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Von Rüti auf den Platzspitz: Bekenntnisse eines Süchtigen

Aus jugendlichem Leichtsinn entwickelte sich eine Hürde fürs Leben. Doch irgendwann ist genug. Oder nicht?

Noch während der Lehre wurde ein Rütner süchtig – und der Platzspitz seine zweite Heimat. Das ist seine Geschichte. (Symbolbild)

Foto: Pixabay

Von Rüti auf den Platzspitz: Bekenntnisse eines Süchtigen

30 Jahre Heroinabgabe

Eine falsche Entscheidung stellte das Leben eines Rütners auf den Kopf. Er holte sich Hilfe, zeigte Ausdauer und ist nun endlich bereit, loszulassen. Vielleicht.

Am Tisch sitzt ein Mann, der die Ruhe in Person sein könnte. Seine Bewegungen sind weder hektisch noch nervös, seine Stimme tief und ruhig. Manchmal schmunzelt er wie ein Lausbub, manchmal weicht sein bedrückter Blick ab und verliert sich in der Ferne. In seiner Hand hält er einen Becher Kaffee.

Matteo Furrer* ist heute 57 Jahre alt und hat ein ausserordentliches Leben geführt, in dem er nicht immer die Oberhand hatte. Der Rütner ist seit knapp vier Jahrzehnten heroinabhängig und hat sich bereit erklärt, seine Geschichte zu teilen. «Wenn ich nur eine Person davon abhalten kann, in dieselbe Sucht zu fallen, dann ist mir schon viel gelungen.»

Seit vier Jahren geht er beim Zentrum für Suchtmedizin Arud in Zürich ein und aus – zuvor waren es 15 Jahre in der Clienia in Wetzikon. Im Rahmen des Programms für Heroinabgabe erhält er hier seinen Stoff, um durch den Tag zu kommen. Diese Geschichte handelt durchaus von Sucht. Sie schreibt sich aber nicht ohne Angst, Verzweiflung oder Liebe – und erst recht nicht ohne Furrers Sinn für Humor.

Widerwillen durch die Nase

Alles begann mit jugendlichem Leichtsinn. Auch wenn heute Präventionskampagnen normal sind und die Diskussion über Drogen kein Tabu mehr ist, war das vor 40 Jahren noch anders.

Damals wurden Rauschmittel abgelehnt. Punkt. Das hat auch Furrer so erlebt: «Zu Drogen sagte man früher einfach, dass sie verboten sind. Über die Folgen, oder was genau mit einem passieren könnte, wurde gar nicht erst diskutiert.»

Und was Jugendliche von Verboten halten, weiss man: Nichts. So kam es, dass der damals 18-jährige Rütner gegen die Autorität rebellierte und eines Abends auf einem Bänkli mit seinen Freunden an einem Joint zog.

Das war sicher eine saudumme Entscheidung.

Matteo Furrer, Patient bei der Heroinabgabestelle Arud in Zürich

Plötzlich näherte sich ihnen ein fremder Jugendlicher mit dem Kommentar, er sei gerade erst nach Rüti gezogen. Dieser lud die Clique zu sich nach Hause ein, und schon bald bot die neue Bekanntschaft der Freundesgruppe Heroin an. «Im Nachhinein war das sicher eine saudumme Entscheidung», gesteht Furrer.

Anfänglich schnupfte er das braune Pulver bloss, doch das wurde ihm zuwider: «Ich konnte den Geschmack in der Nase nicht ausstehen.» Kurz darauf kaufte er sich seine erste Spritze. Der gelernte Koch war angefixt.

Geborgenheit und eine warme Umarmung

Furrer versucht, den Trip zu beschreiben: «Heroin ist, als ob du umarmt wirst. Du spürst eine Wärme, die dich festhält.» Ein vergleichbares Gefühl gebe es nicht, deswegen sei es umso schwieriger, wieder davon wegzukommen.

Doch der Schein trügt. Während man im ersten Moment Glück und Geborgenheit spürt, klopft im nächsten schon die Entzugserscheinung an. «Und das ist die Hölle!» Furrer kann nur mit dem Kopf schütteln.

«Auf dem kalten Aff» – dem kalten Entzug – hat man unter anderem Schmerzen, Übelkeit, Durchfall, Fieber und ein intrinsisches Verlangen nach der Droge. Der einzige Ausweg: Heroin.

In der Zimmerstunde zum Platzspitz

Der junge Furrer finanzierte sich seine Sucht mit seiner Anstellung als Koch. Er verdiente gut. «Doch die Arbeitszeiten waren etwas ungünstig», sagt er verschmitzt. In der Zimmerstunde reiste er mit dem Zug nach Zürich, holte sich dort, was er brauchte, und fuhr wieder zurück zur Arbeit. Tagein, tagaus.

Sie fielen über solche her, die überdosierten, und nahmen ihnen alles weg.

Matteo Furrer

Er erinnert sich noch gut: Zu Beginn war es auf dem Platzspitz noch ruhig, doch die Szene wuchs schnell. «Der Boom war riesig, schon fast eine Verherrlichung, denn es war unglaublich viel Stoff im Umlauf.» Ans Aufhören habe niemand gedacht – und wenn doch, so sei man belächelt worden. «Wir hatten alles, was wir brauchten.» Dass er süchtig ist, bemerkte der Koch im ersten Jahr gar nicht.

Die Dienstwaffe als Schutz

Doch die Illusion bröckelte Stück für Stück, denn mit der Zeit wurde die Szene immer gefährlicher und brutaler. Gruppierungen von Süchtigen begannen, andere auszurauben – egal, ob Stoff, Schuhe, Kleider oder Schmuck. «Sie fielen über solche her, die überdosierten, und nahmen ihnen alles weg.»

Auch Furrer selbst wurde «vermöbelt» und bestohlen. Er bekam es mit der Angst zu tun und begann seine militärische Dienstwaffe mit sich zu tragen. «Irgendwann wurde mir bewusst, was ich eigentlich mache, und dass das gefährlich ist, also liess ich es wieder sein.» Die Waffe sollte später aber noch eine Rolle spielen.

Nicht nur Gewalt gehörte zum Alltag der Szene, auch der Tod lauerte hinter jeder Hecke. Furrer erinnert sich an Leichen, die verwest in Baumkronen hingen, oder an Körper, die aus dem Fluss ragten. Kurz schweift er ab, fragt sich, ob sie Angehörige hatten. Dann trinkt er einen Schluck Kaffee.

Der bewaffnete Raubüberfall

«Ich lebte auf grossem Fuss.» Er arbeitete als Koch und fixte, wann immer er wollte. Solange er sich seinen Stoff leisten konnte, ging es ihm gut. Doch die Sucht wurde immer stärker, der Arbeitsalltag immer härter. Und irgendwann konnte er es sich eben nicht mehr leisten.

Furrer wurde kriminell und hängte seinen Job als Koch an den Nagel. Er grübelt, schaut ins Leere und erzählt von seinen kriminellen Machenschaften: Über Einbrüche, Überfälle – darüber, wie er von seinen Kollegen verraten wurde, wie er Fahrzeuge klaute und wie ihm die bereits erwähnte Dienstwaffe zum Verhängnis wurde.

Um 1988, er war damals Anfang 20, beging er einen bewaffneten Raubüberfall. Doch als er das Geld aus der Kasse nahm, liess er die Waffe auf dem Tresen liegen. «Ich war schon fast im Auto, als ich merkte, dass ich sie vergessen hatte.» Er ging zurück.

Als er die Tankstelle aber erneut verlassen wollte, löste ein Mitarbeiter per Knopfdruck die Schliessung der Eingangstür aus. Furrer schaffte es beinahe raus, doch die Tür klemmte seine Hand ein. Ein Schuss löste sich. «Das war nicht mit Absicht, ich hätte ihn niemals verletzen wollen», betont er. Dazu kam es auch nicht. Der Mitarbeiter blieb unverletzt.

Ein unfreiwilliger Entzug

Nach diesem Überfall war er 288 Tage lang in Untersuchungshaft. Normalerweise wurden die Inhaftierten beim Eintritt von einem Arzt untersucht. Doch weil Furrer damals «auf Drogen» war, verschob sich der Arztbesuch.

Er lag in der Zelle und durchlebte zwangsläufig einen kalten Entzug. «Da bin ich auf die Welt gekommen. Es war heftig.» Nach einer Woche kam dann der Arzt. Furrer ging es schon einiges besser, doch er war empört darüber, dass man ihn einfach links liegen gelassen hatte.

Ich wollte keine Drogen mehr nehmen.

Matteo Furrer

Der Arzt bot ihm Medikamente an, um mit dem weiteren Entzug klarzukommen. Doch Furrer weigerte sich. «Ich war ohne Drogen schon so weit gekommen, da wollte ich nicht wieder damit anfangen.»

Die Polizei konnte ihm während seiner Untersuchungshaft noch mehr Überfälle zuschreiben, und auch das Militär forderte Konsequenzen für «den Missbrauch der Dienstwaffe».

Furrer hatte die Wahl: entweder vier Jahre Knast oder eine stationäre Entzugstherapie. Er ging für 16 Monate in eine Drogenklinik in Winterthur.

Neues Leben, alte Last

Nach dem Entzug fand Furrer wieder ins Leben zurück. Er arbeitete temporär in verschiedenen Betrieben und machte eine Zweitlehre als Heizungsmonteur – und später noch eine weitere als Landschaftsgärtner.

Doch nach zweieinhalb Jahren wurde Furrer wieder rückfällig: Nicht nur die Drogen kehrten zurück, auch die Kriminalität. Er arbeitete am Tag, fixte zwischendurch und raubte in der Nacht. «Ich habe viele Fehler gemacht in meinem Leben, die ich bereue.» Er schaut in seinen Kaffeebecher, hält inne.

«Aber ich habe meine Drogen immer selbst finanziert und war nie vom Staat abhängig.» Darauf ist er ein wenig stolz, denn aufs Sozialamt wollte er nie – aus Überzeugung.

So drehte sich Furrer im Hamsterrad und hatte immer wieder mit der Polizei zu tun. Zu einer Haftstrafe wurde er nie verurteilt. «Ich habe immer darauf geachtet, kleine Delikte zu begehen.» 2001 besuchte er eine Entzugsklinik in Luzern, für etwas mehr als ein Jahr.

Der Weckruf

Er lernte danach eine Frau kennen und wurde Vater. Doch das sollte nicht sein. Furrer wurde rückfällig. «Es schmerzt mich bis heute, dass ich nicht für meine Tochter da sein konnte.» Ein paar Jahre später, das war 2007, erkrankte seine Mutter, und er zog zurück ins Oberland – wo er sie bis zu ihrem Tod pflegte.

Furrer wurde bewusst, dass er so nicht weiterleben konnte. 2013 verschaffte ihm sein Hausarzt Zugang zu einem Methadonprogramm. Er bekam eine Festanstellung in einer Firma für Elektroinstallationen, der Chef wusste von seiner Sucht. «Sie haben mich unterstützt, und ich war froh, zeigen zu dürfen, dass ein Süchtiger arbeiten kann.»

Doch auch das sollte nicht sein. Jahre später litt Furrer an den Nachwirkungen des Heroins. Um bei der Arbeit – schon damals als Koch – immer präsentabel zu sein, hatte er sich den Stoff nicht in die Venen der Arme, sondern in die der Beine gespritzt. Dadurch hatte er sie dermassen zerstört, dass die Durchblutung nicht mehr funktionierte.

Einige verlieren ihre Beine, andere ihr Leben. Ich hatte eigentlich Glück.

Matteo Furrer

Arbeiten konnte er nicht mehr, und so verlor er seinen Job. «Einige verlieren ihre Beine, andere ihr Leben. Ich hatte eigentlich Glück.» Doch Furrer musste schliesslich das tun, was er nie wollte: beim Sozialamt anklopfen.

Das Methadon aus dem Entzugsprogramm wirkte bei Furrer nur bedingt, denn er griff immer wieder nach Heroin. Bilateraler Konsum nennt er das. Er war hin- und hergerissen: zwischen der Sucht und seinem Willen, aufzuhören.

Kontrollierter Konsum

Einer seiner Freunde gab ihm den Tipp, auf Diaphin zu wechseln. Das synthetisch hergestellte Heroin wird in Form einer Pille eingenommen, aber auch als Nasenspray oder in Flüssigform zum Spritzen. Furrer erfüllte die Anforderungen, um ins Diaphin-Programm zu wechseln. Bald verlor er schliesslich die Lust nach gemischten Konsum gänzlich.

Furrer faltet seinen leeren Kaffeebecher, schaut auf und lächelt müde. «Mittlerweile habe ich auch schon genug Diaphin genommen. Darum ist jetzt der Moment gekommen, ein nüchternes Leben zu führen.»

Jeden Tag beobachte er, wie Menschen ihr Leben ohne Drogen meistern, wie sie nicht von einer Substanz abhängig sind und sich um schönere Dinge kümmern als einen Termin bei der Abgabestelle. «Wenn die das können, kann ich es vielleicht auch?»

Die Rückkehr der grossen Liebe

Der Zeitpunkt für seine Erkenntnis ist fast schon magisch. Oder nennt man das Schicksal? Eines Tages leitete ihm seine Schwester die Nachricht einer verflossenen Liebe weiter: Seine Ex-Freundin – eine ehemalige Konsumentin, die er vom Platzspitz kannte – suchte nach über 20 Jahren den Kontakt.

Damit hätte Furrer niemals gerechnet. Sie sei damals von einem Tag auf den anderen verschwunden. Er habe versucht, sie aufzuspüren. Erfolglos.

Anscheinend hatte ihr damaliger Chef sie überredet, einen Entzug zu machen. Ihr fehlte jedoch der Mut, es Furrer zu erzählen. Sie verschwand wortlos. «Ich hatte grosse Mühe, zu verstehen, wieso sie mich allein gelassen hat. Sie war immerhin meine grosse Liebe.»

Doch die Geschichte nimmt eine glückliche Wende. «Wir sind wieder in einer festen Beziehung.» Furrer strahlt.

Das Ende der Sucht ist in Sicht

Heute weiss Furrer, dass er keine Drogen mehr in seinem Leben haben will. Die Abhängigkeit von Substanzen oder einer Einrichtung hat er satt. Die Beziehung zu seiner Freundin sei nicht der Ansporn, aber sehr wohl eine Inspiration, betont er. Denn sie hat es geschafft, von Drogen loszukommen.

Er kann nicht genau sagen, was ihm geholfen hat, von den Drogen loskommen zu wollen – wohl die 40 Jahre Sucht selbst. «Ich sagte mir immer, entweder ich sterbe oder ich schaffe es vorher, sauber zu werden.»

Was er aber mit Sicherheit weiss, ist der Grund, weshalb er überhaupt damit angefangen hat. Viele Therapien hat es gebraucht, um die eigenen Probleme und Traumata kennenzulernen – und sie, soweit möglich, zu verarbeiten.

Und was war es nun genau? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. «Gewalt und Sucht habe ich schon als Kind im Elternhaus gesehen», sagt Furrer und schaut aus dem Fenster. Es regnet.


* Der Name wurde aus Schutz des Patienten geändert.

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