Pflegezentrum in Wetzikon bringt Besucher aus Usbekistan zum Staunen
Von Spezialmenüs in der Küche bis zum Notfallknopf: Mediziner aus Usbekistan dürfen im Pflegezentrum Wildbach in Wetzikon hinter die Kulissen schauen. Für sie ist fast alles Neuland – doch vielleicht nicht mehr lange.
Im Eingangsbereich des Pflegezentrums Wildbach sitzen ein paar Seniorinnen und Senioren. Sie unterhalten sich ruhig, als ein kleiner Bus vor dem Haus hält. Eine Gruppe steigt aus und macht sich auf den Weg zum Eingang. «Ah, jetzt kommen die», sagt einer laut. «Die sind aus dem Ausland.»
Mit «die» meint der ältere Mann eine Gruppe von 14 Usbekinnen und Usbeken. Es handelt sich grösstenteils um Ärztinnen und Ärzte, die die Schweiz ihm Rahmen eines kulturellen Austauschs besuchen. Begrüsst werden die Gäste von Interimsleiterin Sonja Kuratli und Daniel Dort, dem Leiter technischer Dienst. Nach der kurzen Begrüssung geht es auch gleich los – zuerst in ein Zimmer eines Bewohners.

Die Gruppe schaut sich die Ausstattung genau an, vom Schrank über das Bett bis zum Badezimmer. Daniel Dort erläutert dabei auch, dass der Bewohner einen Notfallknopf am Handgelenk trägt. Da die meisten Teilnehmer der Reisegruppe weder Deutsch noch Englisch verstehen, übersetzt Khafiza Kuchkarova.
Kuchkarova kann fliessend Deutsch – und hat beispielsweise Werke von Franz Hohler ins Usbekische übersetzt. Die Deutschlehrerin und Dozentin der Universität in der usbekischen Hauptstadt Taschkent ist dafür verantwortlich, dass die Gruppe überhaupt in der Schweiz ist.

Usbekistan liegt in Zentralasien und ist eine ehemalige sowjetische Teilrepublik. Im Land, das etwa elfmal so gross ist wie die Schweiz, leben rund 36 Millionen Menschen, über 3 Millionen davon in der Hauptstadt Taschkent. Das Land ist bekannt für seine Städte an der Seidenstrasse wie Samarkand oder Buchara.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gab es im Land ein autoritäres Regime. Ab 2016 kam es zu einer langsamen Öffnung. Seither ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig.
Trotzdem prangern Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International die Situation in Usbekistan weiterhin an. So ist das Recht auf freie Meinungsäusserung beispielsweise stark eingeschränkt, die Justiz ist nicht unabhängig, und Folter sowie andere Misshandlungen sind weit verbreitet.
(bes)
«Vor 15 Jahren war ich das erste Mal im Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen», erzählt sie nach der Führung. Am Bahnhof Hinwil suchte sie ein Taxi, fand aber keines. Dafür die hilfsbereite Rosmarie Reimann. «Ich erklärte ihr, dass man für ein Taxi anrufen muss», sagt Rosmarie Reimann.
Doch die Hadlikerin fackelte nicht lange. Sie fuhr Kuchkarova gleich selbst ins Übersetzerhaus. Aus einem einmaligen Gefallen wurde eine Freundschaft – und zahlreiche Besuche Kuchkarovas in der Schweiz folgten.
Ein Arzt mit vielen Fragen
Seit mehreren Jahren kommt sie jeweils mit einer Gruppe von Bekannten für einen kulturellen Austausch in die Schweiz. Die Einladung erfolgt über die IG Kultur Hadlikon, bei der Reimann im Vorstand wirkt.
Das Ziel des diesjährigen Besuchs im Pflegezentrum sei, dass die Gruppe mehr über das Schweizer Gesundheitssystem und die Versorgung im Alter lernen könne.

Und die Besucherinnen und Besucher aus Zentralasien sind sehr interessiert, immer wieder zücken sie ihre Handys, um Fotos zu machen. Nicht nur im Zimmer des Bewohners schauen sie sich alles genau an. Mindestens ebenso interessant ist für sie der grosse Park beim Pflegeheim.
Als Nächstes führt Daniel Dort die Gruppe in die Küche. «Bereitet Ihr hier auch spezielle Menüs vor?», will einer der Gäste wissen.

Daniel Dort erklärt, dass bei der Essensplanung ganz verschiedene Dinge berücksichtigt werden müssen und es auch Spezialmenüs gibt für Personen mit Unverträglichkeiten oder anderen medizinischen Problemen. «Deshalb kontrolliert der Küchenchef jedes einzelne Tablar», erläutert er.
Einer, der besonders viele Fragen stellt, ist Aziz Nisamov. Er ist Arzt und leitet das regionale Spital im Taschkenter Stadtteil Almazar. Dort allein leben rund 380’000 Menschen.

Das Spital, in dem Nisamov arbeitet, ist für viele die wichtigste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen. Ein spezialisiertes Pflegezentrum, wie hier in Wetzikon, kannte er bisher nur aus Erzählungen. Und so überrascht auch seine Frage nicht: «Wie viele Ärzte arbeiten hier?», will er von Daniel Dort wissen.
Die Antwort überrascht ihn: «Keine.» Das Pflegezentrum könne auf ein Team von selbständigen Ärztinnen und Ärzten zurückgreifen, die sich bei Bedarf um die Bewohner kümmerten. Bei einem Notfall sei das Spital ausserdem nur drei Minuten entfernt.
Wandel in Usbekistan
Es ist nicht das einzige Detail, das Aziz Nisamov bei seinem Besuch im Pflegezentrum Wildbach überrascht hat. «Die Bedingungen für ältere Menschen sind hier auf einem sehr hohen Niveau», erzählt er beim Mittagessen.
Da Übersetzerin Khafiza Kuchkarova gerade anderweitig beschäftigt ist, hilft ihm der Google-Übersetzer bei der Verständigung. Er lobt den Komfort in dem einzelnen Zimmer. «Und auch die Rehabilitationsmassnahmen, die für jeden Bewohner individuell umgesetzt werden.»
Gulrukh Akramova schliesst sich dem positiven Feedback an. «Man schenkt den Bewohnerinnen und Bewohnern viel Aufmerksamkeit, sie sind gut beschäftigt», sagt die Schulpsychologin.

Ihren Mann Schukrat Abdurachmonov, der ebenfalls Arzt ist, haben derweil vor allem die vielen Aufgaben überrascht, die ausgebildete Pflegefachpersonen im Pflegezentrum übernehmen können. «Ich finde es auch gut, dass hier Leute ausgebildet werden.»
In Usbekistan gebe es zwar Schulen für angehende Pflegekräfte. Die Ausbildung sei aber eher niederschwellig und praktisch orientiert. Für viele Entscheidungen sei immer ein Arzt oder eine Ärztin verantwortlich, sagt Abdurachmonov.
Eine Horizonterweiterung war der Besuch im Pflegezentrum Wildbach für alle Teilnehmer. «In Usbekistan leben nur sehr wenige ältere Menschen in einer spezialisierten Institution», sagt Khafiza Kuchkarova. Weil das Angebot fehlt, ist oftmals die Familie für die Pflege älterer Angehöriger verantwortlich.
Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Im Land gibt es zahlreiche Projekte, um die Infrastruktur auszubauen oder die Ausbildung von Pflegekräften zu verbessern. Von einer flächendeckenden Versorgung mit Alters- und Pflegezentren ist das Land aber noch weit entfernt – vor allem abseits der Städte.
Doch der demografische Wandel macht auch vor dem zentralasiatischen Land nicht halt. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass der Anteil der älteren Bevölkerung in Usbekistan bis 2050 stetig zunehmen wird.
Und so geht auch Übersetzerin Kuchkarova davon aus, dass das Thema eine immer wichtigere Rolle spielen wird. «Eltern können nicht mehr darauf zählen, dass ihr Nachwuchs einmal für sie sorgen wird.»
