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Leiden im Verborgenen

Wetzikerin hilft Müttern im Kampf gegen postpartale Depressionen

Natascha Gartmann kümmert sich um Frauen, die nach der Geburt ihres Kindes nicht mehr in den Alltag zurückfinden. Ein Krankheitsbild, das sie am eigenen Leib kennen lernen musste.

Natascha Gartmann aus Wetzikon betreut Mütter, die mit einer postpartalen Depression zu kämpfen haben.

Foto: privat

Wetzikerin hilft Müttern im Kampf gegen postpartale Depressionen

Leiden im Verborgenen

Natascha Gartmann aus Wetzikon kümmert sich um Frauen, die nach der Geburt ihres Kinds nicht mehr in den Alltag zurückfinden. Ein Krankheitsbild, das sie am eigenen Leib kennenlernen musste.

Das Baby weint, die Mama ist müde, und nun fällt auch noch der frisch gewärmte Schoppen auf den Boden. Es folgt der Nervenzusammenbruch: Die Mutter schreit, Aggressionen platzen aus ihr heraus, die sich gegen Mann und Kind richten. Dabei wollte sie genau das nicht.

Dieses Szenario ist Natascha Gartmann aus Wetzikon bestens bekannt. Sie betreut Mütter, die an einer postpartalen Depression (PPD) erkrankt sind. Anders als beim Babyblues, den viele frischgebackene Mütter in den ersten Tagen nach der Geburt erleben, kommen die betroffenen Frauen für Wochen oder Monate nicht aus dem emotionalen Tief heraus.

Jährlich erkranken in der Schweiz rund 13’000 Frauen nach der Geburt ihres Kinds an einer postpartalen Depression. Zum Krankheitsbild gehören unter anderem Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Appetitstörungen, Aggressionen, Schuldgefühle, keine oder ablehnende Gefühle gegenüber dem Kind, Ängste und Panikattacken oder Suizidgedanken. Die Dauer einer PPD beträgt in der Regel mehrere Monate, kann aber bis zu einem Jahr anhalten.

Der Begriff postnatale Depression ist ebenfalls geläufig. Dies bedeutet «nach der Geburt» und betrifft eigentlich das Kind, während postpartal «nach dem Gebären» bedeutet und sich auf die Mutter bezieht.

«Sie können dann im Extremfall die Grundbedürfnisse ihres Kinds nicht mehr erfüllen, was sehr gefährlich werden kann», sagt Gartmann. Seit sieben Jahren ist sie selbständige Pflegefachfrau in der ambulanten psychiatrischen Spitex. Vor fünf Jahren hat sie sich auf postpartale Depressionen spezialisiert.

Sie selbst hatte vor ihrer Schwangerschaft schon einige depressive Episoden. Mit wachsendem Kinderwunsch wollte sie sich gezielt mit dem drohenden Risiko auseinandersetzen. Denn wer schon früher mit Depressionen zu kämpfen hatte, ist tatsächlich eher gefährdet, nach der Geburt in eine PPD zu rutschen. «Ich wollte frühzeitig wissen, was mir für Möglichkeiten offenstehen, um Hilfe zu holen, sollte es bei mir tatsächlich auch so weit kommen», sagt die heute 35-Jährige.

Scham und Angstgefühle dominieren

Das Ergebnis: ernüchternd. «Kaum jemand hatte sich damals auf dieses Thema spezialisiert, auch die Forschung dazu war überschaubar.» Dasselbe galt für Weiterbildungsmöglichkeiten. «Trotzdem stürzte ich mich in das Thema, saugte alles auf.» Sie begann, ihr Angebot auf diesen Themenbereich zu konzentrieren.

In den letzten fünf Jahren nahm sie diesbezüglich einige Veränderungen wahr. Mittlerweile sind es eine Handvoll Pflegefachpersonen, die sich auf PPD spezialisiert haben. «Doch es ist noch ein weiter Weg zu gehen», sagt Gartmann.

Denn die Betroffenen leiden oft im Verborgenen. «Sie schämen sich für ihren Zustand und ihre Gefühle.» Manchmal haben Frauen sogar Angst, dass ihnen ihr Kind von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) sofort weggenommen wird, wenn sie eingestehen, nicht alles im Griff zu haben. «Das stimmt natürlich nicht.»

Stationärer Aufenthalt in Extremfällen

Die grössten Risikofaktoren für eine PPD neben einer vorgängigen Depression seien Konflikte in der Partnerschaft und ein fehlendes soziales Umfeld, zählt Natascha Gartmann auf. Die Gefahren, die damit einhergehen, sind vielfältig. «Es kann sein, dass die Mutter in eine chronische Depression fällt, die sie im schlimmsten Fall bis an ihr Lebensende nicht mehr loslässt.» Auch könnte die Bindung zum Neugeborenen gestört werden. Selten werden die Mütter auch von Gedanken über Suizid und Kindstötung heimgesucht.

Mit solchen Herausforderungen war auch sie schon bei ihren Klientinnen konfrontiert. «Wenn mir ein Vater sagt, seine Frau habe schon einen Abschiedsbrief geschrieben, läuten alle Alarmglocken.» Als letzter Ausweg werden diese Mütter stationär untergebracht. «Im besten Fall mit ihrem Einverständnis – aber das ist leider nicht immer gegeben.»

Aber auch Väter können an einer PPD erkranken – meist zeitlich etwas versetzt. Sie erleben ihren Tiefpunkt oft erst, wenn das Kind etwa ein Jahr alt ist. «Dann ist die Mutter meistens aus dem Gröbsten raus, und die Väter scheinen ihre Schwäche endlich zeigen zu können.»

Wobei sich eine PPD bei einem Mann ganz anders zeigt als bei einer Frau. Sie fallen dann oft in einen exzessiven Lebensstil, häufig ist auch Alkohol im Spiel, die Gewaltbereitschaft steigt, sowohl verbal als auch physisch. «Und sie sind noch zurückhaltender, wenn es darum geht, Hilfe anzunehmen.»

Kein «zu früh» für Hilfe

Dabei sei genau dies – wie bei vielen psychischen Krankheiten – der wichtigste Schritt: der Entscheid, sich Unterstützung zu suchen. «Dabei gibt es meiner Meinung nach kein ‹zu früh›», betont Gartmann. «Wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt, sollte man darüber sprechen.»

Das müsse auf keinen Fall gleich eine offizielle Anlaufstelle sein. «Eine Freundin oder eine verwandte Person, die bereits Kinder hat, kann meistens gleich bestätigen, dass es in den meisten Familien nicht immer so rosig zu und her geht, wie man vielleicht denkt. Man ist nicht allein.»

Wenn es dann doch professionelle Hilfe braucht, kommt Natascha Gartmann ins Spiel. Es gebe zwar lange Wartelisten für die Behandlung bei Psychiatern. Das alternative Angebot der ambulanten psychiatrischen Spitex sei aber noch kaum bekannt. Dabei braucht es lediglich die Verordnung eines Arztes – das kann der Hausarzt oder der Frauenarzt sein –, und die Krankenkasse übernimmt die Kosten.

Natascha Gartmann aus Wetzikon betreut Mütter, die mit einer postpartalen Depression zu kämpfen haben.
Natascha Gartmann besucht ihre Klientinnen jeweils zu Hause.

Natascha Gartmann begleitet ihre Klientinnen im Durchschnitt sechs bis neun Monate und besucht sie je nach Schweregrad der Depression ein- bis dreimal pro Woche. «Von den Müttern erhalte ich oft die Rückmeldung, dass es nur schon geholfen hat, dass jemand da war und richtig zugehört hat.» Auch gehe sie mit ihnen durch den Alltag und bestärke sie, wo nur möglich. Dazu gehört unter anderem gezielte Expositionstherapie.

«So kann etwa der erste Einkauf allein mit dem Baby grosse Ängste auslösen.» Was mache ich, wenn das Kind im Laden schreit? Was, wenn ich selbst einen Nervenzusammenbruch in der Öffentlichkeit erleide? Solche Fragen können bei depressiven Müttern zu grossen Krisen führen. «Im Nachhinein merken sie meist, dass alles gar nicht so schlimm war. Und das nächste Mal warte ich draussen vor dem Laden.»

Sie empfiehlt den Eltern zudem, bereits während der Schwangerschaft neben dem Geburtsvorbereitungskurs auch Kurse zu besuchen, die sich mit der Zeit danach auseinandersetzen. «Die Geburt ist ein einmaliges Erlebnis – was danach kommt, ist viel anstrengender.»

Schritt von innen nach aussen

Obwohl oder gerade weil Natascha Gartmann selbst Expertin auf dem Gebiet ist, fiel sie in ein Loch, als ihr Sohn vor vier Jahren auf die Welt kam. «Er hat lange kaum geschlafen, wollte immer herumgetragen werden, brauchte extrem viel Zuwendung», erinnert sie sich. «Ich war am Ende.»

Doch mit all dem Fachwissen im Hinterkopf habe sie sich stets gesagt, sie wisse ja, wie damit umzugehen sei und wo Hilfe zu holen wäre. «Aber ich habe sie nicht in Anspruch genommen. Gerade weil ich ja eigentlich die Fachperson bin, hatten bei mir Scham und Schuldgefühle die Überhand gewonnen.» Ihr Umfeld habe nichts gesagt. «Sie haben sich wohl nicht getraut», meint Gartmann schmunzelnd. «Aber ich war sicher von mehr als nur dem Babyblues betroffen.»

Mit dieser eigenen Erfahrung im Hinterkopf betont sie umso mehr, wie wichtig es ist, «den Schritt von innen nach aussen» zu schaffen. «Eine postpartale Depression kann bewältigt werden. Aber nur, wenn man sich helfen lässt.»

Weitere Informationen zur Bewältigung von postpartalen Depressionen sind online auf www.nataschagartmann.ch oder auf der Website www.postpartale-depression.ch des Vereins Postpartale Depression Schweiz zu finden.

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