«Greifensee ist für mich Erholung und Selfcare»
Umtriebiger Musiker
Zwischen Theaterbühne, Studio und röhrendem Progressive Metal: Timo Meier sucht immer wieder die Ruhe am Greifensee. Der Musiker erzählt von seinem Burn-out.
Kaum Zeit fürs Privatleben, dafür Abend für Abend Leistung auf der Bühne: Die Themen Musik und Mental Health wurden lange kaum zusammengebracht. Auch der Musiker Timo Meier alias Max Apollo aus Greifensee teilte auf seinem Instagram-Profil ein ehrliches Statement, was passieren kann, wenn man ans Limit kommt: Burn-out und Druck, als Künstler permanent funktionieren zu müssen.
Mittlerweile steht der 29-Jährige wieder auf der Bühne, unter anderem Anfang Juli im Theater Rigiblick bei «Tribute to Queen». Doch wie geht es ihm heute – und was ist aus seiner eigenen Musik geworden?
Wir treffen uns am Greifensee. «Ich hätte es vor ein paar Wochen gar nicht bis hierher an den Greifensee geschafft», sagt der 29-Jährige beim Gespräch am Ufer. Bis vor Kurzem lief er noch an Krücken, die Hüfte machte Probleme.
Für den 29-Jährigen ist der körperliche Schmerz jedoch nur ein Teil einer grösseren Veränderung. Seit letztem Herbst erlebe er einen «krassen Umbruch». Vieles habe er verschieben müssen, weil er schlicht nicht mobil genug gewesen sei. «Aber ich habe brav aufs Dafalgan gebissen», sagt er und verzieht das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
Ein Heimspiel am Open Air Greifensee
Dabei hat für den Musiker alles vielversprechend begonnen. 2019 stand Meier als Max Apollo bereits auf der Bühne des Open Airs am Greifensee. Rückblickend sei dieses «Heimspiel» aber fast etwas zu früh gekommen. «Manchmal wünsche ich mir, das noch einmal erleben zu dürfen», sagt er etwas wehmütig. Das Soloprojekt habe damals gerade Aufwind gehabt – «doch dann kam Corona». Momentan steht auf der Website von Max Apollo lediglich: «Back soon.»

Obwohl die Pandemie schon rund sechs Jahre her ist, spüre die Musikbranche die Folgen davon noch immer. «Das dauert, bis die ganze Maschinerie wieder anläuft.» Viele Kulturschaffende arbeiteten permanent am Limit. Das Geld sei oft knapp. «Viele waren schon einmal in der Psychiatrie, mussten einen Kredit aufnehmen oder haben sich komplett aus der Musikszene zurückgezogen», sagt Meier offen. Bei ihm war es vor allem die Gesundheit, die sein Soloprojekt in die Warteposition brachte.
Dicht getakteter Künstleralltag
Dabei wirkt Meier eigentlich wie jemand, der kaum stillstehen kann. Der Greifenseer lebt heute in Zürich, arbeitet als Musikredaktor bei Radio SRF Virus, gibt Gesangscoachings in seinem Studio in Dietikon und stand kürzlich mit einer Progressive Metal Band im Studio. Daneben entwickelte er mit einem Freund auch noch eine Musikshow fürs Theater zu Hip-Hop.
Nach aussen wirkt das wie ein kreatives Leben im Dauerlauf. Doch genau dieser Rhythmus brachte ihn nach der Pandemie an einen Punkt, an dem irgendwann nichts mehr ging. 2022 erlitt Meier ein Burn-out.
«Ich lebe mit ziemlich ausgeprägtem ADHS und habe das zwar seit meiner Kindheit gewusst, im Alltag jedoch lange einfach wegignoriert.» Gleichzeitig investierte er fast jede freie Minute in sein Soloprojekt «Max Apollo». Geld floss in Studioaufnahmen, Instrumente und Produktionen, freie Tage gab es kaum.
«Das war für mich der Punkt, an dem ich entschieden habe, fortan in Therapie zu gehen.
Timo Meier alias Max Apollo
Musiker und Redaktor
Die Erschöpfung traf ihn mit voller Wucht. «Als ein Todesfall in meiner Familie dazukam, platzte mir im Moment X einfach die ganze Überstimulierung des letzten Jahrzehnts aus mir heraus», erzählt der Musiker. Jahrelange Reizüberflutung, permanenter Druck und das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, hätten sich damals entladen.
«Das war für mich der Punkt, an dem ich entschieden habe, fortan in Therapie zu gehen und zu lernen, mit meiner Superkraft, dem ADHS umzugehen.» Geholfen habe ihm, dass er sich für mehrere Wochen komplett aus allen Tätigkeiten ausklinken konnte.
Er begann analog zu fotografieren. «Ich schleppte mich aus dem Haus und begann ein Auge für die kleinen und schönen Dinge zu entwickeln.» Zudem habe er Unterstützung von seiner damaligen Freundin erhalten. «Sie war echt in jeder Situation für mich da.» So hat er langsam den Weg aus der schwierigen Situation herausgefunden.
Zurück in die Natur
Bis heute bleibt seine Heimat für ihn eine wichtige Ressource. «Greifensee ist für mich Erholung und Selfcare», sagt er. Oft besuche er seine Mutter oder treffe alte Freunde in der Furen-Badi. «Manchmal sage ich aber auch bewusst niemandem, dass ich hier bin. Dann gehe ich allein spazieren.» In Greifensee sei er weder Musiker noch Redaktor, «sondern einfach ich selbst».
Dabei wurde genau hier vor knapp 15 Jahren der Grundstein für seine Musikerlaufbahn gelegt. Oft fuhr Meier als Jugendlicher mit der alten Gitarre seiner Grossmutter ans Ufer, schrieb erste Liedtexte oder traf sich mit Bandkollegen.
«Jedenfalls war Greifensee an sich der Grund, überhaupt Lieder zu schreiben.» Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass er mit der Gitarre vielleicht auch «ein ganz kleines bitzeli» die Aufmerksamkeit der Mädchen habe auf sich ziehen wollen. «Wenn ich dann tatsächlich auf Interesse gestossen bin, war ich meistens viel zu nervös, um zu reagieren», sagt er.
Als Knirps an der Trommel
Aufgewachsen ist Meier in einem alten Bauernhaus am Waldrand. Zu Hause stand ein altes Klavier, auf dem er als Kind herumklimperte, auf dem Estrich ein kaputtes Schlagzeug. Später erhielt er zunächst Trommelunterricht, danach Klavierstunden. «Da habe ich selbst noch nicht einmal über die Tasten und den Trommelrand hinausgesehen», sagt er und lacht.
Seine ersten grösseren Bühnenerfahrungen sammelte er als Schlagzeuger der Band Pablo Infernal, die in Greifensee entstand und 2016 für «SRF 3 Best Talent» nominiert wurde. «Die Band rockt, und zwar höllisch», schrieb SRF damals. Meier verliess die Band allerdings noch vor dem Release des Albums «Lightning Love» im Herbst 2015.
«Für mich ist Musik wie ein guter süsser Kuchen. Und ich will einfach immer noch mehr davon.»
Timo Meier
Musiker
Heute sagt Meier bei den meisten musikalischen Anfragen wieder spontan Ja. «Für mich ist Musik wie ein guter süsser Kuchen. Und ich will einfach immer noch mehr davon», sagt er und lacht.
Meier hat in den vergangenen Jahren gelernt, besser auf sich selbst zu hören. «Es geht mir definitiv viel besser heute. Der Hunger auf den süssen Kuchen ist zwar immer noch gleich gross, aber ich spüre früher, ob mich etwas tendenziell überfordern könnte, bevor ich zusage.»
Kürzlich nahm er ein Progressive Metal Album mit «One Lunar Day» auf. Dies mit sechs Berufsmusikern. Die Aufnahmen seien zwar abgeschlossen, doch es gebe einen Haken: «Versuche einmal, sechs Berufsmusiker an einem Datum in denselben Raum zu bekommen», sagt er und schmunzelt.
Hip-Hop im Theater
Denn Timo Meier wirkt aktuell schon wieder ziemlich eingebunden. Gemeinsam mit einem Freund entwickelte er für das Theater Rigiblick die Show «Punchlines und Protokoll». «Es ist schon verrückt, eine Idee zu haben und sie kurze Zeit später umsetzen zu können», sagt er. Das Konzept der Show beschreibt Meier so: «Es soll sich anfühlen, als würde man nachts um zwei mit den Musikern im Wohnzimmer sitzen und mit ihnen sprechen.»
Anfangs sei vor allem klassisches Rigiblick-Publikum im Saal gesessen. «Mittlerweile kommen aber mehr Leute aus der Hip-Hop-Szene.» Es freue ihn, dadurch auch ein anderes Publikum ins Theater zu bringen.
Daneben prägt Meier auch das Musikprogramm von Radio SRF Virus mit. Als Musikredaktor entscheidet er, welche Songs auf dem Sender laufen. «Ich habe den besten Bürojob der Welt», sagt er und schmunzelt. Wenn es mal um seine eigenen Songs geht, muss er bei Sitzungen in den Ausstand treten. «Da gelten für alle Musiker intern dieselben Regeln», sagt er.
Privat steht für Meier derzeit vieles auf Neuanfang. Aktuell sucht er eine Wohnung in Winterthur. Die zweitgrösste Stadt des Kantons sei für ihn ein Mittelweg zwischen Zürich und der Region Greifensee, wo er aufgewachsen ist. «Nach Uster zu ziehen, würde sich für mich wie ein Zurückgehen anfühlen.»
An Winterthur mag er die Mischung aus Kultur, Grünräumen und Offenheit. «Viel Kunst, viel Laissez-faire, viel Grün.» Das passe zu ihm. Wie es mit seinem Soloprojekt «Max Apollo» weitergeht, das steht jedoch noch etwas in den Sternen.