Grossbetrug mit Corona-Tests – Spur führt nach Rapperswil
Letzten August hatte Herbert Schir genug. Schon wieder waren auf der Krankenkassenabrechnung seiner Familie Covid-19-Tests aufgeführt. Diese Tests hatten aber gar nie stattgefunden, wie Schir beteuert.
Mutmassliche Betrüger haben die Daten seiner Familie missbraucht, um falsche Tests zu verrechnen. Sie kassierten dafür eine Stange Geld. Denn die Kosten für die Tests werden vom Bund übernommen.
Ganze 36 solcher erfundenen Tests hat Schir auf seiner Krankenkassenabrechnung gezählt. Rein terminlich können diese teils gar nicht durchgeführt worden sein, weil die Familie im Ausland weilte. Das wollte Schir nicht auf sich sitzen lassen und wandte sich an das SRF-Konsumentenmagazin «Kassensturz».
Gemäss dessen Recherchen dürften die Betrüger allein mit der Joner Familie rund 1500 Franken vom Bund erhalten haben. «Wir kennen in unserem Umfeld noch andere betroffene Familien, auch wenn bei ihnen die Anzahl der falsch verrechneten Tests tiefer liegt als bei uns», sagt Schir.
Betrug nach Test in Rapperswil
Etliche weitere Fälle sind dem «Kassensturz» bekannt. Die Gemeinsamkeit: Die Personen liessen sich tatsächlich einmal auf Covid-19 testen – teilweise gar beim gleichen Testzentrum, und zwar auf jenem auf dem Fischmarktplatz in Rapperswil‑Jona.
Inhaber dieses Zentrums ist ein Apotheker aus der Region. Doch es ist nicht etwa dieser Inhaber, der das grosse Geld machte, wie er auf Anfrage erklärt. «Ich war vorwiegend für die medizinische Qualität der Abstriche zuständig gewesen. Betrieben wurden die Testcenter von einer Drittfirma.»
Die Testdurchführung, das Erfassen der Daten und das Zustellen der Datensätze für die Abrechnung lagen gemäss dem Apotheker in der Verantwortung des Betreibers der Teststelle. «In welcher Form vom Betreiber Datensätze entwendet oder missbräuchlich verwendet wurden, kann ich nicht beurteilen», sagt der Apotheker, der anonym bleiben will.
20 Millionen Bundesgelder
Dies entspricht der Schilderung vom betroffenen Schir. «Auf der Krankenkassenabrechnung wird jeweils ein uns nicht bekannter Arzt als Leistungserbringer aufgeführt.» Und nicht etwa die Apotheke aus Rapperswil‑Jona.
Die Familie versuchte, die aufgeführten Ärzte zu kontaktieren. «Bei drei verschiedenen Ärzten sind wir am Ende bei der gleichen Hotline für Reklamationen gelandet.» Genützt hat es nichts.
Deshalb geht Schir davon aus, dass hinter dem Testbetrug eine oder mehrere Organisationen stecken. Ähnlich beurteilt das der Krankenkassenverband Santésuisse. Dank Rückmeldungen von Versicherten hat Santésuisse Unregelmässigkeiten festgestellt. Tests wurden teils doppelt und dreifach verrechnet.
Aktuell schätzt der Branchenverband, dass es sich bei rund einem Prozent aller Covid-19-Tests um Betrugsfälle handeln könnte. Das hört sich nach wenig an. Ist es aber nicht. Bundesgelder in der Höhe von rund 20 Millionen Franken könnten so in den Taschen von Betrügern gelandet sein, rechnet Santésuisse vor.
Noch keine Strafanträge
Keine so genauen Zahlen liefert der Bund. Allerdings sind verschiedene Meldungen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingegangen. «Alle Meldungen befinden sich derzeit in umfangreichen Sachverhaltsabklärungen», sagt Mediensprecher Grégoire Gogniat.
Dabei behalte sich das BAG «ausdrücklich vor, bei Missbrauchsverdacht rechtliche Schritte im Rahmen des gesetzlich Möglichen» einzuleiten, ergänzt er. Bislang sind laut Gogniat aber noch keine Strafanträge eingereicht worden. «Solange dieses Verfahren läuft, können wir keine Einzelheiten dazu bekannt geben.»
Weitere Teststellen betroffen
Rechtliche Schritte behält sich auch der Apotheker vor. Schliesslich hat die Firma, mit der er zusammenarbeitete, seinen Ruf geschädigt. Mehrere telefonische Rückmeldungen von Patienten habe er inzwischen bereinigen können.
Vom Betrugsfall ist aber nicht nur das Testzentrum in Rapperswil betroffen. Ganze 19 Teststellen verantwortete der Apotheker als fachtechnische Person zeitweilig im Kanton St. Gallen. Gemäss ihm sind in «einzelnen» davon Unregelmässigkeiten aufgetaucht. Die Zusammenarbeit mit der Drittfirma hat der Apotheker Anfang Februar beendet.
Aufruf an alle
Wie gross das Ausmass des Betrugsfalls tatsächlich ist, wird sich weisen. Mithelfen können dabei auch Versicherte. Denn nicht alle kontrollieren ihre Krankenkassenabrechnungen so gewissenhaft wie die Familie Schir.
Die Betrüger profitieren davon, «dass sich kaum jemand für die Krankenkassenabrechnung interessiert, wenn der Selbstbehalt bei null liegt», sagt Herbert Schir.
Darum sei es wichtig, dass nun viele Leute nachträglich ihre Abrechnungen der Krankenkasse kontrollieren. Nur so könne aufgezeigt werden, wie viele Tests missbräuchlich verrechnet wurden. Motivation dafür müsste es eigentlich genug geben. «Denn bezahlen müssen wir das schliesslich alle – als Steuerzahler», sagt Schir.
(Fabio Wyss)