Grossbaustelle in Gossau fordert ihr erstes Opfer
Sanierung der Grütstrasse
Am Montag beginnen die zweijährigen Sanierungsarbeiten an der Grütstrasse. Das bereitet dem Gewerbe sorgen. Ein Geschäft zieht sogar den Stecker.
Ein riesiges Bauprojekt wird für die Gossauerinnen und Gossauer in wenigen Tagen Realität. Grosse Baumaschinen fahren am Montag auf der Grütstrasse – mitten im Dorfzentrum – auf. Während der Durchgangsverkehr die Grossbaustelle meiden kann, muss das lokale Gewerbe mit den Konsequenzen über zwei Jahre hinweg leben.
Viele Informationen zirkulierten im Vorfeld. Gemeindepräsident Jörg Kündig (FDP) und Vertreter der Baudirektion standen Ende Oktober 2024 gar in einer Videokonferenz den Fragen aus der Bevölkerung Rede und Antwort.
Und doch herrscht im Dorf nach wie vor Ungewissheit. Denn wie sich die Totalsanierung der Grütstrasse auswirken wird, ist erst ab kommendem Montag absehbar. Dann beginnt der Kanton mit den Bauarbeiten.
Für einige Gewerbetreibende ist mit der Baustelle ein grosses unternehmerisches Risiko verbunden. Eine Papeterie rechnet gar mit fatalen Einbussen, weshalb die Betreiberin vorsorglich gleich selbst den Schlussstrich zieht und ihren Laden bewusst und doch unfreiwillig schliesst.
Ein trauriges Ende
«Es fällt uns schwer, diesen Schritt zu gehen, doch die Umstände lassen uns keine andere Wahl», heisst es in einem Schreiben der Papeterie Kostbarkeiten, die seit 32 Jahren an der Grütstrasse ansässig ist.
Wegen der Bauarbeiten geht dieses Kapitel Ende Januar jedoch definitiv zu Ende. «Es gab tatsächlich treue Kunden im Laden, die zu Tränen gerührt waren», sagt Fabienne Pause hinter der Theke ihrer Papeterie, die sie über fünfeinhalb Jahre geführt hat. Auch wenige Tage vor Baubeginn bedient sie noch Laufkundschaft im Fünfminutentakt. Generell hat es dem Geschäft nicht an Umsatz gefehlt.
Dass die vom Kanton initiierte Strassensanierung ihr Geschäft ruinieren würde, hätte sie sich vor einem Jahr noch nicht vorstellen können. Vor einiger Zeit hatte sie noch Geld investiert, um in einem Nebenraum künftig ein kleines Café einzurichten.
Umzug keine Option
«Da die Bauarbeiten direkt vor meiner Ladentür verlaufen und die Strasse fast unmittelbar an das Geschäft heran erweitert wird, blieb mir keine andere Wahl, als das Ladenlokal endgültig zu schliessen», erklärt Pause.

Die Papeterie lebte nicht nur von treuen Firmenkunden aus dem Dorf und der Umgebung, sondern auch von langjährigen Stammkunden, die das vielfältige Sortiment und die unkomplizierte Parkmöglichkeit schätzten. Zudem profitierte das Geschäft merklich von Durchreisenden, die spontan einen Einkauf tätigten. «Ich hatte Kunden aus der ganzen Region – sogar aus Egg kamen sie zu uns.»
Ein Umzug in eine Nebenstrasse kam für sie dennoch nicht infrage. «An einem weniger zentralen Ort würde mein Umsatz wohl um 30 Prozent einbrechen – das wäre für mich nicht tragbar», betont Pause. Sie war auf die rund 9000 Fahrzeuge angewiesen, die täglich die Grütstrasse passieren.

Pause nimmt die Situation so, wie sie ist. Dennoch blieb ihr ein schmerzhafter Schritt nicht erspart: Sie musste ihre langjährige Mitarbeiterin, die sich dem Pensionsalter nähert, entlassen. «Das war nicht einfach für mich», gibt sie zu.
Alternativ baut sie nun ihren Webshop aus. Zukünftig liefert sie Bestellungen von Firmen- und Privatkunden direkt und kostenlos in deren Briefkästen. «Das ist ein kleiner Trost, aber in dieser Bauphase bleibt mir keine andere Wahl.» Sie will aktiv bleiben und prüfen, welche Alternativen sich in Zukunft für ihre treue Kundschaft ergeben könnten.
Viele Kunden gehen davon aus, dass sie vom Kanton eine Abfindung erhalten würde. Doch Pause stellt klar: «Wir haben Gespräche geführt – das ist leider nicht der Fall.» Gleichzeitig lobt sie die Baudirektion für deren professionelle und freundliche Kommunikation. Auch seitens der federführenden Firma wurde sie kompetent begleitet: «Ein Projektleiter bedauerte mir gegenüber ausdrücklich die Schliessung des Ladens.»
Dank ihrem verständnisvollen Vermieter und einem kulanten Mietvertrag konnte Fabienne Pause rechtzeitig kündigen und so vermeiden, noch länger Miete für ein Geschäft zahlen zu müssen, dass sie nicht mehr betreiben kann.
Wer weiterhin Büro- und Papeterieartikel bei Kostbarkeiten kaufen möchte, kann dies über den Webshop www.kostbarkeiten.store, unter Telefon 044 936 21 12 oder per WhatsApp via 079 131 44 24 tun. Auch per E-Mail ist eine Bestellung möglich: willkommen@kostbarkeiten.store.
Keine Sorgen im «Frohsinn»
Während die Tage der Papeterie gezählt sind, hofft ein Gastro-Betrieb gar auf noch mehr Kundschaft. Im Restaurant Frohsinn, wo Arbeiterznüni und Mittagessen von Bedeutung sind, ist die Stimmung deshalb eine ganz andere. Beim Gedanken an die Grossbaustelle in unmittelbarer Nähe vielleicht etwas unerwartet. «Wir bleiben definitiv offen und hoffen auf unsere treue Stammkundschaft», sagt eine Serviceangestellte.

Zudem verspreche man sich durch die vielen Bauarbeiter auch mehr Gäste, weshalb ihre Bedenken grösstenteils entfallen würden. Auch um den Zugang zur Gaststätte müssen sich die Betreiber glücklicherweise keine Sorgen machen. «Zumindest zu Fuss können uns alle erreichen.»
«Etwas Panik»
Um Kundschaft musste sich die Dorfapotheke bis anhin nicht bemühen – im Gegenteil. Laut der Geschäftsführerin Elisabeth Bender laufen die Geschäfte besser als je zuvor. Im vergangenen Jahr hat die Apotheke ihren Kundenstamm gar deutlich ausbauen können.
So kaufen mittlerweile auch Leute aus Mönchaltorf, Oetwil und Esslingen ihre Medikamente an der Grütstrasse 49. «Es gibt einen engeren Austausch mit den Dorfbewohnern, was automatisch zu mehr Nähe führt», sagt Bender. So habe sie auch vom Ende der Papeterie in unmittelbarer Nähe erfahren, was sie hinsichtlich des Kleingewerbes in Gossau doch etwas traurig stimme.

«Es ist einfach schade, wenn eine Baustelle derartige Auswirkungen hat.» Der Besitzer der Apotheke sei gar etwas in Panik geraten, als er erstmals von den Bauarbeiten erfahren habe. Die Geschäftsführerin steckte den Kopf jedoch nicht in den Sand und wurde schon vorausschauend aktiv. «Da uns nicht mehr alle Kunden erreichen können, erreichen wir eben sie», betont Bender.
Ein kostenloser Lieferdienst wird dies ab nächster Woche bewerkstelligen. Wer die gewünschten Produkte per Telefon oder E-Mail bestellt, erhält sie noch am selben Tag. Ein Wermutstropfen bleibt aber: Die Lieferungen sind von Gesetzes wegen nur an bestehende Kunden möglich.

«Wer zumindest von unserer Strassenseite her zu uns gelangen kann, wird sich wohl nicht allzu sehr über den Staub und Lärm ärgern», vermutet Bender ganz allgemein. Zudem hofft sie, dass die Umfahrungen und Zufahrten über Umwege doch noch eine gewisse Zugänglichkeit gewähren werden.
«Ich arbeite seit Jahrzehnten in der Branche und habe trotz meiner deutschen Herkunft noch nie freundlichere Kundschaft als in Gossau erlebt», meint Bender schmunzelnd. Was sie sich mit ihrem Team aufgebaut hat, möchte sie keinesfalls verlieren.
Der Techniker nimmt es gelassen
Völlig entspannt blickt Josef Gruber vom Technikgeschäft Radio Gruber (seit 1983) auf die kommenden zwei Jahre. Da er nicht genau wisse, wie sich die Baustelle auf sein Geschäft auswirke, könne er sich auch keine konkreten Sorgen machen. «Mit meinen 71 Jahren nehme ich es relativ gelassen. Nur ein Schreiben, das ich kürzlich erhielt, sorgte für etwas Verwirrung.»



Er sei darüber informiert worden, dass seine Ladentür für eine gewisse Zeit nicht mehr zugänglich sein werde, man dafür einen Zugang auf der westlichen Seite ermöglichen wolle. «Sie meinten wohl die östliche Seite, denn auf der westlichen Seite habe ich nur ein Fenster, da kann man nicht durchbrechen», sagt Gruber schmunzelnd.
Ansonsten will er auf Probleme, die während der Bauphase entstehen könnten, situativ reagieren. Zwar habe er Laufkundschaft, doch sei er mittlerweile mehr mit technischen Supportaufgaben beschäftigt. Viele seiner Kunden würden ihn ohnehin kennen und sicherlich um die baldigen Einschränkungen wissen.