Hat «Natürli» die Wirtschaftsförderung vernachlässigt?
Zehn Tage ist es her, dass sich der Verein Pro Zürcher Berggebiet (PZB) mit Sitz in Bauma von seinem Geschäftsführer getrennt hat (wir berichteten).
Der Fall sorgte nicht nur durch die Umstände der Entlassung während eines Interviews für Aufsehen, sondern auch durch die Kürze der Amtszeit: Der Mann hatte die Geschäftsleitung erst am 1. Januar 2019 übernommen. Unterschiedliche Auffassungen über die künftige Ausrichtung der Organisation seien der Grund für die Trennung gewesen, teilte der Vorstand der PZB in einer Medienmitteilung vom 20. März mit.
Zwei Tage später erklärte der ehemalige Geschäftsführer gegenüber dem «Blick»: «Die Tourismusförderung und die Regionalprodukte waren in guten Händen. Ich wollte mich verstärkt der Wirtschaftsförderung widmen. Darin waren wir uns nicht einig.»
Unter dem Natürli-Label aktiv
Dazu muss man wissen: Unter dem Label «Natürli Zürioberland» erfüllt die PZB mehrere Leistungsaufträge für den Zweckverband Region Zürcher Oberland (RZO), der die regionale Wirtschaftsförderung koordiniert (siehe Box).
So ist das Natürli-Netzwerk aufgebaut:
Der Zweckverband Region Zürcher Oberland (RZO) mit Sitz in Bauma koordiniert die regionale Wirtschaftsförderung und vertritt deren Interessen gegenüber Bund und Kanton. Er setzt sich aus 20 Oberländer Gemeinden zusammen: Bäretswil, Bauma, Bubikon, Dürnten, Fehraltorf, Fischenthal, Gossau, Grüningen, Hinwil, Hittnau, Mönchaltorf, Pfäffikon, Russikon, Rüti, Seegräben, Uster, Wald, Wetzikon, Wila und Wildberg. Verbandspräsident ist Peter Luginbühl (zugleich Gemeindepräsident von Rüti).
Unter dem Label «Natürli Zürioberland» vergibt die RZO Leistungsaufträge für vier eigenständige Handlungsfelder: «Gesellschaft», «Tourismus», «Wirtschaft» und «Kultur». Gegenwärtig hält der Verein Pro Zürcher Berggebiet (PZB) alle Mandate der RZO. Dessen Geschäftsstelle bildet das «Regionalmanagement Natürli Zürioberland». Der PZB-Geschäftsführer ist damit auch «Regionalmanager».
13 Gemeinden aus drei Kantonen gehören der PZB an: Bäretswil, Bauma, Bichelsee-Balterswil, Elgg, Eschenbach, Fischenthal, Fischingen, Hinwil, Schlatt, Turbenthal, Wald, Wila und Wildberg. Präsident ist Ernst Kocher (zugleich Gemeindepräsident von Wald).
Die PZB ist Eigentümerin der Marke «Natürli Zürioberland». Das Regionalmanagement ist aber nicht identisch mit der Natürli Zürioberland AG in Saland, die vor allem für die Produktion und den Vertrieb der Natürli-Käseprodukte bekannt ist. Allerdings hält die PZB 35 Prozent Stimmrechtsanteile an der Firma. jöm
Dass ausgerechnet die Wirtschaftsförderung den Stein ins Rollen brachte, ist bemerkenswert. Denn dieses Mandat hatte die PZB nicht von Anfang an. Bis Ende 2017 war Jürg Neff als Wirtschaftsförderer im Auftrag der RZO tätig (siehe Box). Er ist Inhaber der Neff Concept Management AG in Uster und Geschäftsführer des Arbeitgeber-Verbandes Zürcher Oberland und rechtes Seeufer (AVZO).
Per 1. Januar 2018 erhielt die PZB das Wirtschaftsmandat von der RZO. Damit wechselte die Wirtschaftsförderung von Uster nach Bauma. Dort, an der Bahnhofstrasse 13, sind die RZO und die PZB angesiedelt. Innerhalb des Natürli-Netzwerks wird die gemeinsame Adresse als «Haus der Region» bezeichnet.
Einen eigenen Wirtschaftsförderer, wie von der PZB angestrebt, gab es im «Haus der Region» bisher nicht. Zunächst hatte sich der frühere PZB-Geschäftsführer Michael Dubach ad interim auch um die Belange der Wirtschaft gekümmert. Nach seinem Ausscheiden Ende September 2018 blieb die Geschäftsleitung drei Monate vakant. Dann erst trat der nun geschasste Geschäftsführer die Nachfolge an.
So kam das Wirtschaftsmandat nach Bauma:
Am 1. Januar 2013 hat der Verein Pro Zürcher Berggebiet (PZB) vom Verband Region Zürcher Oberland (RZO) Leistungsaufträge für die Handlungsfelder «Gesellschaft», «Tourismus» und «Kultur» erhalten; das Mandat für «Wirtschaft» war damals an Jürg Neff gegangen. Er ist Inhaber der Neff Concept Management AG in Uster.
Neff fungierte fünf Jahre als Wirtschaftsförderer der RZO unter der Dachmarke «Natürli Zürioberland». Sein Mandat war zu Beginn auf drei Jahre befristet. Danach wurde es um ein weiteres Jahr verlängert (bis Ende 2017).
«Im 2016 hat mich die RZO informiert, dass man die Wirtschaftsförderung künftig an die PZB vergeben und im «Haus der Region» in Bauma konzentrieren wolle», sagt Neff. An der dortigen Bahnhofstrasse 13 sind RZO und PZB untergebracht.
Da sich der Aufbau des «Hauses der Region» verzögerte, wurde das Mandat von Neff in drei Schritten bis Ende 2017 verlängert. Die RZO habe ihm vorgeschlagen, sich bei der Neuvergabe des Mandats zu bewerben. «Aber nur unter der Voraussetzung, dass ich mich von der PZB anstellen lasse und in Bauma arbeite. Das kam für mich nicht in Frage.»
Peter Luginbühl, Verbandspräsident der RZO und Gemeindepräsident von Rüti, bestätigt, dass die PZB damals einen Wirtschaftsförderer suchte, um den künftigen Leistungsauftrag zu erfüllen.
Am falschen Ort?
Per 1. Januar 2018 erhielt die PZB auch das Wirtschaftsmandat. Ein Entscheid, den Neff als problematisch erachtet: «Das Oberländer Wirtschaftsleben findet nicht im Tösstal, sondern vor dem Bachtel statt. Daher sollte die Wirtschaftsförderung auch dort angesiedelt sein.» Der Wechsel nach Bauma sei ihm wie ein Zeichen des Rückzugs vorgekommen.
Luginbühl verteidigt das Vorgehen: «Um die Ressourcen für die vier Handlungsfelder besser auszuschöpfen, ist es absolut sinnvoll, alles aus einem Guss zu bewirtschaften.»
Gleichzeitig sagt er: Für die Entfaltung der Wirtschaftsförderung spiele der Standort zudem nur eine untergeordnete Rolle. Die Verantwortlichen müssten vielmehr «draussen» aktiv sein: bei den Unternehmen, den Behörden und Verbänden, bei der Politik. «Irgendwo braucht man dann auch ein Büro, das aktuell eben in Bauma ist.» jöm
Der frühere Wirtschaftsförderer Jürg Neff hat den Eindruck, dass die Wirtschaftsförderung seither weniger intensiv betrieben worden sei. So habe es 2018, anders als in den Vorjahren, keinen Wirtschaftsanlass an der Messe «Wohnen & Genuss» in Wetzikon gegeben. Als Wirtschaftsförderer war er zuvor für dessen Organisation verantwortlich. «Dabei erfreute sich der Anlass immer grosser Beliebtheit.» Am 29. März sorgte er dafür, dass der Anlass wieder stattfinden konnte (wir berichteten).
Wer die Webseite von «Natürli Zürioberland Wirtschaft» besucht, kann ebenfalls den Eindruck gewinnen, dass die Wirtschaftsförderung stiefmütterlich behandelt wurde: Diese ist kaum noch aktuell. Auf der Startseite prangt zuoberst der Hinweis «Jahresbericht 2016».
Die Schuldfrage
Hatte die PZB also ein Ressourcenproblem?
Ernst Kocher, Präsident der PZB und Gemeindepräsident von Wald, räumt ein, dass der Leistungsauftrag für die Wirtschaft bisher nur reduziert umgesetzt worden sei. Mit ein Grund dafür seien die Erneuerungswahlen im letzten Frühling gewesen. Der enge Austausch zwischen Wirtschaft und Politik habe darum erst mit Verzögerung einsetzen können. «Deshalb konzentrierten wir uns in Absprache mit der RZO zunächst auf die wichtigsten Aufgaben.»
Liegt die Schuld also nur bei anderen?
Für Kocher ist das Problem im Amt selbst angelegt: Das Aufgabenspektrum eines Wirtschaftsförderers sei anspruchsvoll und zeitintensiv. Jürg Neff kann dies bestätigen: «Zum einen muss er gut in der Region vernetzt sein und eng mit den zentralen Entscheidungsträgern zusammenarbeiten, zum anderen muss er unangenehme Detailaufgaben im Backoffice-Bereich erledigen.»
Scheiterte der jetzt abgetretene Geschäftsführer womöglich daran, Geschäftsleitung und Wirtschaftsförderung unter einen Hut zu bringen?
Kocher erklärt, man hatte sich mit dem Geschäftsführer darauf verständigt, eine Projektleiterin für die Wirtschaft anzustellen. Sie trete die Stelle ab Mai an. Die Schwerpunkte ihres Aufgabenportfolios werde die RZO-Wirtschaftskommission festlegen.
Wie die Stelle ursprünglich gedacht war – ob als Unterstützung für den Geschäftsführer oder im Sinne einer eigenständigen Wirtschaftsförderung – dazu will sich Kocher nicht äussern.
Bitte um Geduld
Im Raum steht die Frage: Wird die PZB ihrem Leistungsauftrag «Wirtschaft» überhaupt gerecht?
«Der Verein muss nun Antworten liefern, wie er den Auftrag erfüllen will», sagt Peter Luginbühl, Verbandspräsident der RZO und Gemeindepräsident von Rüti. Er mahnt zur Geduld: Die PZB habe sich gerade erst vom Geschäftsführer getrennt, die Neuorganisation der Wirtschaftsförderung stecke noch in den Anfängen. «Wir müssen der PZB Luft und Raum geben, die Lage zu beurteilen und die richtigen organisatorischen Weichen zu stellen», sagt er. Man sei im engen Austausch mit dem Vorstand der PZB und begleite diesen Prozess.
Geht bei Natürli also alles in die richtige Richtung?
Jürg Neff ist skeptisch. Unter anderem stört er sich an der komplizierten Organisationsstruktur des Netzwerks: «Das kann man fast nicht mehr kommunizieren.»
Kaum zu durchschauende Struktur
In der Tat: Man muss schon sehr tief einsteigen, um das Geflecht aus Verbänden und Vereinen, Marken und Handlungsfeldern, Unternehmen und Gemeinden zu entwirren.
Dass in der breiten Öffentlichkeit die Dachmarke «Natürli Zürioberland» häufig mit der Handelsfirma gleichen Namens in Saland verwechselt wird, verwundert da kaum.
Müsste das Natürli-Netzwerk nicht grundlegend reformiert werden, um künftig für klarere Verhältnisse zu sorgen?
Luginbühl sieht das offenbar anders: «Es braucht Zeit, bis sich die Leute an ein neues Gebilde wie ‹Natürli Zürioberland› gewöhnt haben. Dementsprechend müssen wir Aufgaben und Zuständigkeiten unserer Organisation gebetsmühlenhaft wiederholen.»
Zwar seien die Trägerschaften von RZO und PZB, die teilweise andere geografische Gebiete abdecken, nicht für jeden auf Anhieb zu durchschauen und die Kommunikation entsprechend anspruchsvoll. Aber: «Ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen.»
Im Interesse des Oberlands?
Es lohnt sich aber, einen zweiten Blick auf die Zusammensetzung der Trägerschaft zu werfen: So sitzen im Vorstand der PZB zwei Mitglieder, deren Gemeinden gar nicht der RZO angehören: Georg Brunner, Gemeindepräsident von Turbenthal, und Beat Weibel, Gemeindeammann von Bichelsee-Balterswil.
Damit stellt sich die Frage: Kann der Vorstand unter diesen Voraussetzungen überhaupt im Interesse der gesamten Wirtschaftsregion Zürcher Oberland agieren?
Luginbühl sieht die Vertretung von Oberländer Interessen für ausreichend gegeben. Näher will er auf die Frage nicht eingehen. Ausweichend wird der RZO-Präsident auch, wenn man ihn auf einen allfälligen Interessenkonflikt zwischen Wirtschaft und Politik anspricht.
Fakt ist: Als 2015 die Initiative «Ja zu fairen Gebühren» zur Abstimmung kam, sprach sich die Wirtschaftskonferenz Zürcher Oberland, die Jürg Neff im Rahmen der Wirtschaftsförderung mitinitiiert hatte, für deren Annahme aus. Die Initiative verlangte, dass die Festlegung der Gebühren in die Kompetenz von Parlamenten und Volk übergeht und den Verwaltungen entzogen wird. Anders als die Wirtschaftskonferenz sprachen sich die Gemeindepräsidenten der RZO damals gegen die Annahme der Initiative aus. «Dabei soll die Wirtschaftsförderung doch die Interessen der Wirtschaft vertreten», sagt Neff.
Diesen Vorwurf will Luginbühl so nicht gelten lassen, er bleibt dabei aber vage: «Im Kontext der Standortförderung stellt sich diese Frage nicht nur in der Region Zürcher Oberland so nicht.» In dem Zusammenhang verweist er auf die Themen Ansiedlung von Firmen, Retention, Start-ups und planerische Voraussetzungen.
Damit sind wichtige Fragen weiter offen. Ob das Natürli-Netzwerk im Nachgang zum Fall Ferrazzini die Kritik an seiner Organisation ernst nimmt und Reformen einleitet, ob die Wirtschaftsförderung in den kommenden Monaten personell und konzeptionell besser aufgestellt sein wird – all das bleibt abzuwarten.