Ihr Herz schlägt für einen Eis-Exoten
Hittnauer an der Bandy-WM
Gian Luca Beeler und sein Vater Erich haben sich der hierzulande unbekannten Sportart Bandy verschrieben. Das hat sie zu Nationalspielern gemacht.
Für die Schweiz aufzulaufen, war ein Kindheitstraum von ihm. Schon früh aber hat Gian Luca Beeler realisiert: In seinen Lieblingssportarten Fussball und Eishockey wird das nie klappen. Mittlerweile aber ist der Hittnauer Nationalspieler.
In der Ballsportart Bandy, die bei uns kaum jemand kennt. Sie ist vor allem in Russland und Schweden populär.
Das ist Bandy
Bandy gilt als Vorläufer des Eishockeys. Die heute vor allem in Skandinavien und Russland beliebte Sportart ist eine Mischung aus Landhockey und Fussball auf dem Eis. Das Feld ist etwa so gross wie im Fussball, die Tore sind vergleichbar mit jenen im Handball. Beim Bandy stehen jeweils elf Spieler pro Team auf dem Eis, die Partie dauert zweimal 45 Minuten. Die Spieler treten mit einem am Schlagende gebogenen und abgeflachten Schläger an, dessen Schaft 1,2 m lang ist. Der Torhüter hat keinen Stock. Gespielt wird mit einem auffällig lackierten Ball. Körperspiel wie im Eishockey ist verboten. (zo)
Eben erst ist Beeler von der WM in Skandinavien zurückgekehrt, mit einem Rucksack voller Erlebnisse. «Mein Kopf ist noch immer in Schweden», schwärmt er. «Für mich war es eine unglaubliche Erfahrung.»
Besonders eindrücklich hat er das Singen der Nationalhymne vor den Spielen empfunden. Und er denkt auch gerne an seine persönlichen Erfolgserlebnisse zurück. In den Spielen um Platz 5 traf der Top-Forward, wie der vorderste Stürmer genannt wird, gegen Tschechien in beiden Duellen.
Die Schweiz unterlag dennoch zweimal 2:4 und beendete die WM in der B-Gruppe an letzter Stelle. Die nackten Zahlen sehen ernüchternd aus: Die Schweiz verlor alle sieben Partien – mit einem Torverhältnis von 6:49. Ganz so krass unterlegen fand Beeler seine Mannschaft dann doch nicht.
Er sagt, in Bandyspielen würden oftmals viele Tore fallen. Und die Auftritte gegen Tschechien machen ihm Mut. «Es fehlte nicht viel.»
Das bescheidene Abschneiden in Växjö ist keine negative Überraschung. Auch wenn Beelers Mitspieler Thierry Page findet: «Die Ergebnisse widerspiegeln die Teamleistung nicht vollständig.»
Erst das dritte Mal hat ein Schweizer Nationalteam an einer WM teilgenommen. Der im Verband für die Kommunikation zuständige und als Frauen-Nationaltrainer wirkende Page gibt zu bedenken, dass man das Männerteam nach den Abgängen von zahlreichen Spielern «fast von Grund auf wieder aufbauen musste».
Das Sprachengewirr des bunten Haufens
Die Mannschaft von Spielertrainer Martin Carlsson ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der nur wenige gemeinsame Trainings bestritten hat. Im 18-köpfigen Kader finden sich Inline-Hockeyaner, dann Spieler wie Beeler, die in unteren Eishockeyligen (3./4.) engagiert sind, und mehr als eine Handvoll Expats. Sie kennen Bandy aus ihren Heimatländern.
Das Sprachengewirr ist entsprechend gross, taktische Besprechungen werden in Englisch abgehalten. Nicht nur die Internationalität des Teams fällt auf, in dem Schweden, ein Finne, ein Russe und auch ein Deutscher stehen.

Augenfällig ist vor allem das hohe Durchschnittsalter von 41. Älter war an der WM kein anderes Team. «Das ist natürlich kein Zukunftsmodell», ist sich Beeler bewusst: «Wir sind zu alt.»
Er selber ist mit 21 der Benjamin. Und soll einer der Eckpfeiler im Projekt sein, eine konkurrenzfähige Equipe aufzubauen. Am anderen Ende der Altersskala des WM-Kaders war derweil jener Mann, der den Stürmer zum Bandy brachte: sein Vater.
Bandy verbindet für mich die besten Eigenschaften von Fussball und Eishockey.
Gian Luca Beeler, Nationalspieler
Goalie Erich Beeler, der sich in Schweden die Arbeit mit dem anderen Torhüter teilte, war einst von einem Arbeitskollegen auf Bandy aufmerksam gemacht worden. Der wiederum ist niemand anderes als Nationaltrainer Martin Carlsson, der schon mehrfach gesagt hat: «Unsere grösste Herausforderung ist es, Spieler zu finden.»
Gian Luca Beeler ist hingegen von Anfang an fasziniert, als er am Küchentisch erstmals von der Sportart hört. «Da ratterte es in mir», erinnert er sich. «Bandy verbindet für mich die besten Eigenschaften von Fussball und Eishockey.»
Die vielen Bremsklötze
Seit rund zwei Jahren gehört Beeler nun jenem kleinen Kreis von Spielern und Spielerinnen an, der Bandy hierzulande betreibt. Der Verband hat im Herbst mit Sichtungscamps erneut versucht, das Interesse von weiteren Spielern zu wecken, um das Reservoir an Nationalmannschaftskandidaten zu vergrössern und den aktuell kaum vorhanden Konkurrenzkampf anzukurbeln.
Im Verlauf des Winters folgten mehrere Kaderzusammenzüge: im Jura, dem Engadin und auf der offenen Eisbahn Dolder in Zürich.
Beeler war fast immer dabei. Im Gegensatz zu anderen lässt er sich von den weiten Wegen und den Trainingszeiten nicht abschrecken.
Beispielsweise jene am Sonntagmorgen um 7.15 Uhr. Auch den Umstand, dass die Nationalspieler einen Grossteil der Kosten für den WM-Trip selber stemmen mussten, nimmt Gian Luca Beeler gelassen hin. «Mir ist es das wert.»
Der Hittnauer hofft auf eine Entwicklung der Sportart in der Schweiz. Mehrere Punkte erschweren diese allerdings. Das grösste Hindernis ist die fehlende Infrastruktur. Die Eishallen sind schlicht zu klein, um darin Bandy zu spielen. Ein reguläres Eishockeyfeld misst lediglich etwa ein Viertel des Bandyfelds.
Dem Verband fehlen zudem die finanziellen Mittel. Es mangelt an jungen Spielern. Und eine Meisterschaft gibt es hierzulande im Gegensatz zu Schweden nicht. Da verfolgen die Spiele in der Profiliga im Schnitt rund 1200 Personen, der Superfinal lockte zuletzt über 12’000 Zuschauer an.
Von solchen Verhältnissen mögen die Bandy-Enthusiasten bei uns gar nicht erst träumen. Im Kleinen aber soll es vorwärtsgehen. Beeler erzählt, es gebe Pläne, nächste Saison eine Rinkbandy-Meisterschaft zu organisieren.
In dieser Form finden die Partien auf dem regulären Eisfeld statt – mit vier gegen vier Feldspielern und auf Eishockeytore.
Die Idee dahinter ist klar: Bandy würde vermehrt wahrgenommen werden. Dies würde die Chance vergrössern, neue Spieler rekrutieren zu können. Denn es dürfte hierzulande doch sicher den einen oder anderen jungen Mann mehr geben, der wie Beeler die Schweiz gerne einmal an einem internationalen Turnier vertreten würde.