Die Hausärzte, die nur Hausbesuche machen
Hausarzt-Serie
Der Hausarzt, der zum Patienten nach Hause kommt – das gibt es heute fast nicht mehr. Ausser die SOS-Ärzte, die täglich auch im Oberland unterwegs sind und unter speziellen Bedingungen arbeiten.
Der 81-jährige Mann, der am Tisch in einer ruhigen Ecke des Pflegeheims sitzt, gibt nett und ausserordentlich klar formuliert Antwort auf jede Frage, die ihm Dr. med. Jan Röhmer stellt. Ebenso klar sagt er schon kurz nach Gesprächsbeginn, «ich werde mich demnächst verabschieden».
Wie er sich von dieser Welt für immer verabschieden wird, das erläutert er zwar nicht. Aber er weiss es schon sehr genau, da er früher selbst im medizinischen Bereich tätig war: «Ich kenne die todsicheren Methoden.» Dann steht er auf, sagt «Adieu» und geht in sein Zimmer; er möchte jetzt schlafen.
Entscheiden in einer kritischen Situation
«Isch schwierig», fasst Röhmer in zwei Worten eine komplexe und kritische, weil vielleicht schon bald tödliche Situation zusammen, die jeden Durchschnittsmenschen ratlos zurücklassen würde. Der Arzt jedoch wägt ab, was er gerade in seinem geschickt geführten Anamnesegespräch erfahren hat, diskutiert nochmals kurz mit einer ebenfalls anwesenden Pflegefachkraft des Heims und fällt nun einen Entscheid: Er verzichtet vorerst auf die im Raum stehende, extrem einschneidende Zwangseinweisung des Seniors in eine psychiatrische Klinik. Er verordnet jedoch eine Änderung in der Medikation des Mannes. Der 81-Jährige wird ab sofort zwei Tabletten statt wie bisher nur eine Tablette eines Medikamentes nehmen, welches belastende Impulse wie Angst oder depressive Verstimmung reduziert.
Hohe «Erfolgsquote»
Der Einsatz war Hausarztmedizin, wie sie sein sollte: patientenzentriert, kompakt und mit einer praktikablen Lösung, die dem Betroffenen ermöglicht, weiter in seiner gewohnten Umgebung zu leben. Und es war ein typischer Einsatz, wie ihn Jan Röhmer und seine Kolleginnen und Kollegen der Firma mit dem etwas sperrigen Namen «SOS AERZTE Turicum AG» täglich leisten.
Denn die SOS-Ärzte machen – völlig entgegen der Situation ihrer niedergelassenen Kollegen – nur Hausbesuche. Wobei dieses «Haus» auch ein Hotel, ein Gefängnis, ein Polizeiposten, eine Schule oder eben ein Pflegeheim sein kann. Und immer treffen sie dort auf Patientinnen oder Patienten, die sie in ihrem Leben erstmals (und nachher kaum je wieder) sehen, müssen sich in allerkürzester Zeit ein Bild über diese Menschen und ihre gesundheitlichen und oft auch psychosozialen Probleme machen und dann eine Entscheidung treffen. Sprich: irgendwie helfen.
Und das schaffen sie fast immer, wie Röhmer, der Ärztlicher Leiter der SOS-Ärzte ist, nicht ohne Stolz sagt. Auch wenn «helfen» bedeuten kann, dass ein Mensch zur genaueren Diagnostik oder intensiveren Behandlung ins Spital eingewiesen werden muss, wie das in etwa 15 Prozent der Fälle geschehe.
Unsere Mitarbeitenden brauchen mehr als rein medizinisches Wissen, um zu reüssieren.
Dr. Jan Röhmer
Ärztlicher Leiter SOS-Ärzte
Gegen 40 Ärztinnen und Ärzte, oft in Teilzeitpensen angestellt, sind für das Unternehmen unterwegs. Um mit der sehr besonderen Situation der Hausbesuche bei völlig Unbekannten klarzukommen, «brauchen unsere Mitarbeitenden mehr als rein medizinisches Wissen, um zu reüssieren», betont Röhmer.
Gefragt sei «eine enorme Kommunikationsfähigkeit», um das gesundheitliche Problem schnell und möglichst sicher, aber trotzdem «auf feinfühlige Art» zu erfassen. Denn «wir sind ‹blutt› dort, ohne einen riesigen Apparat im Hintergrund wie beispielsweise in einem Spital». Steht der Einzelkämpfer SOS-Arzt einmal an oder möchte er sich wegen einer unklaren oder kritischen Situation dennoch eine Zweitmeinung einholen, ist aber jederzeit ein Einsatzleiter telefonisch erreichbar.
Spezialauftrag: Prüfungen der Hafterstehungsfähigkeit
Das seit 30 Jahren bestehende Unternehmen, dessen ungewöhnliches Konzept sich ursprünglich an eine sehr ähnliche Organisation in Frankreich anlehnt, hat seit mehreren Jahren einen Leistungsauftrag der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich für die ambulante Grundversorgung. Die Firma, die zu einem kleinen Teil noch Spezialaufgaben wie grosse Impfaktionen oder für die Polizei gegen 2500 Prüfungen der Hafterstehungsfähigkeit pro Jahr ausführt, ist eine vom Schweizer Ärzte-Berufsverband FMH anerkannte Weiterbildungsstätte für Innere Medizin und Psychiatrie.
Psychiatrie, weil mittlerweile rund 30 Prozent aller Patienten auch irgendein psychisches Problem haben. Tendenz: steigend. Weitere häufige Gründe für die Hausbesuche sind Infektionskrankheiten, Beschwerden am Bewegungsapparat (mit dem Klassiker Rückenschmerzen), Herz-Kreislauf-Probleme.
Bei Bedarf wird gleich vor Ort genäht
Angefordert werden kann ein SOS-Arzt rund um die Uhr von jedermann. Und sofern die firmeneigene Einsatzzentrale ein Ausrücken als nötig einstuft und nicht zu einer anderen Lösung wie dem Gang in eine Apotheke rät, wird der Hausbesuch gemacht.
Es sind permanent zwei bis sechs der Mediziner auf Achse: in einem Kleinwagen in weiss-orangem Design, einheitlich ausgerüstet mit allem, was es für Hausbesuche braucht. Inklusive unter anderem ein EKG-Gerät, Urin-Katheter sowie Material, um gleich vor Ort Wunden zu nähen. Zudem führen die Ärzte Kleinstportionen von Medikamenten mit, die abgegeben werden können.
Von seinem Sitz in der Stadt Zürich aus betreut das Unternehmen zwei Drittel des Kantons. Dazu gehört auch das Zürcher Oberland, wo die auffälligen Einsatzfahrzeuge täglich zu sehen sind. Jan Röhmer, der als Chef regelmässig noch selbst im «Aussendienst» ist, ist im Oberland zudem als Notarzt des regionalen Rettungsdiensts Regio 144 aktiv.
Wir können und wollen die niedergelassenen Hausärzte nicht ersetzen.
Jan Röhmer
Ein Hausarzt, der um 3 Uhr oder am Sonntag zu mir kommt: Ist das überhaupt bezahlbar? Ja, sagt Röhmer. Man verrechne nach dem schweizweit einheitlichen Tardoc-Tarif für ambulante Leistungen.
«Unsere Arbeit kostet gleich viel, wie wenn ein niedergelassener Hausarzt einen Hausbesuch macht.» Der Durchschnittsbetrag der Rechnung für einen Hausbesuch belaufe sich etwa auf 250 Franken.
Die Firma, die wegen hoher Investitionen vor allem im IT-Bereich laut eigenen Angaben derzeit trotz jährlich beinahe 25’000 Patientenkontakten am Telefon und vor Ort einen eher bescheidenen Gewinn ausweist, will im kleinen Rahmen expandieren. Auch wenn gelegentlich fast flehende Anfragen von anderen, hausärztlich besonders unterversorgten Kantonen kommen, ob man nicht noch bei ihnen aktiv werden könne.
Ganz wichtig bei einem Ausbau bleibt für Jan Röhmer aber: «Wir können und wollen die niedergelassenen Hausärzte nicht ersetzen.» Denn die SOS-Ärzte würden nur «mobile Krisenintervention» machen. Für allfällige Folgekonsultationen oder vertiefte Abklärungen jedoch brauche es weiterhin die anderen Haus- und Fachärzte.
Hausärzte heute
Als Grundversorger bezeichnet man die Hausärztinnen und Hausärzte auch, weil sie die tragenden Säulen des Schweizer Gesundheitssystems sind. Doch die Grundversorger sind mit grundlegenden Problemen konfrontiert, unter anderem mit Nachwuchssorgen in den eigenen Reihen.
In einer kleinen Serie, die mit Unterstützung der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Zürcher Oberlandes (AGZO) zustande kam, beleuchten wir die Lage in der Region. Mit dem vorliegenden Beitrag über die SOS-Ärzte endet die Serie. (ehi)
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