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Im Angesicht der Faust

Mixed Martial Arts und Krav Maga sind wegen ihrer Brutalität berüchtigte Kampfformen. Im Tösstal gibt es Schulen, die diese Systeme unterrichten. Auch Kinder dürfen ins Training, denn es geht dabei um mehr, zum Beispiel darum, einen Kampf zu verhindern.

Bei MMA geht es um den Kampf..., ... bei Krav Maga darum, den Kampf zu vermeiden. Ist das nicht möglich, gibt es keine Regeln mehr.

Symbolbild

Im Angesicht der Faust

Kampfkünste haben sich schon früh in der Menschheitsgeschichte entwickelt. Heute bekannt sind nebst dem westlichen Boxen oder Fechten die fernöstlichen, wie Karate und Kung Fu. Die Kampfstile haben sich mit den Menschen weiterentwickelt. Heute gibt es nicht nur Kampfkunst und Kampfsport – die traditionellen, einstudierten Formen und die sportliche Austragung im Wettkampf – sondern auch Kampfsysteme und Selbstverteidigungssysteme.

Ein Kampfsystem ist MMA – Mixed Martial Arts – welches auf möglichst effizientes Kämpfen durch die Vermischung verschiedener Kampfkünste baut. Oder wie es die Kampfsport-Ikone und der Vater des MMA, Bruce Lee, zu sagen pflegte: « Der beste Kämpfer ist jemand, der sich jeden Stil aneignen kann. Er kickt zu gut für einen Boxer, wirft zu gut für einen Karateka und boxt zu gut für einen Judoka. »   Regeln gibt es beim MMA nur wenige.

Wenige Regeln oder gar keine

Während des zweiten Weltkriegs entwickelte ein jüdischer Boxer zur Selbstverteidigung vor den Antisemiten Krav Maga. Es ist wohl das effektivste Selbstverteidigungssystem und gehört noch heute zur Ausbildung israelischer Polizisten und Sicherheitskräfte. Im Krav Maga gibt es gar keine Regeln – je verbotener etwas in der Kampfkunst ist, um so effizienter kann es im Krav Maga angewendet werden.

Die beiden Schulen, welche MMA beziehungsweise Krav Maga unterrichten, sind die Martial Arts Academy in Turbenthal und das Self Defense and Martial Arts Institute (SAMI) in Bauma. Für Tenzin Yangkar geht es bei MMA um Fitness und die Fähigkeit, sich, wie im Leben auch, nach Niederlagen wieder aufzurappeln. Für Patrick Jenny ist Deeskalation vorrangig. Gekämpft werden soll nur im Notfall. Hier werden beide porträtiert.

Tradition ist bei MMA nicht effizient genug

«Man sagt: Bruce Lee sei der Vater des MMA.» Tenzin Yangkar ist 36 Jahre alt. In seiner Schule Martial Arts Academy in Turbenthal trainiert er Erwachsene in Mixed Martial Arts (MMA). Das ist eine Vollkontaktsportart die darauf abzielt, den Gegner möglichst rasch zu besiegen. Das mit Schlag-, Tritt- und auch Bodenkampf- und Ringelementen bekannter Kampfkünste. Daher der Name: Mixed Martial Arts – gemischte Kampfkünste.

«Man sagt: Bruce Lee sei der Vater des MMA.»
Tenzin Yangkar, MMA-Trainer

Yangkar ist als Tibeter in Indien geboren. Als Dreijähriger kam er mit seiner Familie in die Schweiz, wuchs in Turbenthal und Zell auf. Heute lebt er in Rikon. Filme mit dem Kampfsport-Idol Bruce Lee weckten Yangkars Interesse für Kampfsport früh. Deshalb übte er sich als Kind nicht nur in Fussball und Basketball, sondern auch in verschiedenen Kampfkünsten. Karate begann er mit neun Jahren, als Teenager boxte er. Seit 15 Jahren treibt er intensiven Kampfsport. Über Stile wie Shaolin-Kung-Fu, Jiu Jitsu und Inosanto-Kali kam Yangkar zu Streetfight-Methoden – also Strassenkampf – und Jeet Kune Do – die von Bruce Lee entwickelte Kampftechnik.

Vermischung von asiatischen und westlichen Stilen

«Bruce Lee war der erste, der verschiedene Kampfstile mischte. Nicht unbedingt zur Freude der traditionellen Meister», erklärt Yangkar. Denn Bruce Lee kombinierte Elemente aus traditionellen asiatischen Kampfkünsten mit solchen aus Westlichen, wie dem Boxen. Er verzichtete dabei auf die traditionellen Elemente der fernöstlichen Stile. Die würden seiner Meinung nach die Effektivität beeinträchtigen, also den Kern von Lees Jeet Kune Do: Grösstmögliche Effizienz im Kampf.

Jeet Kune Do ist vergleichbar mit MMA. Letzteres wurde seit den 1990er immer populärer. Seinen Ursprung hat der Sport 1993 in einem ersten Wettkampf, bei dem Kämpfer aus verschiedenen Kampfsportarten gegeneinander antraten. Überraschenderweise siegte der leichteste der Teilnehmer. Der Grund war seine Technik des Brasilianischen Jiu Jitsu (BJJ), eine für eher kleinere und weniger kräftige optimiertes Jiu Jitsu.

Der Weg der abfangenden Faust

Übersetzt bedeutet Jeet Kune Do «der Weg der abfangenden Faust». Es ist kein eigentlicher Kampfstil, es ist ein Kampfsystem. Der Kämpfende passt seine Technik den Voraussetzungen seines Körpers an. «Zum Beispiel mag es für einen grossen, schweren Mann effektvoller sein, gezielt zu Boxen, als einen hohen Kick landen zu wollen», sagt Yangkar.

«MMA ist richtig Sport, dabei wird man topfit»
Tenzin Yangkar, MMA-Trainer

Mit Jeet Kune Do begann er, weil auch für ihn die Methode am effizientesten schien. Es war sein Einstieg in die MMA. Der physische Aspekt dabei ist Tenzin Yangkar wichtig. «MMA ist richtig Sport, dabei wird man topfit», sagt Yangkar, «obwohl wir kein Shaolin-Klosterleben führen, mit täglichem, stundenlangem Training.» Der Sport fordert Ausdauer, er braucht viel Konditions- und Krafttraining. Denn im Kampf geht man grundsätzlich immer vom schlimmsten Szenario aus. Deshalb soll man ihn möglichst schnell beenden können.

«Frauen trainieren gerne unter ihresgleichen»

Vor etwa zehn Jahren begann Yangkar als Assistenztrainer, mit der Eröffnung seiner Martial Arts Academy 2016 als Trainer zu arbeiten. Nebst MMA für Erwachsene bietet er auch Frauen-Kickboxen. «Viele Frauen trainieren gerne unter ihresgleichen», sagt Yangkar. Auch ein Kindertraining bietet er an. Dieses ist mit viel Bewegung und Spiel an die Kinder angepasst.

«Ich schaue jeden Morgen in den Spiegel und mache mir bewusst: Mein Gegner bin ich.»
Tenzin Yangkar, MMA-Trainer

«MMA ist ein Teamsport, Stolz hat keinen Platz beim Training, der bleibt draussen», sagt Yangkar, «und bei den Kämpfen ist es wie im Leben: Es kann nicht immer alles glatt laufen. Ich denke, das Wichtigste ist, dass sich die Leute immer wieder überwinden können. So schau auch ich jeden Morgen in den Spiegel und mache mir bewusst: Mein Gegner bin ich.»

Den Kampf zu vermeiden steht bei Krav Maga an erster Stelle

Patrick Jenny ist 49 Jahre alt. Er ist SAMI-Beauftragter – SAMI steht für Self Defense and Martial Arts Institute, der Dachverband seiner Schule ist in Österreich, die Organisation gibt es weltweit. In Bauma unterrichtet Jenny Krav Maga – ein israelisches Selbstverteidigungssystem.

«Es gibt verschiedene Selbstverteidigungssysteme», sagt Jenny, «eines davon ist Krav Maga.» Ein Selbstverteidigungssystem ist keine Kampfkunst sondern strickt zur Selbstverteidigung geschaffen. Oft mit militärischem Hintergrund, wie dem Nahkampf, und darauf ausgerichtet, den Schülern möglichst schnell die Fähigkeit, sich selber zu verteidigen, zu vermitteln.

«Ich machte früher Karate, Thai- und Kickboxen. Doch das befriedigte mich nicht.»
Patrick Jenny, Krav Maga-Instruktor

Jenny kam per Zufall durch ein Zeitungsinserat zu Krav Maga. «Ich machte früher Kampfsport», sagt der Instruktor, «Karate, Thai- und Kickboxen. Doch das befriedigte mich nicht. Ich wollte nie Wettkämpfe gewinnen.» Beim Krav Maga ist er hängengeblieben. «Es geht dabei um den Gedanken, sich einer Situation stellen zu können. Es ist kein Kampfsport in dem Sinn», sagt Jenny, «denn den Kampf will ich mit Krav Maga in erster Linie vermeiden.» Jenny treibt seit 16 Jahren Kampfsport, heute macht er nur noch Krav Maga. Seit 2009 ist er Trainer und eröffnete 2015 das SAMI in Bauma.

Selbstverteidigung beginnt bei der Prävention

Auch Kinder und Jugendliche können im SAMI ein pädagogisch angepasstes Krav Maga-Training besuchen. Hier lernen sie, sich in spielerischen aber auch ernsthaften Auseinandersetzungen zu Behaupten. Dabei geht es bei weitem nicht nur um körperliche Abwehr sondern unter anderem auch darum, zu lernen, wie man gar nicht erst in eine gefährliche Situation kommt, zu schreien, Hilfe zu holen oder Hilfsmittel wie Alltagsgegenstände einzusetzen.

«Fitness ist keine Voraussetzung, aber ein sauberes Strafregister.»
Patrick Jenny, Krav Maga-Instruktor

«Ansonsten beträgt das Mindestalter 18 Jahre», sagt Jenny, «Fitness ist keine Voraussetzung, aber ein sauberes Strafregister.» Denn im Krav Maga ist alles erlaubt, was im regulären Kampfsport verboten ist – es kennt keine Regeln. Schliesslich geht es um die Verteidigung des eigenen Lebens. «In den falschen Händen kann die Technik kontraproduktiv sein», sagt Jenny, «ich will ja nicht ausgerechnet die Leute unterrichten, vor denen wir uns schützen wollen.»

Durch Selbsterfahrung zu Krav Maga

Der in Bratislava lebende Jude Imi Lichtenfeld entwickelte Krav Maga während des zweiten Weltkriegs. Während des Kriegs schloss er sich mit anderen Jungen zusammen, um sich und die jüdische Bevölkerung gegen die Antisemiten zu verteidigen. Damals war er Ende zwanzig. Seit seiner Jugend hatte er regelmässig an Ring- und Boxwettkämpfen teilgenommen. Im Kampf auf der Strasse musste er merken, dass seine Kampftechniken für die Selbstverteidigung – beispielsweise gegen Polizeiknüppel – nicht geeignet waren.

«Er entwickelte Krav Maga (hebräisch für Kontaktkampf) nach dem Try-und-Error-Prinzip», erklärt Jenny. Lichtenfeld musste also am eigenen Leib herausfinden, was sich zur Verteidigung am besten eignete. Sein Erfolg: S elbst untrainierte Menschen können mit Krav Maga in kurzer Zeit ein hohes Niveau in der Selbstverteidigung erreichen.

«Wir versuchen immer, den Kampf zu vermeiden»

«Der Gedanke des Selbsterhalts und der Deeskalation stehen beim Krav Maga im Vordergrund», sagt Jenny, «das Typische daran ist, die Schwachpunkte des Gegners – Augen, Nase, Genitalien – anzugreifen.» Das gilt nur, wenn es tatsächlich zu einem Kampf kommt. «Es gibt immer eine Vorkampfphase», erklärt Jenny, «in der wir versuchen, den Kampf zu vermeiden. Sei es verbal oder durch weitergehen.»

«Der Gedanke des Selbsterhalts und der Deeskalation stehen im Vordergrund.»
Patrick Jenny, Krav Maga-Instruktor

Nebst Krav Maga können am SAMI auch andere Kurse besucht werden, wie zum Umgang mit Pfefferspray, der Selbstverteidigung im und um das Auto herum oder zur Selbstverteidigung ausschliesslich für Frauen. «Ich will mein Leben schützen können, notfalls auch das des anderen», sagt Jenny, «Dieser Gedanke des Krav Maga hat mich überzeugt.»

In einer letzten Ausgabe porträtierten wir die Kampfsportschule Noël’s Taekwondo und die Kampfkunstschule Filipino Kali, beide in Turbenthal (siehe Link unten)

Info:

MMA: www.martialartsty.ch
Für Kinder ab 6 Jahren

Krav Maga: www.j-sp.ch
Selbstverteidigung auch für Kinder, für Erwachsene ab 18 Jahren ohne Vorstrafen

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