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Gesellschaft

In Uster stehen leere Stühle für ermordete Frauen

Ein leerer Stuhl für eine Frau, die sterben musste. Das ist der Gedanke hinter der Aktion, die ab sofort in Uster stattfindet und auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen soll.

Lisa Elmer will mit der Aktion auf ermordete Frauen in der Schweiz aufmerksam machen.

Foto: Marie Fredericq

In Uster stehen leere Stühle für ermordete Frauen

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Seit 1991 gedenken die 16 Aktionstage Opfern von Gewalt und machen auf das Thema aufmerksam. Dieses Jahr wird auch in Uster an tote Frauen erinnert.

«Gewalt in verschiedenen Formen passiert jeden Tag und wird immer noch tabuisiert und verharmlost», sagt Lisa Elmer aus Uster. Sie ist Mitglied des feministischen Kollektivs Züri Oberland, das sich für frauenspezifische Themen engagiert.

So ist das Kollektiv auch dieses Jahr Teil der «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Eine Aktion, die 1991 von Womans Global Leadership ins Leben gerufen wurde und seither jedes Jahr in über 187 Ländern thematisiert und von über 5000 Organisationen unterstützt wird.

Ziel ist es, auf Ungerechtigkeiten, Straftaten und Ungleichbehandlungen gegen Frauen aufmerksam zu machen. Dafür finden weltweit Ausstellungen, Demonstrationen, Workshops und Vorträge zu den Themen statt – so auch in Uster.

Blutrote Details

Für das diesjährige Fokusthema «Wege aus der Gewalt» hat sich das feministische Kollektiv eine besondere Aktion einfallen lassen.

In Uster sind seit dem 25. November leere Stühle aufgestellt, welche auf Femizide aufmerksam machen sollen: «In der Schweiz wurde im Jahr 2023 alle zwei Wochen eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet. Darüber sprechen tut kaum jemand», so Elmer.

Die unbesetzten Stühle sollen darauf aufmerksam machen, dass Femizide auch in der Schweiz ein Thema sind. Doch gänzlich leer sind die Stühle nicht – denn mit knallroten Accessoires wie Handtaschen, Handschuhen, Jäckchen und hochhackigen Schuhen fallen die Stühle durchaus auf.

«Die rote Farbe soll das Blut demonstrieren», erklärt Elmer. Die Accessoires sollen an die Verstorbenen erinnern. «Hier könnte eine Frau sitzen, hätte sie nicht sterben müssen.»

Eine Frau und zwei Stühle mit roten Accessoires
Die Details der Installation sollen darauf aufmerksam machen, dass Frauen auch in der Schweiz Opfer von Femiziden werden.

Die liebevoll ausgesuchten Details haben sie und ihre Kolleginnen aus dem Kollektiv in Brockenhäusern und an Flohmärkten zusammengetragen. Finanziert wird die Aktion hauptsächlich von den privaten Mitteln der Mitglieder.

Der besetzte Platz

24 Stühle können während der ungewöhnlichen Ausstellung in Uster angeschaut werden – so beispielsweise in der Bibliothek, der Kantonsschule, im Central oder der U-Boot-Bar auf dem Zeughausareal.

Ab dem 2. Dezember, kurz nach dem Uster Märt, gesellen sich die aktuell noch nicht installierten Stühle an Aussenstandorten dazu: So unter anderem bei der UBS oder der Müller Drogerie an der Poststrasse, bei der ZKB an der Webernstrasse, der Loorenallee, im Zellweger-Park, an der Schifflände, der Püntwiese, im Stadtpark oder vor dem Hallenbad.

Hier könnte eine Frau sitzen, hätte sie nicht sterben müssen.

Lisa Elmer, Mitglied feministisches Kollektiv Züri Oberland

Die Idee mit den leeren Stühlen stammt übrigens aus Italien – Posto Occupato, der besetzte Platz, ist eine Geste, die allen Frauen gewidmet ist, die Opfer von Gewalt wurden. «Wir halten mit der Aktion den Platz für diese Frauen frei, die ihr Leben durch Gewalt verloren haben», so Elmer. Denn all diese Frauen hatten einmal einen Platz: im Theater, im Zug, in der Familie, im Leben.

Ein aktuelles Thema

Nicht von ungefähr kommt es, dass die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember stattfinden. Denn Ersterer ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, Letzterer der Internationale Tag der Menschenrechte.

«Das Thema ist aber immer aktuell», betont Elmer. Deshalb engagiert sie sich seit über 30 Jahren für Frauen- und Menschenrechte. Als Hebamme erlebe die 67-Jährige oft Ungerechtigkeiten: «Und dabei rede ich nicht nur von körperlicher, sondern auch von psychischer Gewalt gegen Frauen und Kinder.»

Umso mehr freut es sie, dass die Aktion des feministischen Kollektivs für alle in Uster sichtbar ist und damit die Bevölkerung auf die Themen aufmerksam macht und zum Nachdenken anregt.

«Wenn mehr darüber geredet wird, kann nicht nur auf das Thema sensibilisiert werden, sondern dann sinkt auch die Hemmschwelle für Betroffene, sich Hilfe zu holen.»

Auch die Stadt Uster beteiligt sich dieses Jahr an den Aktionstagen und lädt zu drei verschiedenen Veranstaltungen ein. Diese sollen für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt sensibilisieren. Weitere Informationen zu den 16 Tagen gegen Gewalt an Frauen, aber auch zu Anlaufstellen, finden Sie unter www.16tage.ch/fokusthema.

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