«Das MS-Zentrum ist das Haus und der Kompass für MS in der Schweiz»
Die Gesellschaft für Multiple Sklerose ist mit dem Hauptsitz nach Effretikon gezogen. Dort entstand neuer Raum für Austausch und Unterstützung. Ein Vorstandsmitglied erzählt über die Vision und führt durchs neue Haus.
Die Schweizerische Gesellschaft für Multiple Sklerose (MS) träumt seit 2018 von einem modernen Zentrum, das nicht nur als Arbeitsort für Mitarbeitende dient, sondern auch als Treffpunkt für Betroffene und Angehörige fungiert.
Im Frühjahr ist der Hauptsitz von Zürich in die Überbauung Rütlihof beim Bahnhof Effretikon verlegt worden – die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 12 Millionen Franken. Und mit dem neuen Standort ist nun auch der langersehnte Wunsch in Erfüllung gegangen.
Am Samstag, 30. August, öffnet das neue MS-Zentrum offiziell seine Türen. Martina Tomaschett ist seit Juni 2021 Vorstandsmitglied in der MS-Gesellschaft und ist selbst Betroffene. Sie erzählt, was man vom neuen Standort erwarten kann.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung. Dabei greift das Immunsystem die schützenden Hüllen der Nervenfasern im zentralen Nervensystem, also im Gehirn und Rückenmark, an und schädigt sie. Dadurch wird die Weiterleitung von Nervensignalen gestört, was zu unterschiedlichen neurologischen Beschwerden führt, die häufig in Schüben auftreten.
Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig bekannt, doch man geht von einem Zusammenspiel aus genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen aus. Heilbar ist MS derzeit nicht, aber mit geeigneten Therapien lässt sich der Krankheitsverlauf verlangsamen, und die Symptome können gemildert werden. (mgp)
Frau Tomaschett, wieso ist der Hauptsitz der MS-Gesellschaft von der Zürcher Josefstrasse nach Effretikon umgezogen?
Martina Tomaschett: Wir suchten einen Ort, der Platz für unsere Visionen bietet und möglichst nahe an einem Bahnhof liegt. In Zürich ist es beinahe unmöglich, ein solches Projekt zu realisieren. Das hat finanzielle und infrastrukturelle Gründe. Mit dem Rollstuhl kommt man in Effretikon gut ans MS-Zentrum, also ist der Weg für Mitarbeitende wie auch für Betroffene gewährleistet. Und in Zukunft soll die Barrierefreiheit ja durch die Zentrumsentwicklung verbessert werden.
Effretikon war demnach ein Zufall?
Wenn man so will, ja. Jedoch wurden wir von der Stadt mit offenen Armen empfangen. Wir haben gemerkt, dass man uns hier wirklich haben will, als Arbeitgeber, wie auch die Betroffenen. Darüber sind wir sehr glücklich. Immerhin haben wir ein riesiges Projekt an zentralster Lage realisieren können.
Was beinhaltet der neue Standort?
Wir haben hier viel mehr Raum für Mitarbeitende und Betroffene. Also neben der Verwaltung für die MS-Gesellschaft haben wir auch Räume für Veranstaltungen, für Austausch und für Beratungen. Grundsätzlich glaube ich, dass es wenig gibt, was die MS-Gesellschaft hier nicht bieten kann.
Was haben Sie für Angebote?
Wir begleiten Betroffene und Angehörige in allen Phasen des Lebens mit unterschiedlichsten Angeboten. Neben Sozial- und Pflegeberatung, Regionalgruppen oder Veranstaltungen bieten wir beispielsweise externe Gruppenaufenthalte für pflegebedürftige Betroffene an, um die Angehörigen auch mal entlasten zu können. Eine Gruppe mit Helferinnen und Helfern geht dann mit Betroffenen für ein oder zwei Wochen weg. Man darf die Angehörigen auf keinen Fall vergessen. Auch sie brauchen Unterstützung. Die Pflege eines geliebten Menschen im Umfeld kann belastend sein.
Barrierefreiheit ist ein wichtiger Aspekt im neuen Zentrum. Wie haben Sie sichergestellt, dass die Bedürfnisse von Betroffenen gedeckt werden?
Ob etwas wirklich barrierefrei ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Ein enger Austausch mit den Betroffenen ist deshalb essenziell. Uns war es sehr wichtig, etwas zu erschaffen, das nicht nur der ‹barrierefreien Norm› entspricht, sondern noch ein Ticken besser ist.
Zum Beispiel?
Ja, die WC-Anlagen zum Beispiel, die sind hochmodern. Wir haben verschiedene WCs, die verschiedene Infrastruktur beinhalten – ein WC hat zum Beispiel einen Deckenlift. Auch sind die Spiegel anders aufgestellt, damit Rollstuhlfahrer sich auch ganz sehen und nicht nur bis zum Hals. Oder auch das WC-Bürsteli haben wir nicht hinten in der Ecke versteckt, sondern vorne, wo man mit dem Rollstuhl ranfahren kann. Es sind Kleinigkeiten, die im Leben einer beeinträchtigten Person viel ausmachen.
Brauchte es solche infrastrukturelle Bauten nur bei den Toiletten?
Nein, auch in der Küche. Sie ist verstellbar. Die Herdplatte beispielsweise kann man hoch- und herunterstellen. Auch die Küchenschränke lassen sich in der Höhe verstellen. Oder die Ofentür beispielsweise geht nicht nach unten auf, sondern auf die Seite. Und die Barrierefreiheit bezieht sich auch auf die Konferenz- und Beratungsräume. Die Tische haben nicht vier Beine an den Ecken, sondern eher in der Mitte, die Garderobe hängt einiges tiefer. Der Komfort ist für die Betroffenen gewährleistet.
Wie sehen Sie das neue Zentrum: als Ort der Dienstleitung oder als Treffpunkt?
Auf jeden Fall beides. Wir sind eine professionelle Organisation, die Unterstützung für Betroffene und Angehörige bietet. Hier sind wir keine Nummern, sondern Menschen. Das MS-Zentrum ist eigentlich das Haus und der Kompass für MS in der Schweiz.
Frau Tomaschett, Sie selbst sind ja auch eine MS-Betroffene und sind als Teenagerin diagnostiziert worden. Was war Ihnen an diesem Projekt besonders wichtig?
MS ist die Krankheit der 1000 Gesichter, heisst es, weil die Symptome und Auswirkungen so individuell sind. Am wichtigsten ist mir daher nach wie vor, dass die Betroffenen bei der Findung von Angeboten miteinbezogen werden.
Wird die Inklusion also tatsächlich gelebt?
Ich bin seit meinem 17. Lebensjahr krank und seither auch Teil der MS-Gesellschaft. In dieser Zeit habe ich gesehen, wie sich die Institution stetig weiterentwickelt hat und mit der Zeit gegangen ist. Es wird immer wieder bei den Betroffenen abgeklärt, was es an Infrastruktur oder Angeboten braucht. Man kann sich einbringen. Es ist nicht immer alles realisierbar, aber hier hat man immer ein offenes Ohr.
Inwiefern spiegelt sich dieses Miteinander auch in der Organisation selbst wider?
Wissen Sie, ohne MS-Betroffene würde die MS-Gesellschaft gar nicht existieren. Betroffene gehören in alle Gremien, und man kann nicht über ihren Kopf entscheiden. Man muss miteinander auf Augenhöhe arbeiten, sonst könnte man die MS-Gesellschaft gleich sein lassen. Es braucht Fachpersonen, genauso wie Betroffene, wie auch Menschen in der Verwaltung oder hinter den Kulissen.
Eröffnungfeier MS-Zentrum Effretikon
Am Samstag, 30. August, feiert die MS-Gesellschaft die Eröffnung des neuen Standorts und Hauptsitzes in Effretikon. Von 11.15 bis 15.30 Uhr gibt es Essen, Musik und offene Türen an der Brandrietstrasse 1. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Weitere Informationen zu Angeboten, Programm oder zu Beratungen gibt es auf www.multiplesklerose.ch.