Abo

Gesellschaft

Hier entkommen die Schafe dem Schlachthof

Sabrina und Ruth Hämmig betreiben in der Ustermer Aussenwacht Riedikon einen Lebenshof für Schafe.

Sabrina (links) und ihre Mutter Ruth Hämmig betreiben den Lebenshof Schöflioase.

Foto: Annette Saloma

Hier entkommen die Schafe dem Schlachthof

Schöflioase in Riedikon

Ruth und Sabrina Hämmig betrieben sechs Jahre lang Schafzucht und verkauften Lammfleisch. Bis ein Schlüsselerlebnis ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte.

Dieser Artikel wurde bereits am 17. Juli 2023 publiziert. Zum Jahresende haben wir nochmal ein paar ausgewählte Artikel für Sie als Lektüre aus dem Archiv geholt.

Neugierig und mit einem herausfordernden Blick steht Gloria hinter Sabrina Hämmig. Wo die 32-Jährige auch hingeht, das kleine braune Schaf folgt ihr auf Schritt und Tritt. Gloria ist eines von 14 Schafen, die hier auf dem Lebenshof Schöflioase in Riedikon leben, den Mutter und Tochter Hämmig betreiben.

Das Älteste der Tiere, die hier auf drei Hektaren in zwei Offenställen mit Zugang zur Weide leben, ist sieben Jahre alt. Bei einem Schaf, das seit Kurzem auf dem Hof lebt, hängt das Euter weit herunter. «Euterbruch», erklärt Sabrina Hämmig. «Das passiert, wenn man Schafe zu reinen Gebärmaschinen macht.»

Kein Lammfleischverkauf mehr

Das Schaf wäre im Schlachthof gelandet. Nun darf es hier seinen Lebensabend verbringen. In der Schöflioase leben Tiere, die entweder aus der früheren Zucht von Hämmigs stammen oder von anderen Landwirtschaftsbetrieben gerettet wurden.

Bis vor Kurzem gab es auch im Hofladen von Hämmigs Lammfleisch zu kaufen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Am 1. Juli 2023 hat die Schöflioase offiziell Eröffnung gefeiert. Für Sabrina Hämmig geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung.

«Wir hatten letztes Jahr ein Schlüsselerlebnis, das uns dazu brachte, mit der Produktion aufzuhören», erzählt Ruth Hämmig. «Wir mussten wieder Lämmer für den Schlachthof in den Transporter laden. Danach ging es uns tagelang schlecht. Da sagten wir uns, dass es so nicht weitergehen kann.» Davor hatten sie pro Jahr jeweils 20 Lämmer im Alter von fünf Monaten schlachten lassen und das Fleisch im Hofladen verkauft.

Ausstieg aus der Nutztierhaltung

Die beiden informierten sich über Möglichkeiten, den Hof zu betreiben, ohne Tierleid verursachen zu müssen, und stiessen auf den Hof Narr in Hinteregg. Landwirtin Sarah Heiligtag betreibt diesen Lebenshof mit ihrem Mann und hilft unter dem Titel «Transfarmation», Landwirtschaftsbetrieben aus der Nutztierhaltung auszusteigen.

Die Nachfrage ist gross. Heiligtag erhält diesbezüglich pro Woche bis zu acht Anrufe. Über 130 Landwirte aus der ganzen Schweiz hat sie bis jetzt beim Ausstieg begleitet. Manche betreiben mittlerweile einen Lebenshof, oft einhergehend mit Hafermilch- oder Gemüseproduktion.

Bild einer Scheune von aussen, auf einem Plakat steht «Hämmig’s Hoflädeli».
Den Satz «Schweizer Fleisch, ich weiss werum» haben Hämmigs mittlerweile überklebt.

Den Hof an der Riedikerstrasse gibt es seit 1878. Ruth Hämmigs Mann, den sie schon mit 15 Jahren kennenlernte, übernahm den Betrieb 1993 von seinen Eltern. Das Ehepaar hatte Kühe, Schweine, Hühner, Hasen und Katzen. «Von so einem kleinen Hof allein kann man als Familie nicht leben», erzählt Ruth Hämmig. «Deshalb arbeitete mein Mann auch noch auswärts.»

2004 konnten die beiden eine Firma für Bewässerungstechnik übernehmen. Den Hof und das Land verpachteten sie. Der Pächter führte den Hof mit Kühen und Schafen weiter.

Ein Lebenshof kann sogar rentabler sein als ein konventioneller Bauernhof.

Ruth Hämmig

Betreiberin der Schöflioase in Riedikon

Als Freddy Hämmig 2015 völlig unerwartet starb, standen sie vor dem Nichts. «Ohne meinen Mann konnte ich die Firma nicht weiterführen», erzählt Ruth Hämmig. «Wir hatten grosse Existenzängste.» Die 61-Jährige kündigte dem Pächter und beschloss mit ihrer Tochter, einen Schafbetrieb zu führen.

Sabrina Hämmig, die ursprünglich eine kaufmännische Lehre gemacht hat, erwarb dafür den entsprechenden Sachkundeausweis, der sie für die Haltung von Schafen befähigt.

Die Tiere faszinieren sie. Das Vorurteil, dass sie dumm seien, sei völlig falsch. «Schafe können sich bis zu 50 Gesichter von Artgenossen und 20 Menschengesichter über zwei Jahre lang merken.»

Mühe mit dem Schlachten

Obwohl die beiden, wie schon Freddy Hämmig, immer Mühe mit dem Schlachten der Tiere hatten, taten sie es. «Wir hatten eine Beziehung zu den Tieren und spürten ihre Angst, wenn es in den Schlachthof ging», erzählt Sabrina Hämmig.

Schon früh habe sie nicht verstehen können, warum man die einen Tiere streichle und die anderen esse .«Aber man machte das halt einfach so. Etwas anderes gab es gar nicht.»

Bis zu diesem Tag im Oktober 2022. Das darauffolgende Treffen mit Sarah Heiligtag machte den beiden Mut.

«Wir haben gemerkt, dass ein Lebenshof sogar rentabler sein kann als ein konventioneller Bauernhof», sagt Ruth Hämmig. «Von der Landwirtschaft auf einem kleinen Betrieb kann man in der heutigen Zeit leider kaum mehr leben.» Sabrina Hämmig erfüllt sich mit der Schöflioase auch einen Lebenstraum.

Ende 2028 bekommen die Hämmigs weitere fünf Hektaren Eigenland, die momentan noch verpachtet sind, zurück. Dann können hier dereinst bis zu 70 Schafe über die Weide ziehen.

Im Hofladen gibt es kein Fleisch mehr, dafür selbst angebautes Gemüse, Eingemachtes und Zugekauftes. Mit Patenschaften und Spenden kann man die Schöflioase unterstützen. Es werden unter anderem Veranstaltungen und Hofführungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene angeboten.

«So bietet sich die grosse Chance, in direkten Kontakt mit den sanften, gemütlichen, kleinen Wiederkäuern zu treten und den Konsum von Tierprodukten zu überdenken», sagt Sabrina Hämmig.

Umstellung auf vegane Ernährung

Denn für Mutter und Tochter ist klar: Es funktioniert nicht, wenn Landwirte umstrukturieren, aber die Menschen weiterhin Tierprodukte konsumieren. «Deshalb wollen wir den Menschen diese Tiere näherbringen», sagt Sabrina Hämmig. «Ihnen zeigen, dass diese Schafe genau so leben wollen wie Hunde oder Katzen.»

Sie selbst haben den Schritt gemacht und ernähren sich vegan. «Wir sind mehr als froh, dass wir nun diesen Weg gehen», sagt Ruth Hämmig. «In Frieden mit den Tieren leben zu können, ist das Schönste.»

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.