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Meinung

«No öppis …»

Hochmut kommt vor dem Fall – und dem Verlust

Achtsamkeit ist eine buddhistische Weisheit. Das hätte sich unsere vielreisende Redaktorin Marie Fredericq wohl besser hinter die Ohren geschrieben. Aber hinterher ist man bekanntlich schlauer.

Ein Ort sondergleichen: Während in Thailand die Seele baumelt, schweifen die Gedanken – und die Schweizer Kälte bleibt auf der Strecke. Genauso wie meine Tasche.

Fotos: Marie Fredericq, Simon Grässle

Hochmut kommt vor dem Fall – und dem Verlust

Achtsamkeit ist eine buddhistische Weisheit. Das hätte sich unsere viel reisende Redaktorin Marie Fredericq wohl besser hinter die Ohren geschrieben. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Seit Jahren reise ich immer wieder nach Asien. Die Kultur, die Menschen, das Essen und vor allem das Wetter erwärmen mein kaltes Winterherz jedes Mal. Besonders angetan hat es mir Thailand. Ich bin so vernarrt in dieses Land, dass ich sogar schon überlegt habe, dorthin auszuwandern.

Fürs Erste sollten aber drei Wochen reichen. Gemeinsam mit zwei Freundinnen ging es also Ende Januar ins tropische Paradies: Mit der warmen Sonne im Gesicht und einem kühlen Chang-Bier in der Hand fühlte ich mich schnell wieder wie zu Hause. Den Zürcher ÖV-Lärm tauschte ich gegen Meeresrauschen, Kälte und Pullover gegen Bikinis und Flip-Flops.

Zur Freude aller konnten wir dank meinen Erfahrungen sämtliche unnötigen Standard-Touri-Fallen umgehen. Mit Stolz erzählte ich meinen Freundinnen, beide zum ersten Mal in Asien, von den thailändischen Gepflogenheiten. Die Schuhe zieht man aus, das WC-Papier gehört nicht ins Klo, und wenn man es nicht scharf mag, dann sagt man: «Mi phed.»

Ich suhlte mich in der Tatsache, das Land schon so gut zu kennen: die schönsten Cafés, die besten Shoppingstrassen, die günstigsten Night Markets. Das alles mit meinen Freundinnen teilen zu können, liess mein kleines Expertenherz höherschlagen.

Nach zwei Wochen war die gemeinsame Zeit vorbei. Meine Freundinnen verliessen die Insel, mich erwartete noch eine Woche allein. Zurück in dem Hostel, in dem ich mal gearbeitet hatte, habe ich mich irgendwann dabei erwischt, wie meine Thailand-Kenntnisse in Hochmut überschwappten. Anstatt mein Wissen zu teilen, rollte ich mit den Augen, wenn «Anfängertouristen» mit ihren Elefantenhosen vorbeikamen, «danke» falsch aussprachen oder den teuren statt den guten Mückenspray benutzten.

Nun kam es, dass ich eines Abends mit meinen thailändischen Freunden bis tief in die Nacht feiern war. Unwissend, dass mich Thailand ganz schnell wieder von meinem hohen Ross reissen würde.

Denn was ich anderen auf die Nase band, hielt ich selbst nicht ein. Noch wenige Tage zuvor hatte ich grosskotzig zu meinen Freundinnen gesagt: «Ach, mir ist in all den Monaten noch nie was geklaut worden, und verloren habe ich auch nie was. Da muss man sich auch ein bisschen doof anstellen, wenn einem das hier passiert.»

Es wunderte im Nachhinein also niemanden, dass mir in dieser Nacht meine Tasche samt Handy, Scooter-Schlüssel, allen Karten und meinem gesamten Bargeld abhandenkam.

Und da brachte mich auch mein Hochmut nicht weiter – die liebe Tasche wollte nicht wieder auftauchen, egal, wie gut ich Thailand kenne, egal, welchen Mückenspray ich benutze oder ob ich auf Thailändisch «danke», «bitte» und «Wo ist meine Tasche?» sagen kann.

Man lernt wohl nie aus: Und man sollte bekanntlich predigen, was man lebt. Thailand lehrte mich bei diesem Besuch Achtsamkeit, in vielerlei Hinsicht. Und so durfte ich auch dieses Mal wieder etwas mit nach Hause nehmen, nur halt nicht meine Tasche. Dafür bleibt nun aber wenigstens ein Teil von mir, im wahrsten Sinne des Wortes, für immer dort.

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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