Sie wurde Doula mit einem klaren Ziel
Doulas begleiten und unterstützen Frauen vor, während und nach der Geburt. Sandra End arbeitet in Dübendorf und sprang schon vor Jahren auf den Trend der Geburtsbegleitung auf, um Frauen vor einer ganz bestimmten Gefahr zu warnen.
Seit rund 20 Jahren gibt es in der Schweiz die ersten Doulas, auch Geburtsbegleiterinnen genannt. Trotzdem wissen viele Menschen noch nicht, was das ist.
Sie sind bezahlte Vertraute – vor, während und nach der Geburt. Sie unterstützen die Mutter und den Vater emotional und mental. Da sie jedoch keine medizinischen Befugnisse haben, ersetzen sie nicht die Betreuung durch eine Hebamme oder einen Arzt.
Der Kurs war festgelegt
Die Oberländerin Sandra End arbeitet seit 2022 von Dübendorf aus als Doula. Auf den Beruf kam die 54-Jährige über einen Umweg. Sie erzählt: «Ich erfuhr während meiner Ausbildung zur Traumatherapeutin von frühkindlichen Traumata. Diese können bereits während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren entstehen und sich später negativ auf das Kind auswirken.»
Dabei wurde der zweifachen Mutter klar: «Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass ihre mentale Gesundheit und ihre negativen Verhaltensmuster ihr Kind schon ab dem Zeitpunkt der Zeugung stark beeinflussen können.» Solche Entwicklungstraumata könnten für das Kind sehr einschneidend sein und es bis ins Erwachsenenalter begleiten. «Das kann zum Beispiel zu Bindungs- oder Konzentrationsproblemen, Suchtentwicklungen, Ängsten oder Essstörungen führen.»
Diese Erkenntnis führte bei End zu einem klaren Ziel: «Ich will mehr werdende Eltern für dieses wichtige Thema sensibilisieren, um Entwicklungstraumata möglichst zu verhindern.» Also entschied sie sich, Doula zu werden, und begann ihre eineinhalbjährige Ausbildung.
Immer nach den Wünschen der Eltern
Wie End erklärt, umfasst die Arbeit einer Doula die emotionale, mentale und praktische Unterstützung der werdenden Mutter und des werdenden Vaters. Das macht sie während mehrerer Gespräche vor und nach der Geburt sowie bei der Begleitung während der Geburt. Ihr Hauptziel: «Die werdende Mutter soll sich möglichst wohlfühlen, damit sie sich dem Geburtsprozess voll hingeben kann.»
Der Inhalt der Begleitung sei dabei so unterschiedlich wie die Eltern selbst. End sagt: «Oft spreche ich mit den Müttern über ihre Ängste und Bedürfnisse. Ich kläre sie auch über verschiedene Geburtsarten und Sicherheitsrisiken auf. Mit den Vätern rede ich zum Beispiel über ihre Erwartungen und ihre Rolle während der Geburt.»
Zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin ist End dann ständig auf Abruf. Ist es so weit, trifft sie die Mutter entweder in deren Zuhause oder erst am Geburtsort. «Dabei ist es wichtig, dass auch immer medizinisches Personal vor Ort ist. Wir Doulas begleiten keine Alleingeburten.»
Vor Ort betreut sie die werdenden Eltern, beruhigt den Vater, massiert die Mutter, macht Mobilitätsübungen, singt oder liest ihr etwas vor. «Manchmal braucht es mich aber auch gar nicht – meine Anwesenheit genügt, damit die werdende Mutter sich sicher und geschützt fühlt.»
Eine ihrer Aufgaben während der Geburt ist es auch, zwischen der Mutter und dem medizinischen Personal zu vermitteln. «Ich spreche mich mit der Frau vorher ab, welche Behandlungen sie wünscht und welche nicht.»
Denn diese Wünsche könnten im Chaos einer Geburt leicht untergehen. Vor allem, weil viele Spitäler einen Personalmangel hätten und oft eine Hebamme mehrere Mütter betreue. «Deshalb behalte ich den Überblick und verschaffe der Mutter wenn nötig Zeit, um Entscheidungen zu treffen.»
Einige Tage nach der Geburt gibt es dann erneut ein Treffen. «Wenn nötig helfe ich mit dem Kind, je nach Wunsch massiere ich beispielsweise der Mutter die Füsse oder bringe einen Znacht vorbei.» Hauptsächlich sucht sie aber das Gespräch: «Es geht darum, mit der Mutter den Ablauf der Geburt zu reflektieren und ihr Dinge in Erinnerung zu rufen, die sie vergessen hat. Ich helfe ihr, das Erlebte zu verarbeiten.»
«Mitentscheiden, nicht nur mitmachen»
In den Spitälern und Geburtshäusern ist ihre Arbeit als Doula bekannt. In der Gesellschaft sei der Begriff jedoch noch nicht so etabliert. «Viele Leute verwechseln mich mit einer Hebamme.»
Doulas gebe es in der Schweiz auch erst seit etwa dem Jahr 2000. Denn im Gegensatz zu früher könnten sich werdende Mütter ihr «Geburtsteam» heute selbst aussuchen. «Und einige wollen halt eine zusätzliche Fachperson dabeihaben», sagt End.
Laut ihr ist auch der wachsende Fokus auf die mentale Gesundheit der Mütter ein Grund für die zunehmende Beliebtheit der Doulas. «Die Frauen wollen selbst die Verantwortung über ihren Körper übernehmen, sie wollen mitentscheiden und nicht nur mitmachen.» Sie würden traditionelle Geburtspraktiken überdenken, weil sie sich im Internet besser informieren und mit anderen Müttern vernetzen könnten.
End ist froh um diese Entwicklungen. «Ich wünsche mir, dass werdende Mütter selbstbestimmter werden können und sich trauen, für sich selbst einzustehen.» Aber dafür brauche es auch systemische Änderungen, wie mehr Mutterschaftszeit und weniger Zeitdruck in den Spitälern.