Ihr ADHS hilft ihr, härter als alle anderen zu werden
Spitzensportlerin aus Uster
Catia Gubelmann will in diesem Jahr erstmals als Einzelstarterin über 400 Meter an die WM. Die 23-jährige Ustermerin möchte sich einen Namen machen – auch, indem sie offen über ihre Krankheit spricht.
Es ist ein wegweisendes Jahr für Catia Gubelmann – und es hat auf schmerzhafte Weise begonnen. Rund zwei Monate ist es her, als die 23-jährige Ustermerin an der Hallen-EM in Apeldoorn (NED) eigentlich über 400 Meter hätte starten wollen. Aber dann zwickte es beim Aufwärmen im hinteren Oberschenkel. Ein Muskelbündelriss im Hamstring verhinderte die Premiere.
Die Verletzung ist noch nicht völlig ausgeheilt, deshalb lässt Gubelmann die World Relays in China am 10. und 11. Mai aus, wo sich die Schweizer Staffeln für die Weltmeisterschaften qualifizieren möchten. Für sie kommen die grossen Ziele erst noch. Erst die Universiade im Juli, dann eben die Weltmeisterschaften im September. Dort will sie nicht nur mit der Staffel dabei sein, sondern erstmals auch als Einzelstarterin über 400 Meter.
Es klingt alles nach ganz gewöhnlicher Sportlerinnenkarriere. Catia Gubelmanns Geschichte ist allerdings speziell – und das gleich in mehrfacher Hinsicht.
Erst vor zwei Jahren hat sie sich auf die 400 Meter spezialisiert. Vorher war sie Mehrkämpferin, sehr leidenschaftlich – aber nicht mit den allergrössten Perspektiven. «Mit 1,59 Metern Körpergrösse ist die Wahrscheinlichkeit, international zu starten, im Mehrkampf nicht sehr gross», sagt Gubelmann.
Der Wechsel kam aber nicht, weil sie eine Spitzensportkarriere mit aller Kraft suchte – sondern aus einer Verletzung heraus. Weil sie im Trainingslager Probleme mit ihrem Sprungfuss hatte, kam die Idee auf, sich über 200 oder über 400 Meter für die U23-EM 2023 in Espoo (FIN) zu qualifizieren. Das gelang auf der längeren Distanz, sie erreichte die Halbfinals und gewann mit der Staffel gar Silber.
«Ich war zu gut», sagt sie nun grinsend. Hätte sie zuerst die Limite über 200 Meter erreicht, die ihr Coach Manuel Evangelista ebenfalls als machbar erachtete, wäre sie nun womöglich 200-Meter-Sprinterin. So aber sind die 400 Meter ihre Disziplin geworden.
Und natürlich ist ihre Grösse auch hier kein Vorteil. «Andere können am Ende, wenn sie eingehen, dank der Grösse die Schrittlänge halten und sind immer noch schnell. Ich hingegen werde schnell langsam, wenn meine Schritte kürzer werden.» Die Lösung für diesen Nachteil laut ihrem Coach: «Du musst einfach härter werden als alle anderen.» Was sie quittierte mit: «Gut, dann machen wir das.» Denn für sie war klar: Damit, sich zu pushen bis ans Limit, hat sie keine Probleme. «Mit dem Kopf durch die Wand, das kann ich.»
Alles war gut – doch innerlich brodelte es
Diese Eigenschaft verdankt sie einer Krankheit. Gubelmann leidet an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Das weiss sie erst seit drei Jahren. Die Diagnose war eine Erlösung für sie – und sie markierte das Ende einer langen Leidenszeit.
Früh im Leben merkte Gubelmann, dass sie anders ist als gleichaltrige Kinder. «Doch es ging mir eigentlich super», sagt sie. «Klar, ich war emotionaler als andere Kinder, aber das kann auch ein Charakterzug sein. Ich hatte super Schulnoten, es gab nur positive Rückmeldungen von den Lehrpersonen, ich hatte bis kurz vor der Pubertät keine Verhaltensauffälligkeiten.»
Doch dann wurde es immer schwieriger. Auch, weil Gubelmann in der Schule quasi im übertragenen Sinn ihre Maske trug, sich so verhielt wie die anderen, einfach funktionierte, auch wenn es in ihr drin brodelte. Zu Hause nahm sie diese Maske ab – und explodierte. Die Krise nimmt ihren Lauf, der Tiefpunkt ist ein Zusammenbruch wenige Monate vor der Matur.
Auf Anraten ihres Trainers, der als Erster den ADHS-Verdacht ihr gegenüber äussert, begibt sie sich in Behandlung. Und als sie die Diagnose erhält, ist es für sie kein Schock, sondern unmittelbar etwas Positives. «Das Schlimmste, was man mir antun kann, ist Ungewissheit», sagt sie. «Wenn ich aber weiss, was Sache ist, kann ich mich informieren.»
Ihr Wissenshunger ist nie gestillt
Man muss nicht lange mit Catia Gubelmann sprechen, um zu merken, dass sie mit «informieren» nicht einfach kurz googeln meint. Ihr Wissen ist fundiert und hat viel Tiefgang – und sie wendet es an, um zu verstehen, wie sie funktioniert. Warum sie etwa als Fünfjährige mit dem Fuss so gegen einen Kaktus trat, dass ein Stachel stecken blieb und der weisse Turnschuh danach rot wurde. «Ich weiss nun, woher das kommt. Ich kann es jetzt reflektieren. Und es ist mir sehr oft ein Licht aufgegangen.»
Ihr Hunger nach Wissen scheint nie gestillt. Irgendwann während des rund anderthalbstündigen Gesprächs in einem Café in der Zürcher Innenstadt sagt sie: «Ich würde am liebsten Biologie studieren, um das genau zu verstehen.» Um ihren Hormonhaushalt geht es da, um den Zyklus, um Dopaminrezeptoren und um eine Stoffwechselstörung namens polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS), die in Gubelmanns Körper vorhanden ist – und zusammen mit dem ADHS dafür sorgt, dass ihr Hormonhaushalt manchmal «crazy all over the place» ist, wie sie es formuliert.
Vor etwas über einem Jahr ging Gubelmann mit ihrer ADHS-Geschichte an die Öffentlichkeit, wobei sie die Anfrage eines Journalisten erst nach langem Abwägen mit ihrem Umfeld positiv beantwortete. Den Schritt bereut sie nicht, denn die Reaktionen fielen fast durchwegs positiv aus. Bis auf wenige Ausnahmen, die sie dafür kritisierten, dass sie nun Ritalin nimmt und deswegen doch gedopt sei. Gubelmann gleicht aber mit Ritalin (das im Training erlaubt und im Wettkampf verboten ist) lediglich einen Nachteil aus.
Sie braucht damit wie andere Sportlerinnen und Sportler, die Medikamente aus medizinischen Gründen einnehmen müssen, eine Ausnahmebewilligung dafür. Und sie ist bei Weitem nicht die Einzige mit Ritalin. ADHS gehört weltweit zu den verbreitetsten Gründen dafür, weshalb Sportler Ausnahmebewilligungen beantragen.
Sie will helfen – auch sich selber
Das fiel auch Gubelmann auf, als sie die Reaktionen auf den Artikel las. «Über 100 Leute haben mir auf Instagram geschrieben, viele davon aus dem Spitzensport. Sie dankten mir, sie fühlten sich verstanden – und haben selber viele Fragen.» Das bekräftigte sie in ihrer Absicht, sich stärker in dieser Thematik zu engagieren. Gubelmann wird Teil sein einer Dokumentation des ZDF über ADHS im Erwachsenenalter, sie will Beiträge schreiben und Vorträge halten – und auf Social Media noch viel stärker aktiv werden. «Leider lässt es meine Zeit momentan nicht so zu, wie ich das gerne hätte», sagt Gubelmann.
Etwas (potenzieller) Eigennutz ist aber auch dabei – und dazu steht sie ganz freimütig. «Aus wirtschaftlicher Sicht brauche ich ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt super viele Sprinterinnen in der Schweiz. Wieso soll eine Firma ausgerechnet mich sponsern?» Es geht darum, ein Publikum zu haben, dieses zu bedienen und ihm auch in Erinnerung zu bleiben.
Gubelmann kennt diese Mechanismen nicht nur als Sportlerin, sondern auch, weil sie Betriebsökonomie und Sportmanagement studiert. Sie weiss also gewissermassen über beide Seiten Bescheid – und auch, wie sie sich verkaufen muss. «Die heutige Währung als Spitzensportler ist die Reichweite. Je mehr Follower man hat, desto grösser sind die Chancen auf ein Sponsoring.»
Und Sponsoren braucht Gubelmann, seit sie auf die 400 Meter gewechselt hat und bemerkte, wie weit es für sie gehen kann.
Hier zu alt, da zu schlecht
Von Fördergefässen wie beispielsweise der Sporthilfe kann sie aber nicht profitieren, «da bin ich zu alt für die Jungen und zu schlecht für die Guten», sagt sie. Gubelmann arbeitet neben dem Studium noch als Aushilfskraft an der Kantonsschule Freudenberg in Zürich, ihre Karriere kann sie aber vor allem dank ihren Eltern finanzieren. «Hätte ich diese Unterstützung nicht, ginge es gar nicht», sagt sie und bedauert: «In der Schweiz bekommt man das Geld, wenn man es geschafft hat. Aber eigentlich benötigen diejenigen das Geld, die kurz davor sind, so richtig gut zu werden.»
An diesem Punkt ist sie nun, und deshalb ist auch ihr Jahr ein wegweisendes Jahr. Steil bergauf gegangen ist es seit dem Wechsel auf die 400 Meter. Vom «absoluten Nobody» stieg sie zur national bekannten Grösse auf, mit der Staffel nahm sie 2023 an der WM und 2024 an den Olympischen Sommerspielen teil. Bei 52,38 Sekunden steht ihre persönliche Bestzeit – und sie sagt: «Dieses Jahr will ich die 51 sehen.» Damit wäre die WM-Limite zwar nicht erfüllt, diese liegt bei 50,75 Sekunden.
Ihren Startplatz in Tokio kann sich Gubelmann aber auch via Weltrangliste sichern – es ist ein realistisches Unterfangen, aber auch ein kostspieliges, weil sie für die Rankingpunkte auf eigene Kosten an Meetings teilnehmen muss. «Kein Veranstalter sagt sich: Wir brauchen Catia Gubelmann.» Im Gegenteil: Ihr Trainer, der diesbezüglich auch ihr Manager ist, fragt bei Meetings an – und Gubelmann muss froh sein, wenn sie für die Übernachtung nichts bezahlen muss. «So verdiene ich natürlich wenig bis nichts.»
Auch geht es nun für sie darum, sich im Ranking, wo sie derzeit knapp in den Top 100 figuriert, hochzuarbeiten – und für grosse Meetings interessant zu werden. «Es ist eine schwierige Phase. Ich hoffe, dass es nach diesem Jahr anders ist.» Eine WM-Teilnahme als Einzelstarterin könnte fraglos helfen.