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Unterwegs mit einem Archivaren

«Hier oben ist man näher am Himmel» – eine Reise nach Sternenberg

Zwischen Wiesen und Wäldern erzählen Höfe, Kirchen und Käsereien Geschichten aus vergangenen Zeiten in Sternenberg. Ein Rundgang.

Die Dorfführung in der am höchsten gelegenen Gemeinde des Kantons Zürich gibt Einblick in die Geschichte des Orts.

Foto: Darina Bolt

«Hier oben ist man näher am Himmel» – eine Reise nach Sternenberg

Unterwegs mit einem Archivaren

Zwischen Wiesen und Wäldern erzählen Höfe, Kirchen und Käsereien Geschichten aus vergangenen Zeiten in Sternenberg. Ein Rundgang.

Die Sonne scheint warm über die Hügel, als sich eine Gruppe von 40 Teilnehmenden bei der Käserei Preisig in Sternenberg versammelt. Walter Ledermann vom Chronikarchiv Bauma steht vorne. «Dorfführungen hier oben sind nicht ganz einfach», sagt er. «Ein eigentliches Dorfzentrum gibt es hier nicht.»

Wer schon einmal in Sternenberg war, kann dies bestätigen. Das Dorf hat keinen klassischen Kern mit Hauptstrassen und Häuserreihen – vielmehr liegen rund 65 Weiler und Einzelhöfe verstreut zwischen Wiesen, Wäldern und Abhängen. In alten Quellen aus dem Jahr 1850 wird Sternenberg als höchstgelegene Gemeinde des Kantons Zürich beschrieben und als einzige ohne ebenes Land.

An einem herbstlichen Samstag im Oktober führten Walter Ledermann und Karl Zopfi vom Chronikarchiv Bauma durch das kleine, abgelegene Dorf, erzählten alte Geschichten und berichteten über Sternenbergs Traditionen. Um aufzuzeigen, warum dieser Flecken Erde bis heute eine besondere Anziehungskraft hat.

Seit 2015 ist Sternenberg auch keine eigene politische Gemeinde mehr, sondern gehört zu Bauma. Mit zuletzt nur noch 351 Einwohnerinnen und Einwohnern wurde es immer schwieriger, Verwaltung, Schule und Infrastruktur selbst zu finanzieren und zu koordinieren.

Näher bei den Sternen

Das war aber nicht immer so. Im Mittelalter gehörte das Gebiet noch zum Kloster St. Gallen. Um 1836 lebten hier über 1400 Menschen. Die meisten arbeiteten in der Landwirtschaft oder in der Textilien-Heimarbeit. Vor allem wurde gesponnen, fast jeder Haushalt hatte ein Spinnrad. «Ein Bauer hatte damals vielleicht zwei Kühe und drei Hektaren Land», sagt Ledermann.

Der Name Sternenberg tauchte um 1764 erstmals auf. Früher hiess das Dorf Oschwald oder Oschblat. Die Umbenennung stammt wahrscheinlich aus religiösen Gründen, erzählt Ledermann während der Führung. «Hier oben ist man näher an den Sternen, näher am Himmel», ergänzt er.

Auf dem gegenüberliegenden Hügel der Käserei liegt die Sternwarte, die diese Vorstellung ergänzt. 1965 wurde sie von Karl Küenzi gebaut. Wegen der geringen Lichtverschmutzung lassen sich hier Sterne und Planeten besonders klar beobachten. «In Zürich sieht man vor lauter Stadtlichter kaum den Himmel, hier oben ist es ganz anders», sagt Ledermann.

Viele nennen Sternenberg «einen besonderen Ort, der Ruhe und Abgeschiedenheit ausstrahlt». Auch bekannte Persönlichkeiten haben hier gelebt. So zum Beispiel fand der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn im Haus des Zürcher Stadtpräsidenten Sigmund «Sigi» Widmer einen Rückzugsort.

Traditionen auf dem Sternenberg

Von der Käserei führt Ledermann die Gruppe weiter Richtung Skilift. 1970 wurde er erstmals in Betrieb genommen. Der Lift ist rund 250 Meter lang. «Genug, um im Winter ein paar Schwünge zu machen», sagt Ledermann.

Man sieht einen Skilift auf einer grünen Wiese.
Im Winter kommt hier das Dorf zusammen. Entweder um Ski zu fahren oder dem Fassdaubenrennen beizuwohnen.

Wenn im Winter genug Schnee liegt, findet dort das traditionelle Fassdaubenrennen statt. Dabei fährt man mit den gebogenen Längsbretten eines Fasses und einem Stock den Hang hinunter. «Das ganze Dorf ist dann beisammen und geniesst diesen aussergewöhnlichen Dorfanlass», sagt der Archivar.

Bildung war hier oben schon immer wichtig

Nicht weit vom Skilift steht das alte Schulhaus. In einzelnen Räumen sassen damals rund 90 Kinder. In der Schule lernte man das Abc, christliche Lieder zu singen und die einfache Mathematik.

Auch wenn Bildung früher nicht gleich geschätzt wurde wie heute, war für Sternenberg klar, dass eine Schulausbildung wichtig ist.

«Sternenberg kämpfte immer für sein eigenes Schulhaus», erklärt Ledermann. Im Spielfilm «Sternenberg», der 2004 erschien, wird das eindrücklich gezeigt. Dort wehrte sich das Dorf gegen die Schliessung der Schule.

Man sieht ein altes, rotes Haus mit Büschen daneben.
Mobbing gab es schon damals: Im alten Schulhaus wurden angeblich jene gemieden, die Kartoffeln assen.

Bis heute ist dieser Gedanke tief in Sternenberg verwurzelt. Die Primarschule Sternenberg, die seit 2019 auch eine Tagesschule ist und Kinder aus Bauma aufnimmt, steht sinnbildlich für diesen Zusammenhalt.

Ledermann ergänzt noch einen kuriosen Fakt: «Sternenberg war einer der ersten Orte, wo man täglich Kartoffeln ass.» Früher war dies die Nahrung der Armen. In der Stadt Zürich hätte man das als komisch angesehen. Kartoffeln sollen in der Schule manchmal auch zu Mobbing geführt haben. «Klassenkameraden mieden diejenigen, die Kartoffeln zum Mittagessen konsumierten», erzählt er.

Die Dorfführung führt weiter Richtung Kirche. Diese wurde 1706 erbaut. Unterwegs erzählt Ledermann, wie das Leben früher aussah: einfach, streng und gemeinschaftlich. Die Kirche spielte eine zentrale Rolle. «Wer den Gottesdienst schwänzte, bekam eine Busse. Wer zu wenig verdiente, durfte nicht heiraten, was zu vielen unehelichen Kindern führte», sagt der Archivar.

Kein Begräbnis für Selbstmörder

Auch von düsteren Geschichten erzählt Ledermann. 1836 etwa wollte die Bevölkerung von Sternenberg verhindern, dass ein Selbstmörder auf dem Friedhof der Kirche begraben wurde. 50 Männer bewachten den Leichnam, bis rund 30 Polizisten nach Sternenberg fuhren, um die Situation zu klären. Schliesslich erhielt der Mann doch noch ein christliches Begräbnis auf einem erweiterten Platz des Friedhofs.

Man sieht das Dorf von Weitem, die Kirche, eine Wiese, Bäume und Wohnhäuser.
So schön das Dorf ist, so schaurig sind die Geschichten: Ein Selbstmörder hätte in Sternenberg beinahe kein kirchliches Begräbnis erhalten.

Heute ist die Kirche kein solcher Ort mehr, sondern ein Ort der Romantik: Viele Paare aus der Region heiraten hier.

Die erste Post: im Gasthaus

Ein Stück weiter unten steht das Gasthaus Sternen. Bereits 1805 wurde es in alten Quellen als Taverne erwähnt. Hier gab es nicht nur etwas zu essen, sondern auch eine Unterkunft, die erste Poststelle und das erste Telefon Sternenbergs. Das Wirtshaus war Treffpunkt, Nachrichtenzentrale und Zufluchtsort zugleich.

Bei der Führung sind auch viele Einheimische dabei, und so ergänzen sie Ledermanns Erzählungen immer wieder mit eigenen Erinnerungen. Früher erhielten Gäste, die arm waren, eine kostenlose Suppe, erzählt Ledermann. «Das ist heute, glaube ich, noch so», ergänzt eine Teilnehmende.

Doch die Gastwirtschaft hatte nicht nur gute Tage. 2016 brannte der historische Bau ab. Drei Jahre später wurde das Gasthaus Sternen neu aufgebaut und ist heute wieder ein beliebter Ort für Wanderer, Velofahrer, Hochzeitsgesellschaften und Einheimische.

«Sternenberg gibt mir ein Freiheitsgefühl»

Die Führung endet beim Alten Steinshof. Es war einst ein Gruppenhaus und Restaurant und steht heute zum Verkauf.

Walter Ledermann und Karl Zopfi bedankten sich herzlich bei den Teilnehmenden. «Die Leute sollten diesen wunderschönen Ort besuchen, denn es steckt so viel Geschichte dahinter.»

Das Ehepaar Hensgen aus Bauma zeigte sich beeindruckt. «Wir waren schon mehrmals hier oben, aber die Geschichten kannten wir nicht. Es ist interessant, zu erfahren, wie die Menschen früher lebten.»

Ebenfalls beeindruckt waren Besucherinnen und Besucher, die selbst aus Sternenberg kommen, so etwa Frau Frei: «Ich lebe schon fast mein ganzes Leben hier, und doch erfahre ich immer wieder Neues. Sternenberg ist etwas ganz Besonderes, es gibt mir ein Freiheitsgefühl.»

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