentlichen Raum, der nicht der Gemeinde, sondern den SBB gehöre. Weil sehr viele Akteure beteiligt seien, sei das Beschliessen von einseitigen Massnahmen durch die Gemeinde deshalb «schwierig und komplex».
Teil III: Kontraste statt klare Antworten
An diesen Stellen möchte die Aktion von Greenpeace anknüpfen. Wie die Organisation in einer Medienmitteilung schreibt, soll die Aktion «den Dialog zwischen Einwohnerinnen, Einwohnern, Politik und Verwaltung anregen». Ziel sei das Finden einer Balance zwischen gesellschaftlichem Fundament und der Rücksicht auf die planetaren Belastungsgrenzen.
Die Kampagne hat aber zwei Fehler. Zum einen dürfen nur Gemeinden nominiert werden, die weniger als 20’000 Einwohnerinnen und Einwohner haben. Das schliesst grosse Städte wie Uster oder Zürich aus. Auch wenn das Nominierungsziel abhängig von der Einwohnerzahl war, so werden doch ländliche Gemeinden bevorzugt und Städte bewusst ausgeklammert.
Zweitens beruhen die Nominationen auf Voten aus der Bevölkerung. Fast 3000 Menschen haben mitbestimmt, welche Gemeinde nominiert wird – bei mehreren Millionen Deutschschweizern ein aberwitzig geringer Anteil.
Doch zurück nach Wald und zur Suche nach dem Glück. «Ich lebe seit 33 Jahren in Wald, und alles ist tipptopp», sagt ein Rentner mit Hörgerät bestimmt. Vielleicht kommt die Zufriedenheit auch erst, wenn man schon länger in einer Gemeinde lebt.
Mit diesen Kontrasten im Kopf gehe ich zurück zur Eisenbahnstation und warte auf den Zug. Auf dem Bahnhofbänkli sitzt ein vermummter Mann, der alsbald sein Morgenbier erbrechen muss. Zu Hilfe eilt ihm niemand. Als der Zug einfährt, ist der Mann verschwunden.