So konnte sich die Autorin aus Bubikon von Panikattacken befreien
Gipfeli ade
Die Bubiker Ex-Gemeinderätin Sara Müller änderte ihr Leben: Im Buch «15 Jahre Panikattacken» erzählt sie von Ängsten und davon, was die Ernährung damit zu tun hat.
Sara Müller lässt sich die Patisserie in der Auslage der Bäckerei von einer Verkäuferin erklären. Schnell wird klar: Von all den leckeren Backwaren darf Müller nichts essen. Auch auf ein normales Brot würde die Bubikerin heute verzichten. «Das Einzige, was manchmal geht, sind Kokosmakronen, aber es kommt darauf an, wie sie hergestellt sind», sagt die 48-Jährige, die zwei Jahre lang im Bubiker Gemeinderat sass.
Zudem sind Restaurantbesuche für Müller schwierig geworden. Denn sie isst allgemein kein Gluten, also kein Getreide, mehr und auch keine Lebensmittel, welche den Botenstoff Histamin im Körper ausschütten. Dazu gehören zum Beispiel Tomaten, Spinat, Kaffee und Schokolade.
Die Ernährung war schuld
Doch warum nimmt die ehemalige Bubiker Gemeinderätin, die erst für die FDP amtierte und danach parteilos war, den Verzicht in Kauf? Wenn sie nicht auf ihre Ernährung achten würde, plagten sie Panikattacken. Im Café der Bäckerei nippt Müller an einem Verveine-Tee.
Sie erzählt mit charmantem berndeutschem Dialekt von ihrem langen Weg zu dieser Erkenntnis. Wie sie endlich herausgefunden hat, was der Darm mit der Psyche am Hut hat – und warum sie darüber schreiben wollte.
«Ich wünsche mir, dass mehr Psychologen ihre Patienten zusätzlich in die Ernährungsberatung schicken würden, und umgekehrt, dass Ernährungsberater ihre Klienten darauf hinweisen, dass Essen auch mit der Psyche zusammenhängt.»
Ihre erste Panikattacke erlebte Sara Müller an der Artexpo in New York, als sie als Künstlerin ausgestellt hat. «Ich bin einfach zusammengebrochen», erzählt sie. Der Anfall sei für sie zu der Zeit unerklärlich gewesen. «Die Sanitäter dachten, ich sei einfach dehydriert.»
Zurück in der Schweiz habe sie sich durchchecken lassen, doch die Ärzte hätten nichts gefunden – auch keine allergischen Reaktionen. Dies, obwohl Müller als Kind an Asthma litt und auch sonst oft Magenbeschwerden hatte. «Niemand stellte damals wirklich einen Zusammenhang her.»
Also habe sie weitergemacht wie bisher, habe einen neuen anspruchsvollen Job angenommen und daneben gemalt. Nach dem Vorfall in New York schlich sich bei Müller jedoch eine Art «Angst vor der Angst» ein. Wenn sie zum Beispiel abends allein zu Hause war, fing ihr Herz an zu rasen, so fest, dass sie manchmal sogar in Ohnmacht fiel.
Sie schämte sich
«Als ‹starke› Geschäftsfrau wollte ich erst niemandem von meinen Ängsten erzählen – es war mir peinlich.» Also erfand Müller Notlösungen, um einfach nicht in solche Situationen zu geraten. Zum Beispiel schaute sie, dass sie jeweils erst nach ihrem Mann zu Hause eintraf, damit sie nicht allein sein musste.
Es sei absurd gewesen. Sie konnte vor 300 Menschen eine Rede halten, nicht aber allein zu Hause sein. «Aus heutiger Sicht hatte ich damals wohl die Balance zwischen Herz und Verstand verloren», analysiert die Autorin im Rückblick. Sie arbeitete viel und gab aus Zeitmangel zwischenzeitlich sogar auch ihr Hobby, das Malen, auf.
Sie änderte einiges in ihrem Leben: Sie wurde Mutter, sie zog von der Stadt aufs Land, sie wurde Bubiker Gemeinderätin, gab das Amt nach zwei Jahren wieder auf. Die Panikattacken blieben, und Müller hatte noch keine richtige Erklärung gefunden. «Ich tingelte von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, bis ich nach Jahren einen Psychiater fand, der endlich ganzheitlich hinschaute.»
Endlich eine Erklärung
Dieser habe nach ihrer ausführlichen Krankheitsgeschichte gefragt – und auch Blut- und Stuhlproben verlangt. «Er war die erste Person, die meinen Reizmagen, das Asthma und die Panikattacken in Verbindung brachte», erzählt Müller. «Es war ein Aha-Erlebnis für mich.» Sie begann ein Ernährungstagebuch zu führen. «Ich notierte haargenau, was ich ass und wie es mir danach ging.»
Es half. Die Panikattacken wurden weniger. «Der Darm ist eigentlich unser erstes Gehirn.» 90 Prozent der Signale würden nach oben ans Hirn gesendet, das wiederum Signale an Drüsen schicke, welche die richtigen Hormone auslösten – oder eben überreagierten.
Müller bekam die Diagnose Histaminintoleranz und Glutensensitivität. Weil Müller sich erst vor allem auf die glutenfreie Ernährung konzentrierte, zeigten sich die Ängste aber noch immer von Zeit zu Zeit. Histaminarme Ernährung sei extrem individuell und schwer nachvollziehbar.
Erst als sie sich auch vertieft mit dem Botenstoff Histamin befasste, blieben die Attacken ganz weg. «Mein Körper antwortet sofort, wenn etwas nicht stimmt», sagt die Autorin.
Auftauen kann problematisch sein
Erst kürzlich war sie auf der Skipiste. «Ich fragte extra nach, ob die Rösti frisch – das heisst nicht aufgetaut – ist.» Der Kellner bejahte. Doch darauf hatte Müller Magenkrämpfe. «Wenn ich danach nochmals von dieser Rösti gegessen hätte, wären früher oder später die Panikattacken wieder aufgetaucht.»
Eine bewusste Ernährung sei zeitintensiv, und es brauche viele Tricks und Kniffe. Diese wolle sie in ihrem Buch weitergeben. «Der Teufel liegt im Detail», sagt sie. Zum Beispiel könne das Salz in Restaurants zum Problem werden. «Es ist nicht das Salz selber, sondern das Jod, welches im Salz enthalten ist.» Man müsse genau hinschauen und nachfragen.
Müller ist überzeugt, dass die Massenproduktion von Nahrungsmitteln ihr Übriges beiträgt: «Wenn ich auf einer Alp leben würde und alles selber herstellte, dann könnte ich wahrscheinlich wieder fast alles essen.» Müller hat einen eigenen kleinen Garten in Hochbeeten, damit sie wenigstens das Gemüse selber anpflanzen kann. «Den grünen Daumen musste ich erst entwickeln», sagt sie und schmunzelt.
Auf Instagram zeigt Müller, wie man aus Kartoffeln, Pak Choi und Mozzarella eine leckere Pizza backen kann. Ihr persönliches Lieblingsessen ist Reis mit Mango und Poulet. «Mein nächstes Buch wird dann vielleicht ein umfänglicheres Kochbuch werden.»
Buchlesung mit Sara Müller in Rüti
Die Bubiker Autorin liest aus ihrem Buch «15 Jahre Panikattacken» und erzählt, wie Histamin und Gluten mit ihren Ängsten zusammenhängen.
Die Buchlesung findet am Donnerstag, 27. Februar, um 18.30 Uhr in der Buchhandlung Schuler Wörternest in Rüti statt.
Die Platzzahl ist begrenzt, daher wird um eine Anmeldung gebeten: E-Mail woerternest@schulerbuecher.ch oder Telefon 055 241 20 40. (eru)