«Wenn niemand in der Öffentlichkeit stillt, wird es auch nie normal»
Muttermilch fürs Baby
Auf der Mamamap sind Orte eingezeichnet, wo Mütter in Ruhe stillen können. In der Region gibt es noch viele leere Flecken, besonders im Tösstal. Eine Stillberaterin aus Uster und eine nicht-medizinische Helferin ordnen ein.
Sie werden angestarrt, angepöbelt, weggeschickt – stillende Mütter sind nicht überall willkommen. Immer wieder gibt es mediale Aufschreie, wenn eine Mutter mit ihrem Baby etwa aus einem Restaurant verwiesen wird, weil sich andere gestört fühlen. «Diese Aufschreie sind mit den sozialen Medien natürlich grösser geworden», sagt Annette Saloma aus Uster. Sie ist Stillberaterin und wird regelmässig von verunsicherten Müttern zum Thema Stillen in der Öffentlichkeit befragt.
«Die meisten schämen sich zwar nicht dafür, wollen aber einfach nicht auffallen», sagt Saloma. Besonders in den Wochen gleich nach der Geburt seien die Mütter in einer sehr vulnerablen Phase. «Nur schon aufgrund der Hormone.» Daher versteht sie den Wunsch nach einem Rückzugsort, wo das Baby in Ruhe trinken kann, auch wenn man unterwegs ist.

Einen passenden Ort zum Stillen zu finden, ist mit der Mamamap möglich. In der App können sich Geschäfte oder Institutionen wie Apotheken, Restaurants, Bibliotheken und viele mehr eintragen und damit zeigen, dass Stillende bei ihnen willkommen sind.
Seit der Lancierung 2012 sind schweizweit knapp 2500 Stillorte zusammengekommen. «Pro Monat wird die App rund 25’000-mal aufgerufen», sagt Maria Furrer, Geschäftsleiterin von Stillförderung Schweiz. Diese betreibt das Angebot und verweist regelmässig in ihrem Newsletter auf die App. Zudem wird sie in der Stillbroschüre erwähnt. Diese erhalten jährlich rund 50’000 Wöchnerinnen in der Schweiz. Fachpersonen wie Hebammen, Mütter- und Väterberaterinnen und Stillberaterinnen empfehlen sie ebenfalls weiter.
Die App ist kein statisches Produkt, sie wird laut Furrer immer wieder ergänzt und angepasst – auch durch die Stillenden. «Neue Stillorte und Korrekturen von Detailangaben erhalten wir täglich.» Aktiv gehe man aber nicht auf bestimmte Geschäfte zu, um Lücken in der Karte zu schliessen.
Brachland Tösstal
Die meisten Einträge in der Region stammen von Familienzentren oder Apotheken. Doch in vielen Gemeinden, darunter Bubikon, Russikon, Weisslingen, Maur, Hittnau oder Mönchaltorf, sind gar keine Stillmöglichkeiten eingetragen. Dasselbe gilt für das ganze Tösstal, mit Ausnahme der Tösstal-Apotheke in Bauma.

Der Grund dafür scheint schnell gefunden: Die kleineren Gemeinden haben oft keine eigenen Familienzentren oder Bibliotheken mit langen Öffnungszeiten. Die Apotheke in Bauma ist gar die einzige im ganzen Tal.
«Das Angebot für Eltern mit Kindern im Säuglingsalter ist im Tösstal generell ein schwieriges Thema, nicht nur auf das Stillen bezogen», sagt die Turbenthalerin Monika Di Benedetto. Als Doula – eine nicht-medizinische Helferin, die werdenden Müttern vor, während und nach der Geburt zur Seite steht – hat sie die Mamamap auch schon weiterempfohlen. «Aktuell aber nicht mehr so häufig wie früher – ich habe das Gefühl, die Gesellschaft ist etwas toleranter geworden, was Stillen in der Öffentlichkeit angeht.»

Was sie mehr beobachte, sei ein Generationenproblem. «Es gibt nach wie vor viele falsche Informationen zum Thema Stillen, die sich hartnäckig halten», sagt sie. Früher sei Säuglingsnahrung aus der Flasche als bessere Variante und als Erleichterung für die Mütter angepriesen worden. Die WHO empfiehlt heute, ein Baby sechs Monate lang ausschliesslich zu stillen.
Trotzdem würde sie sich wünschen, dass Eltern mit Säuglingen in der Gesellschaft einen grösseren Stellenwert erhielten. «Ein natürlicherer Umgang würde den Druck auf die Mütter etwas reduzieren und damit auch postpartalen Depressionen entgegenwirken.»
Als Di Benedettos Kinder klein waren, gab es die Mamamap noch nicht. «Ich habe damals einfach gefragt, ob es etwa in einem Restaurant einen Raum gäbe, in den ich mich mit meinem Kind zurückziehen könnte», erzählt die zweifache Mutter. «Weil auch ich die Ruhe einfach kurz gebrauchen konnte.»
Positives Mantra als Lösung
Stillberaterin Annette Saloma hat die Mamamap selbst ebenfalls zu Rate gezogen, als ihre beiden Kinder noch Säuglinge waren. «Gerade bei schlechtem Wetter ist es einfach angenehmer, das Baby geschützt und nicht etwa an einer verregneten Bushaltestelle zu stillen.»
Trotzdem plädiert sie dafür, sich nicht zu verstecken. «Denn wenn niemand in der Öffentlichkeit stillt, wird es auch nie ganz normal.»
Zudem sei es für alle Anwesenden in den meisten Fällen angenehmer, wenn ein Baby schnell die Brust bekomme, als dass es lange danach schreien müsse. «Man darf nicht vergessen, dass Muttermilch zwar Nahrung für das Kind, aber eben auch ein Durstlöscher und gerade an heissen Sommertagen darum noch öfter nötig ist.»
Ihr Ratschlag an die Mütter ist, nicht zu denken, dass man gerade etwas macht, das andere stört. «Man sollte sich eher sagen: Ich mache etwas Gutes, ich ernähre mein Kind. Wenn man Selbstbewusstsein zeigt, bietet man automatisch weniger Angriffsfläche.»
Saloma hat schon von einigen Leuten – vor allem Männern – gehört, sie wüssten gar nicht, wo sie hinschauen sollten, wenn eine Frau ihr Kind stille. «Aber man blickt dem Gegenüber ja grundsätzlich ins Gesicht, auch wenn man komplett angekleidet ist», meint Annette Saloma. «Und sonst sieht man es halt! Wir haben alle schon einmal eine weibliche Brust gesehen, und bei Männern sieht man schliesslich auch manchmal den Füdlispalt.»
Tipps für das Stillen in der Öffentlichkeit
• In Geschäften oder Restaurants fragen, ob ein geeigneter Raum zum Stillen verfügbar ist, auch wenn der Ort nicht in der Mamamap aufgeführt ist.
• Geeignete Kleidung erleichtert das Stillen, mit einem Schal oder einem grossen Tuch kann die Brust bedeckt werden.
• Konzentration auf das Baby statt auf die Umgebung.
• Positives Mantra: «Ich ernähre mein Kind, und das ist etwas Gutes.»
• Selbstbewusst sein und sich von Blicken nicht aus der Ruhe bringen lassen.
