Hinwiler spinnen Ideen für ihren neuen Wunschplatz
Café des Visions
Wenn die Dorfbevölkerung auf den Knien umherrutscht und den Boden bemalt, ist das einerseits Kunst. Aber vor allem Demokratie in ihrer reinsten Form.
Fasziniert sehen die anderen Kinder Mia zu, wie sie den Pinsel in die weisse Farbe taucht. Sie überlegt kurz, dann setzt sie an. Auf dem Asphaltboden entsteht ein kunstvoll verziertes Wort. «Ich möchte auch etwas schreiben», fordert das Mädchen neben ihr. Kurze Zeit später wimmelt es von kreativen Menschen, die es Mia gleichtun. Es entsteht ein Sammelsurium aus Ideen.
Wir befinden uns auf dem Hinwiler Gemeindeplatz. Im Alltag eine Einöde aus asphaltierten Parkplätzen, herrscht heute betriebsames Dorfleben. Ausnahmsweise wird der Platz zur Austragung des Fiirabigmärt genutzt.
Im Zentrum des Markts ist das Café des Visions aufgebaut: «Ein mobiler Dorfplatz, der mit Velo und Anhänger durch den öffentlichen Raum zieht und seinen jeweiligen Standort nach sozialen und kulturellen Potenzialen befragt», beschreibt die Künstlerin Anna Reinhold ihr Projekt. Seit 2012 ist sie mit ihrer Installation in der ganzen Schweiz unterwegs.
Fiirabigmärt «Spezial»
Der regionale und nachhaltige Fiirabigmärt wird seit rund einem Jahr von einer privaten Gruppierung aus fünf Leuten durchgeführt. Normalerweise findet der Anlass bei der katholischen Kirche statt, wo das organisierende Team die Räumlichkeiten und die Küche benützen kann. «Auf dem Gemeindeplatz in seinem jetzigen Zustand ist dies nur mit viel Mehraufwand möglich», erklärt Brigitte Wälchli. Sie ist eine der Initiantinnen des Markts und Gemeinderätin (Die Mitte) in Hinwil. Für das Projekt «Dorfmitte» haben sie eine Ausnahme gemacht. «Ein Markt gehört auf den Dorfplatz», war die Idee von Gemeindepräsident Andreas Bühler. Für diese Initiative habe er das Gespräch mit den Marktverantwortlichen und der Standortförderung aufgesucht. So entstand die vergrösserte Spezialausgabe des Fiirabigmärt.
Die Idee sei, mit künstlerischen Mitteln über die Gestaltung von öffentlichen Räumen zu diskutieren. Die Gemeinde Hinwil lanciert in Zusammenarbeit mit dem Café des Visions die Neugestaltung des Gemeindeplatzes. «Was wünschst du dir für diesen Ort?», steht mit weissen Lettern am Boden geschrieben. Wasserlösliche Farbe und Pinsel laden die Besucher zum Malen und Schreiben ihrer Visionen ein.
Das «Raumtattoo» nimmt immer grössere Formen an. In allen Städten und Gemeinden, die Anna Reinhold besuchte, sei diese Partizipationsmöglichkeit dankbar angenommen worden. So auch in Hinwil: Sobald eine Person den Anfang gemacht hat, ist das Eis gebrochen», erklärt sie lächelnd.

Die Künstlerin ist immer selbst vor Ort und lädt Passanten zum Gespräch ein. Die zehn kleinen Loungesessel und Tischchen laden zum Verweilen und Diskutieren ein, «zum gemeinsamen Ideen spinnen», wie sie es ausdrückt.
Denn zu oft würde an den Leuten vorbeigeplant, «mit bestem Wissen und Gewissen». Einige Grundbedürfnisse wie Begrünung, Sitzgelegenheiten, Schattenspender und Wasserstellen würde sie beinahe an jedem Ort hören, «trotzdem werden sie oft nicht erfüllt». Gemäss Reinhold seien alle Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen würden, die eigentlichen Experten. Die ganz genau wüssten, was sie wollen und brauchen.
Möglichkeit wird wahrgenommen und genutzt
Den Hinwiler Platz beschreibt Anna Reinhold als ideal, kaum eine andere Gemeinde verfüge über eine derart grosse, freie Fläche mitten im Dorf. Sie freut sich, dass es in jeder Gemeinde Ideen gäbe, die einen Ort einzigartig machen würden. So auch die in Hinwil aufskizzierte Idee, die Gemeindeversammlung auf dem Platz durchzuführen: «Dies entspricht voll und ganz dem Prinzip der öffentlichen Meinungsfindung.»
Dass so viele Menschen an diesem Partizipationsangebot teilnehmen, beweist gemäss Gemeindepräsident Andreas Bühler (SP) das starke Interesse der Bevölkerung. Die Stimmen der Besucher sind durchwegs positiv. Felix Furrer findet zwar das optische Auftreten des Cafés des Vision etwas unscheinbar, dafür aber die Idee gut, um zu erfahren, welche Wünsche die Einwohner hätten. «Ich finde es positiv, dass die Bevölkerung in der Entscheidungsfindung mitgenommen wird, das erweitert den Horizont», bestätigt sein Marktbegleiter. Esther Hedinger findet, es sei immer besser, über einen Ideenpool zu verfügen statt nur über die Meinung eines Einzelnen.




Gemäss Gemeindepräsident Andreas Bühler ist eine zweite Auflage des Cafés des Visions geplant, wenn möglich im Rahmen des Neujahrsapéros. Die Resultate beider Anlässe sollen zusammengezogen und ausgemittelt werden, um in einem Workshop konkretere Formen anzunehmen. «Der Gemeinderat wird daraus einen Bedürfniskatalog zusammenstellen und in einem Ideenwettbewerb unter Fachleuten ausschreiben», beschreibt Bühler das weitere Vorgehen. Von den Fachleuten würden schliesslich Vorschläge für Projekte erwartet.
Gutbesuchte Plattform genutzt
Der Transfer des gut besuchten Fiirabigmärt, der für gewöhnlich vor der katholischen Kirche stattfindet, ist ein geschickter Schachzug des Gemeinderats. Einerseits, um möglichst viele Einwohner zur Partizipation zu bewegen. Andererseits soll der Bevölkerung auf diese Weise aufgezeigt werden, über welches Potenzial der brachliegende Platz verfügt. «Die Leute sollen sehen, dass man hier mehr als nur Autos abstellen kann», so Bühler. Ob die Parkplätze auch weiterhin ins Zentrum gehören, ist an diesem Abend eine viel diskutierte Frage unter den Einwohnern.
In einer Gruppe malender Kinder steht ein Mädchen etwas abseits und scheint nachzudenken. Darauf angesprochen, ob sie auch eine Idee aufschreibe, antwortet sie nüchtern: «Ich glaube nicht, dass sie machen, was wir hier schreiben.» Und nimmt die Verantwortlichen damit in ihre Pflicht.

