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Gesellschaft

Neue Tagesstätte in Riedikon

Hier finden Menschen mit psychischen Krankheiten zurück in den Alltag

Die neue Tagesstätte in Riedikon bei Uster ist Rückzugsort für psychisch Beeinträchtigte. Hier finden sie Schutz und Unterstützung.

Jessica Curiger ist die Leiterin der neuen Tagesstätte. Sie ist Feuer und Flamme für ihren Beruf.

Foto: Simon Grässle

Hier finden Menschen mit psychischen Krankheiten zurück in den Alltag

Neue Tagesstätte in Riedikon

Die neue Tagesstätte in Riedikon bei Uster ist Rückzugsort für psychisch Beeinträchtigte. Hier finden sie Schutz und Unterstützung.

Kurz vor 9 Uhr öffnen sich die Türen des unscheinbaren Gebäudes an der Riedikerstrasse 63a. Wer hier eintritt, kämpft oft mit etwas, das von aussen unsichtbar ist. Depressionen. Schizophrenie. Ängste. Um diesen Menschen zu helfen, gibt es hier in Riedikon bei Uster seit dem 1. April eine neue Tagesstätte der Stiftung Noveos.

Der Ansatz sind keine Therapiesitzungen, sondern gezielte Strukturen mit einfachen Verrichtungen wie Spielinhalte kontrollieren, digitale Schulungen oder kreative Tätigkeiten wie stricken und malen.

Licht, helle Wände und viel Holz dominieren das Innere des Gebäudes. Geradeaus befindet sich ein Glaswandbüro mit Beratungsecke, rechts eine Küche mit Gemeinschaftstisch. Zudem stellt die Stiftung zwei Ruheräume zur Verfügung. Dort können sich die Betroffenen zurückziehen, wenn der Alltag wieder einmal zu viel wird.

Individuelle Angebote für jeden

Jessica Curiger leitet die Tagesstätte. «Die Menschen, die zu uns kommen, sind oft isoliert und haben dadurch keine geregelte Tagesstruktur oder keinen Kontakt zu Mitmenschen. Sie verlieren Stabilität, leiden vielleicht auch unter Depressionen. Sie getrauen sich nicht mehr unter die Leute und fühlen sich einsam», sagt sie. Die Betroffenen wohnen dabei oft allein oder in einer betreuten Wohnform ausserhalb der Tagesstätte.

Neue Tagesstätte in Riedikon-Uster für psychisch Beeinträchtigte.
Blick auf den Kreativbereich, der zum Zeitpunkt dieser Aufnahme Mitte April noch nicht ganz fertig eingerichtet war.

Damit die Betroffenen zurück ins Leben finden, hält die Stiftung Noveos in der neuen Tagesstätte diverse Angebote bereit – zugeschnitten auf jedes individuelle Schicksal.

«Wir wollen eine Perspektive entwickeln. Dabei schauen wir, was die Betroffenen zur Stabilisierung ihres psychischen Zustands gerade brauchen», erklärt Curiger das Leitprinzip. Gerade Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen, Konzentration oder Kommunikation können für Personen mit psychischen Erkrankungen schwierig sein.

Stiftung Noveos und Tagesstätte Riedikon: noveos.ch

Die Dargebotene Hand: Telefon 143 oder 143.ch

Pro Juventute: Telefon 147 oder 147.ch

Öffentlichkeitskampagne zu psychischer Gesundheit: wie-gehts-dir.ch

Wenn der Alltag zur Belastungsprobe wird

Ein klassischer Tagesablauf sieht folgendermassen aus: Vor 9 Uhr kommen die Klienten an, es folgt ein Austausch über das Tagesprogramm. Danach folgt ein Block, in dem die Klienten durch zielbezogene Tätigkeiten zur Gestaltung ihres Alltags unterstützt werden.

Zudem können Auftragsarbeiten dazugehören wie beispielsweise das Falten von Informationsblättern oder das Sortieren von Gesellschaftsspielen fürs stiftungseigene Brockenhaus. Die Arbeit ist bewusst monoton – denn Routine kann Stabilität und Selbstvertrauen fördern und somit Ressourcen wieder bewusst machen.

Es gehe darum, die Betroffenen an die Hand zu nehmen und alltägliche Belastungssituationen zu trainieren. «Bereits Einkaufen oder ÖV-Fahren kann eine Reizüberflutung sein», erklärt Curiger. «Die Interaktion mit fremden Menschen belastet nicht nur Autisten, sondern auch Menschen mit Depression und Schizophrenie, da man sich ständig von aussen beobachtet und bewertet fühlt.»

Die Unterstützungsdauer variiere stark. «Es gibt Menschen, die erkennen sehr schnell wieder ihre Ressourcen. Andere hingegen brauchen länger.» So könne die Unterstützungsdauer nur wenige Wochen bis mehrere Jahre betragen. Das weiss sie, weil sie im stiftungseigenen Wohnbereich in Uster ebenfalls ein Wohnangebot leitet, wo sie Menschen begleitet und betreut. Die Tagesstätte ist also eine Ergänzung zum bereits bestehenden Angebot.

Unter Leistungsdruck und orientierungslos

Besonders zugenommen habe seit der Corona-Pandemie erschreckenderweise der Anteil an jungen Erwachsenen, die dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten könnten oder von Orientierungslosigkeit geplagt würden, meint Curiger.

Gerade solche Themen seien zentral in der Tagesstätte. «Leistungsdruck ist oftmals das, was vorher passiert. Der Auslöser, warum Menschen in psychische Krisen kommen können. Sie ziehen sich zurück, getrauen sich nicht mehr, einen Fuss in die Gesellschaft zu setzen», erklärt Curiger.

Jeder steht an einem anderen Punkt im Leben. Das zu erkennen, braucht viel Ehrlichkeit.

Jessica Curiger

Leiterin der Noveos-Tagesstätte Riedikon

Denn die Gesellschaft funktioniere schnell, es komme häufig zu Reizüberflutungen – zu viel für Menschen, deren Nervensystem sich bereits dauernd im Alarmzustand befinde. «In solchen Fällen hilft es, sich bewusst zu machen, was im Vordergrund steht», erzählt sie. «Ist es die Angst, nicht zu genügen, oder der Leistungsdruck der Gesellschaft? Nur wenn das geklärt ist, können wir gezielt unterstützen.»

Neue Tagesstätte in Riedikon-Uster für psychisch Beeinträchtigte.
In der Mitte der Tagesstätte befindet sich das Beratungsbüro.

In solchen Fällen sei es wichtig, den Betroffenen aufzuzeigen, wie gross die Diskrepanz zwischen Realität und subjektiver Wahrnehmung sei. «Jeder steht an einem anderen Punkt im Leben. Das zu erkennen, braucht viel Ehrlichkeit und Mut, hinzuschauen.»

Für viele sei der grösste Schritt, sich überhaupt Hilfe zu suchen. Doch die Tagesstätte allein kann keine psychischen Krankheiten wegzaubern. Ebenso wenig ersetzt sie professionelle Therapieformen oder einen Aufenthalt in einer Klinik. «Wir können Veränderungsprozesse nur begleiten, umsetzen muss es der Mensch selber.» Curiger verweist darauf, dass Noveos mit verschiedenen Fachstellen arbeitet, darunter mit ambulant tätigen Psychiatern und Beistandschaften.

Die Gesellschaft soll nicht mehr wegschauen

Psychische Krisen können immer wieder zurückkommen – selbst wenn man sie einmal überwunden hat. Curiger versteht, dass solche Rückfälle für Betroffene frustrierend sein können.

Wir sollten versuchen, die Betroffenen zu integrieren, statt sie auszugrenzen.

Jessica Curiger

Leiterin der Noveos-Tagesstätte Riedikon

Trotzdem sieht sie darin eine Chance: «Es gehört zum Leben dazu. Wir haben im Wohn- und Arbeitsbereich der Stiftung Noveos immer wieder Menschen, die zurück in die Klinik müssen. Dann schauen wir: Was hat die Krise bewirkt, und wo können wir ansetzen, um weiterzukommen?»

Die Gesellschaft habe gegenüber psychisch Beeinträchtigten eine wichtige Verantwortung. «Psychische Krankheiten sind sehr ernst zu nehmen. Wir sollten versuchen, die Betroffenen zu integrieren, statt sie auszugrenzen.» Das beginne bereits im eigenen Freundschaftsfeld. «Fast jeder kennt jemanden, dem es manchmal psychisch nicht gut geht. Da kann man ganz bewusst schon mal anfangen mit der gegenseitigen Achtsamkeit. Hinschauen statt wegschauen und nachfragen: ‹Wie geht es Dir?›.»

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