Abo

Lifestyle

In der Pubertät können Eltern mit der Erziehung aufhören

Wie unterstützt man seine Kinder in der Pubertät? Experte Reto Cadosch hat diese Frage in Rikon beantwortet.

Der Referent Reto Cadosch vermittelte dem Publikum in seinem mit Humor gespickten Vortrag praxistaugliche Tipps für einen entspannteren Umgang mit Konflikten im Pubertätsalltag.

Foto: Claudia Mracsek-Biotti

In der Pubertät können Eltern mit der Erziehung aufhören

Weiterbildung für Eltern in Rikon

Eltern sollen ihr Kind verstehen, anstatt zusätzlichen Druck auszuüben, findet Erwachsenenbildner Reto Cadosch. An einem Vortrag in Rikon hat er sein Wissen an zahlreiche Eltern weitergegeben.

Claudia Mracsek-Biotti

Kürzlich organisierte das Elternforum der Sekundarschule Zell den Vortrag «Jugend unter Druck – Im Stress?». Als Referent trat Reto Cadosch, Erwachsenenbildner, Primarlehrer und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Graubünden, auf. Gleich zu Beginn dankte er den zahlreichen Eltern, die gekommen waren: «Denn Pubertät ist ja bekanntlich, wenn die Eltern schwierig werden.»

Cadosch hat zwei Kinder, welche die Pubertät bereits hinter sich haben, und spreche nicht nur als Fachperson, sondern auch aus eigener Erfahrung. Mit einem Augenzwinkern versicherte er: «Das Gute ist, es geht wirklich vorbei!»

Sein Vortrag solle dazu beitragen, dass die Eltern die Welt der Teenager besser verstehen, ein tieferes Verständnis für die Veränderungen gewinnen, die körperlich, emotional und sozial stattfinden: «Damit Sie die Eltern sein können, die Sie sein wollen.»

Verstehen und begleiten statt kontrollieren

Das Hauptaugenmerk legte Cadosch auf den Grundsatz «Begleiten statt kontrollieren». Er ist davon überzeugt, dass man in der Oberstufe damit aufhören könne, seine Kinder erziehen zu wollen. Das einzig Mögliche und Tragfähige sei, eine Beziehung zu den Teenagern aufzubauen. Zentral sei, dass die Eltern ihren Schützlingen emotionale Sicherheit bieten können. «Neben dem Druck, der schulisch und sozial auf den Jugendlichen lastet, ist der Druck der Eltern nicht das, was sie brauchen!», erklärte der Bündner Referent.

Cadosch plädierte dafür, Nachsicht walten zu lassen, wenn die Jugendlichen sich eigenartig benehmen, unvernünftig handeln und über die Stränge schlagen: «Bedenken Sie, dass das Hirn zwischen 11 und 17 Jahren komplett umgebaut wird und einer Grossbaustelle gleicht.» Die Entwicklung des präfrontalen Kortex, dort, wo die Vernunft sitze, sei erst zwischen 20 und 25 Jahren abgeschlossen.

Insofern seien Kinder zwischen 11 und 14 Jahren von ihrer Hirnentwicklung her nicht immer fähig, sich selbst effektiv zu begrenzen – etwa bei der Mediennutzung. «Darum müssen Sie als Eltern quasi den fehlenden Frontalkortex, das Stirnhirn, ‹ersetzen›, bis dieses ausgereift ist», riet Cadosch den Eltern.

Zum Abschluss des mit Humor gespickten Vortrags bekamen die Eltern folgenden ultimativen Trick verraten: «Schickt euer Kind in der Hochblüte der Pubertät in ein Austauschjahr! Es wird wie verwandelt zurückkehren.»

Die wichtigsten Tipps des Experten

1. Beziehung vor Erziehung

Das Leitprinzip im Umgang mit Pubertierenden lautet gemäss Reto Cadosch: «Beziehung vor Erziehung». Das Aufbauen einer Beziehung benötige Vorlaufzeit, weshalb man investieren sollte, bevor der Höhepunkt der Pubertät zwischen 14 und 17 Jahren erreicht sei.

Er empfiehlt, Jugendliche über gemeinsame Aktivitäten zu erreichen. Auf einem Stadtbummel oder Biketrail könne man gut ins Gespräch kommen. Wichtig sei eine parallele Körperhaltung zueinander. Viele Jugendliche empfinden einen direkten Blick in die Augen als konfrontativ, dieser löse im Hirn eine bedrohliche Assoziation von «gefressen werden» aus.

2. Das Gummiseil

Das wichtigste Handwerkszeug bilde im Teenageralter das Gummiseil: Die Jugendlichen sollen nicht an einer starren Leine gehalten werden, sondern sich begleitet fühlen, ausprobieren und entdecken können und eine Freiheit in Grenzen sowie elterliche Wertschätzung erleben.

Es gelte, dafür zu sorgen, dass der Beziehungsfaden nie reisse, man nicht in die Laissez-faire-Falle tappe und dem Jugendlichen mit Sätzen wie «Mach, was du willst, es ist mir eh egal» eine emotionale Ohrfeige verpasse.

3. Die 3+1-Körbe-Methode

Im Umgang mit problematischen Verhaltensweisen von Pubertierenden empfiehlt der Fachmann die 3+1-Körbe-Methode: Der «grüne Korb» ist der grösste Sortierkorb. In diesen gehören alle Verhaltensweisen, die zwar ärgerlich sind, aber als altersentsprechend normal betrachtet und ohne Eingreifen akzeptiert werden können, etwa wenn sich der Teenager die Haare violett färben will.

Der «gelbe Korb» ist etwas kleiner. Hier kommen die Verhaltensweisen hinein, die zwar langfristig nicht akzeptabel sind, aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und durch Kompromisse und Verhandlungen auf ein tolerierbares Mass gebracht werden können. Zum Beispiel, wenn der Teenager respektlos mit den Eltern spricht.

In den kleinsten, den «roten Korb», kommen nur jene und maximal zwei Verhaltensweisen, die sofortiges Eingreifen erfordern und auf keinen Fall akzeptiert werden können, beispielsweise, wenn der Teenager Cybermobbing betreibt. Die Eltern sollen mit gewaltfreiem Widerstand, Klarheit und Präsenz gemeinsam eine Stopp-Linie ziehen.

In den vierten, «weissen Beziehungs- oder Ressourcenkorb» kommt alles, was die Eltern am Kind schätzen und was gut läuft. Wenn die Situation es erlaubt, solle man Teenager auch immer mal wieder in den Arm nehmen, denn das dabei ausgeschüttete Kuschel- oder Bindungshormon Oxytocin kann die Folgen von Stress reduzieren sowie Entspannung und Wohlbefinden fördern.

4. Das Leuchtturmprinzip

Regeldiskussionen sollten auf keinen Fall während der Mahlzeiten stattfinden. Lieber danach und möglichst kurz: «Wir nehmen uns 15 Minuten, dann kannst du gehen.» Beim Management empfehle sich das «Leuchtturmprinzip»: Den offenen Dialog suchen, gezielt Infos einholen statt von Annahmen ausgehen und dann, wenn nötig, Massnahmen ankündigen. Die Zauberformel laute «Verzögerung»: Nicht sofort explodieren, sondern sich beherrschen und wohlüberlegte Schritte ankündigen.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.