«Meine Patienten können mühsam sein, das haben ADHSler so an sich»
Kinderarzt aus Rüti erzählt
Hannes Geiges hat jahrzehntelang junge Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit betreut. Der Arzt aus Rüti weiss, was sie brauchen und was sich etwa an Schulen ändern sollte – auch als selbst Betroffener.
Angetan haben es Hannes Geiges jene Kinder und Jugendlichen, die als schwierig gelten. Die anders ticken und anecken. «Ich bin selbst so einer», sagt Geiges und lacht. Seit über 45 Jahren ist er praktizierender Pädiater. Seine Praxis in Rüti hat zwar mittlerweile der Sohn übernommen, doch der 81-Jährige ist nach wie vor einen Tag vor Ort. «Viele Patienten sind mir ans Herz gewachsen.» Manche kommen noch als Erwachsene bei Problemen zu ihm. «ADHS wächst sich häufig nicht aus», sagt Geiges.
Über 1000 junge Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS oder mit ADS, der Version ohne Hyperaktivität, hat Geiges begleitet und betreut. Beide Formen werden heute unter dem Begriff ADHS zusammengefasst. Er ist besorgt, wie viele Heranwachsende mit dieser Diagnose an den gesellschaftlichen Anforderungen und der Schule zerbrechen. Damit sich das ändert, erzählt Hannes Geiges auch seine Geschichte.
«‹Du hast im Oberstübchen ein Rädchen zu wenig, aus dir wird nichts›, sagte mein Lehrer in der 1. Klasse. Noch in den Anfängen meiner Praxistätigkeit hatte ich diesen Satz verinnerlicht. Stellen Sie sich das vor. Trotz Matura, Studium und Facharzttitel – stets ging es mir durch den Kopf: Ich bin zwar fleissig, aber dumm. Das zeigt, wie schwerwiegend solche seelischen Verletzungen sein können und wie wichtig es ist, einen guten Weg zu finden mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen.
Wie so häufig begann auch mein Leidensweg mit dem Schulstart. Im Lesen und der Orthografie war ich miserabel und erst meine Handschrift: fürchterlich. Als ich jeweils das wöchentliche Diktat daheim zeigen musste, sagten meine Eltern: ‹Wenn du so weitermachst, wirst du Strassenwischer.› Damals gab es die Diagnose ADHS noch nicht. Kinder wie ich wurden generell als Zappelphilipp bezeichnet.
Doch ADHS lässt sich nicht so leicht zusammenfassen. Es ist keine exakte Krankheit, sondern vielmehr ein Spektrum. Wie bei einem Regenbogen, bei dem niemand so genau sagen kann, wo er anfängt, wo er aufhört. Wir sind alle im ADHS-Spektrum. Mein Credo lautet deshalb: Gibt es keinen Leidensdruck, ist es keine Störung und braucht somit kein Eingreifen. ADHS heisst auch nicht automatisch Ritalin.
Das kreide ich der Gesellschaft an: Sie hat verlernt, mit weniger stromlinienförmigen Heranwachsenden umzugehen und deren viele positive Eigenschaften anzuerkennen und zu fördern. Im Gegenteil. Sie tut oft alles, um ihnen das Leben zu erschweren, gerade in der Schule. Zwei Fremdsprachen bereits für Primarschüler, selbstorganisiertes Lernen, wenig Frontalunterricht: Ein riesiges Problem für jeden ADHSler. Sie lassen sich leicht von allem ablenken: das Getuschel der Banknachbarn, der Vogel auf dem Ast vor dem Fenster – alles viel interessanter als die Grammatik.
Manche Lehrpersonen bringt das an den Rand der Verzweiflung, andere können damit umgehen. Das zeigt der Fall von Tim aus einem Dorf im Zürcher Oberland. Bis in die sechste Klasse gab es keine nennenswerten Probleme. Tims damaliger Lehrer traf mit ihm Abmachungen, begegnete ihm mit Respekt und Wohlwollen. Tim kooperierte. Doch das änderte sich schlagartig, als der Bub in die Sekundarschule übertrat.
Jedes Gähnen oder jede Frage, ohne vorher die Hand zu heben, empfanden die neuen Lehrpersonen als Provokation. Doch statt externe Hilfe zu holen, sprach man ein Schulverbot aus. Von einem Tag auf den anderen wurde der Knabe mit schlechtem Zeugnis entlassen. Und das in der 2. Sekundarschule, wo die Weichen für den Berufseinstieg gestellt werden und die Klassenkameraden wichtig sind. Viel mehr kann man einem jungen Menschen gar nicht schaden.
Ich war mehrere Jahre Co-Präsident des schweizerischen Fachverbands praktizierender Kinder- und Jugendärzte und habe Schulungen an pädagogischen Hochschulen gegeben. Ich bin überzeugt: Der Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit ADHS ist lernbar. Gezeigt hat sich dies besonders deutlich, als es noch Kleinklassen gab. Lehrpersonen, die jene Klassen unterrichtet hatten, waren ganz andere Typen. Und es hat funktioniert.
Auch wenn es heute schwierig ist, allen 24 Schülerinnen und Schülern in einer Klasse gerecht zu werden, stelle ich fest, dass es manche Lehrpersonen gar nicht mal versuchen. Statt mit Toleranz, Akzeptanz und Verständnis für Unruhe, Vergesslichkeit oder Impulsivität treten sie autoritär und mit viel Druck auf. Damit erreichen sie bei ADHSlern gar nichts – ausser Aggressionen oder, noch schlimmer, späteren Depressionen.
Ich würde mir daher wünschen, dass wir zu den Kleinklassen zurückkehren. Gerade verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche sind heute in den Regelklassen todunglücklich. Sie wären im kleineren Verbund besser aufgehoben.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht dafür, Junge zu verhätscheln. Im Gegenteil. Es braucht Regeln, gerade für ADHSler. Sie müssen sich daran orientieren können, auch wenn sie immer mal wieder darüber hinausgehen. Ich glaube sogar, dass Strafen sinnvoll sein können, wenn sie genau vorbesprochen werden. Kinder müssen wissen, was geschieht, wenn… Ich hatte Ende der 6. Klasse zwei Ströfzgi-Hefte gefüllt. Das hat mich nicht gekränkt.
Mein damaliger Lehrer hatte aber auch an mich geglaubt. Dies ist für ADHSler essenziell. Er sah meine mathematischen Fähigkeiten, meine Freude und Neugier an Tieren und Natur, und so kam es, dass ich im Internat in Appenzell die Matur machte. Es war hart, unglaublich hart sogar. Ich habe gelernt und wieder vergessen und gelernt und wieder vergessen. Aber ich war ehrgeizig.

Ich bin der Letzte, der etwas beschönigen will. Ich sage auch offen und ehrlich: Meine Patienten können mühsam sein, das haben ADHSler so an sich. Sie können unglaublich fordernd, rechthaberisch und eigenwillig sein und die Nerven aller strapazieren. Aber es sind keine bösen Menschen, und sie tun es nicht aus böser Absicht.
Die Begleitung eines ADHS-Kindes ist wie das Erklimmen eines 4000 Meter hohen Berges: Dazu braucht es eine Seilschaft. Idealerweise besteht sie aus Eltern, Lehrpersonen, Experten und guten Freunden. Und diese wiederum brauchen genügend Bergkenntnisse, Durchhaltewillen, Motivation und vor allem eine Portion Humor. Alle am Seil müssen zusammenarbeiten. Und alle müssen sich helfen lassen. Oberstes Ziel der Seilschaft sollte sein, dass das Kind ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt und entsprechend seinen Fähigkeiten eine Berufswahl treffen kann.
Doch leider erreichen wir dies allzu oft nicht. Überdurchschnittlich häufig leiden ADHSler unter Depressionen bis hin zur Suizidalität. Den Fall eines 18-Jährigen werde ich nie vergessen. Ich betreute ihn während und nach seiner schrecklichen Schulzeit. Tagtäglich bekam er zu hören: ‹Tu das nicht!› – ‹Nein, nicht so!› – ‹Du störst, sei still!› Ich freute mich, als er endlich eine Lehre als Koch begann. Kurz darauf verliebte er sich in eine junge Frau. Alles schien sich zum Guten zu wenden. Aber die vielen Abwertungen hatten sich so stark in seine Seele eingebrannt, dass er zu mir kam und sagte: ‹Diese Frau hat keinen so schlechten Kerl verdient, wie ich einer bin.› Einen Tag später legte er sich auf die Gleise.
Das hat mich tief erschüttert, und ich habe mir zum Ziel gesetzt, solche psychischen Misshandlungen zu bekämpfen. Sie nagen oft Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte später noch an einem. Heute müssten wir es eigentlich besser wissen und als Gesellschaft daran interessiert sein, ADHSler zu integrieren, nicht sie zu verstossen. Gerade weil die Zahl der Diagnosen steigt.
Es ist eine gute Entwicklung, dass die Aufmerksamkeitsstörung heute von manchen gar ‹Superkraft› genannt wird und berühmte Beispiele wie die Kunstturnerin Simone Biles vorangehen. Das zeigt: Können ADHSler ihre Störung positiv umdeuten, dann ist unglaublich vieles möglich. Denn geben sie sich einer Sache hin, dann vergessen sie alles um sich herum und erreichen mit ihrem unkonventionellen Denken und Handeln, wovon andere nur träumen können.
So war es auch bei mir und vielen meiner Patienten. Manche haben auf ihrem Weg Medikamente gebraucht, andere nicht. Ich kaufte mir damals vor 60 Jahren, als Ritalin aufkam, in einer Drogerie eine Packung. Sie tauchte letztens beim Zügeln wieder auf. Zwei Tabletten fehlten. Ich nahm diese direkt vor einer Lateinprüfung. Die Note war nicht besser. Das hiess für mich: Ritalin nützt nichts. Mit Fleiss und hartnäckiger Arbeit lernte ich künftig auch die lateinischen Vokabeln. Ich bestand die Matura. Das Schächtelchen mit Ritalin aus der Drogerie für 2.30 Franken ist seither in meinem persönlichen Museum. Die darin verbliebenen 18 Tabletten sind unterdessen gelb geworden.»
Hilfe bei Suizidgedanken
Haben Sie selbst Suizidgedanken oder kennen Sie Betroffene? Für Kinder und Jugendliche ist das Telefon 147 da, auch per Whatsapp und E-Mail, oder unter www.147.ch. Erwachsene können die Dargebotene Hand kontaktieren, Telefon 143. E-Mail und Chat-Kontakte finden Sie auf www.143.ch. Die Angebote sind vertraulich und kostenlos. Auch die Website www.reden-kann-retten.ch bietet Hilfe. (red)
