Plötzlich ist das erwachsene Kind verantwortlich für die Eltern
Pflegende Angehörige
In ihrer Beratungsstelle hat Bettina Ugolini häufig mit Menschen zu tun, die Angehörige pflegen. Sie spricht über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und warum sie an «gutes Altern» glaubt.
Entnervt zerknüllt Doris Müller den Waschlappen in ihrer Hand und wirft ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Dann lässt sie sich auf einen Küchenstuhl sinken, vergräbt das Gesicht in ihren Händen und weint.
Die 62-Jährige ist am Ende ihrer Kräfte. Seit sie angeboten hat, die 95-jährige Mutter in deren Wohnung zu pflegen, hat sich so vieles verändert.
Die Nörgeleien und Gehässigkeiten der zusehends dementen Frau, die sich immer weiter vom einst fürsorglichen Mami entfernt, nagen an ihren Reserven. Doris Müller hat alle ihre Hobbys aufgegeben und kaum mehr Zeit für Familie und Freunde.
Die jetzige Situation wäre als vorübergehende Lösung angedacht gewesen. Doch sie bringt es nicht übers Herz, die eigene Mutter in ein Altersheim «abzuschieben».
Doris Müller existiert nicht, aber Situationen wie diese kennt die Psychologin Bettina Ugolini nur allzu gut. Sie leitet die Beratungsstelle Leben im Alter der Universität Zürich und befasst sich mit psychologischer Beratung im Alter, Integration von Angehörigen in Altersinstitutionen, Demenz und später Eltern-Kind-Beziehungen.
Der Mangel an Pflegekräften, explodierende Gesundheitskosten, Platzknappheit in Altersheimen – wenn man die Entwicklung in der Alterspflege beobachtet, scheint die Betreuung durch Angehörige bald die einzige Lösung zu sein. Pflegen wir bald alle unsere Eltern zu Hause, Frau Ugolini?
Bettina Ugolini: Ich glaube, dass es nicht hauptsächlich an den aufgezählten Problemen liegt, wenn der Entscheid für eine Pflege durch Angehörige getroffen wird. Sicher, der Mangel an Pflegekräften ist ein wichtiges Thema. Persönlich habe ich aber den Eindruck, dass andere Komponenten eine grössere Rolle spielen.

