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Gesundheit

Plötzlich ist das erwachsene Kind verantwortlich für die Eltern

Angehörige zu betreuen und pflegen, kann bereichernd, aber auch belastend sein. Eine Expertin gibt Tipps, wie dies besser gelingen kann.

Wer Angehörige betreut, darf nicht ständige Harmonie erwarten.

Foto: Unsplash

Plötzlich ist das erwachsene Kind verantwortlich für die Eltern

Pflegende Angehörige

In ihrer Beratungsstelle hat Bettina Ugolini häufig mit Menschen zu tun, die Angehörige pflegen. Sie spricht über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und warum sie an «gutes Altern» glaubt.

Entnervt zerknüllt Doris Müller den Waschlappen in ihrer Hand und wirft ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Dann lässt sie sich auf einen Küchenstuhl sinken, vergräbt das Gesicht in ihren Händen und weint.

Die 62-Jährige ist am Ende ihrer Kräfte. Seit sie angeboten hat, die 95-jährige Mutter in deren Wohnung zu pflegen, hat sich so vieles verändert.

Die Nörgeleien und Gehässigkeiten der zusehends dementen Frau, die sich immer weiter vom einst fürsorglichen Mami entfernt, nagen an ihren Reserven. Doris Müller hat alle ihre Hobbys aufgegeben und kaum mehr Zeit für Familie und Freunde.

Die jetzige Situation wäre als vorübergehende Lösung angedacht gewesen. Doch sie bringt es nicht übers Herz, die eigene Mutter in ein Altersheim «abzuschieben».

Doris Müller existiert nicht, aber Situationen wie diese kennt die Psychologin Bettina Ugolini nur allzu gut. Sie leitet die Beratungsstelle Leben im Alter der Universität Zürich und befasst sich mit psychologischer Beratung im Alter, Integration von Angehörigen in Altersinstitutionen, Demenz und später Eltern-Kind-Beziehungen.

Der Mangel an Pflegekräften, explodierende Gesundheitskosten, Platzknappheit in Altersheimen – wenn man die Entwicklung in der Alterspflege beobachtet, scheint die Betreuung durch Angehörige bald die einzige Lösung zu sein. Pflegen wir bald alle unsere Eltern zu Hause, Frau Ugolini?

Bettina Ugolini: Ich glaube, dass es nicht hauptsächlich an den aufgezählten Problemen liegt, wenn der Entscheid für eine Pflege durch Angehörige getroffen wird. Sicher, der Mangel an Pflegekräften ist ein wichtiges Thema. Persönlich habe ich aber den Eindruck, dass andere Komponenten eine grössere Rolle spielen.

Und die wären?

Erstens: Der ethisch-moralische Anspruch der christlich-westlichen Kultur. «Du sollst Vater und Mutter ehren» oder «in guten wie in schlechten Zeiten», so lautet die Grundtendenz. Menschen erachten es ein Stück weit als ihre Pflicht, diese Aufgabe anzunehmen.

Und zweitens?

Der Ruf von Alters- und Pflegeheimen hat sich verändert. Viele spüren noch den Nachhall von Corona, als Angehörigen der Zugang zu ihren Liebsten verwehrt werden musste. Aus Angst davor behält man die Eltern oder den Partner lieber daheim. In der Gesellschaft besteht ausserdem nach wie vor der Grundsatz «zu Hause ist besser als im Heim».

Teilen Sie diesen Grundsatz?

Nicht per se. Es geht darum, abzuwägen, was individuell die bessere Entscheidung ist. Solange sich der Wunsch nach Betreuung in den eigenen vier Wänden so umsetzen lässt, dass es für alle Beteiligten passt, ist das wunderbar. Sind allerdings ausschliesslich eine oder wenige Personen mit der ganzen Betreuung betraut, stossen diese nicht selten an ihre Grenzen der Belastbarkeit. Das kann so weit gehen, dass die Angehörigen durch die ständige Überforderung selber erkranken. Wenn die Reserven erschöpft sind, ist ein Heimeintritt oftmals der bessere Weg. Doch das muss sehr individuell betrachtet werden.

Man sieht die Psychologin Bettina Ugolini
Bettina Ugolini ist täglich mit Themen rund ums Älterwerden konfrontiert.

Haben nicht die meisten Menschen das Bedürfnis, möglichst lange und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben zu können?

Bei einem Heimeintritt schwingt immer auch die Angst vor dem Verlust der Autonomie mit – was überhaupt nicht stimmt. Es gibt wenige Menschen, die frühzeitig Vorkehrungen treffen. Und in eine Institution wie ein Altersheim einziehen, bevor sie nicht mehr selbst entscheiden können. Oft sind dies Menschen, die keine oder nur entfernte Angehörige haben. Oder die früher selbst ihre Eltern oder andere Angehörige gepflegt haben und das nun ihren eigenen Kindern ersparen wollen.

Was spricht für die Betreuung und Pflege durch Angehörige?

Für die zu betreuende Person ist neben der gewohnten Umgebung vor allem die Individualität ein grosser Vorteil. Vorlieben können berücksichtigt werden – beispielsweise beim Essen oder bei den Schlafenszeiten. Die Betreuung erfolgt ausserdem durch eine vertraute Person.

Was kann die betreuende Person mitnehmen?

Auch sie kann durch diese Aufgabe Positives erfahren. Es kann befriedigend sein, eine nahestehende Person auf ihrem letzten Abschnitt zu begleiten und im Leben etwas zurückzugeben. Im besten Fall goutiert die zu betreuende Person die Bemühungen mit Dankbarkeit. Funktioniert die Betreuung auf zwischenmenschlicher Ebene, kann die Beziehung so an Intensität zunehmen.

Das funktioniert aber nicht in jedem Fall?

Es kommt stark auf die Konstellation an: Wir sind alle unterschiedlich gut mit der Fähigkeit ausgestattet, zu betreuen. Es gibt Menschen, die kaum Berührungsängste haben und selbst in Stresssituationen geduldig und empathisch bleiben. Wenn nun aber jemand, der körperliche Nähe scheut, sich vor Pflegearbeiten ekelt oder über weniger Geduld verfügt, eine Person mit einer schweren Krankheit betreut, kann es schwierig werden. Dann muss man frühzeitig überlegen, wie diese Person entlastet werden kann, damit sie nicht ständig ihre persönlichen Grenzen überschreiten muss.

Kann die Beziehung zwischen der betreuenden und der zu betreuenden Person leiden?

Sie wird zumindest auf eine harte Probe gestellt. Ausserdem verändern sich die Rollen in einer Beziehung. War man zuvor noch ein Paar, wird die Rolle als Partner mit dem Fortschreiten der Krankheit immer weniger, die Betreuerrolle nimmt zu. Irgendwann ist man nicht mehr die Ehefrau, sondern die Pflegefachfrau. Oder als erwachsenes Kind ist man plötzlich die hauptverantwortliche Person für einen Elternteil. Umgekehrt werden die Eltern immer mehr vom eigenen Kind abhängig. Es ist ein grosser Anpassungsprozess notwendig, um diese Rollenverschiebung zu akzeptieren.

Kann die Betreuung Angehöriger als Dauerlösung funktionieren?

Man darf die Belastung auf keinen Fall verschleiern. Da passieren die meisten Fehler: Viele pflegende Angehörige denken, dass sie diese Situation schon irgendwie meistern. Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse hintan, weil es «nur für vorübergehend» ist. Nicht selten wird daraus aber eine dauerhafte Situation, in der sich der Betreuer zurücknimmt. Wenn es um die Betreuung im Alter geht, zieht sich diese in vielen Fällen über Jahre. Ich muss mir in einem solchen Fall bewusst sein, dass ich mich auf einen Marathon einlasse, nicht auf einen Sprint. Ist man dann erst mal im Hamsterrad, wird es schwierig, den Ausgang zu finden.

Und wie kann ich diesen Marathon schaffen?

Wer von Anfang an darauf achtet, eine gute Balance zu finden zwischen dem Betreuen und dem Für-sich-selber-Schauen, hält in der Regel länger durch. Es sind die Kleinigkeiten im Alltag, die dabei von besonderem Wert sind: Die Unterstützung durch Familienangehörige, Nachbarn oder Spitex-Organisationen erlaubt dem Betreuer, weiterhin eigene Freizeitbeschäftigungen zu pflegen. Ausserdem gibt es in fast allen Institutionen Ferienbetten, die erlauben, auch mal selbst Urlaub zu machen.

Spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle, dass man Angehörige zu Hause pflegt?

In gewissen Familien bestimmt, denn die Betreuung durch Angehörige ist günstiger als die Betreuung in einem Heim. An Vorträgen höre ich von vielen Betroffenen, dass sie sich ein Heim oder Pflege durch externe Unterstützung nicht leisten könnten.

Wie erklärt man dem pflegebedürftigen Angehörigen, wenn doch ein Eintritt in ein Heim notwendig wird?

Einer nahestehenden Person mitzuteilen, dass die persönliche Grenze erreicht ist, kostet enorm viel Mut, Kraft und Klarheit. Wichtig ist, dabei auf die Formulierung zu achten: Bei einem Heimeintritt handelt es sich um einen «Auszug aus der Wohnung in betreutes Wohnen», nicht um eine «Einweisung in ein Heim».

Kann ein solcher «Umzug» nicht auch die Beziehung zwischen den Betroffenen zerstören?

Wenn die Eltern ausziehen, ist das ein Bruch im Leben – ähnlich, wie wenn die Kinder flügge werden. Doch das Leben kann auch danach wunderbar weitergehen. Wenn die betreuende Person durch den Auszug entlastet wird, kann auch die Beziehung wieder eine ganz andere Qualität erhalten. Beide Parteien freuen sich auf Besuche im Heim, auf Spaziergänge im Park. Klar beinhaltet das immer wieder Abschiede, doch diese gehören zum Leben halt mal dazu.

Wir sind in der heutigen Zeit darauf ausgerichtet, möglichst lange aktiv und unabhängig zu leben. Wird es uns allen schwerfallen, um Hilfe zu bitten, das Altern zu akzeptieren?

Es kommt darauf an, wie man damit umgehen kann, wenn der Körper mit dem Alter Defizite aufweist und Abhängigkeiten entstehen. Es ist nicht würdelos, Hilfe anzunehmen. Man sollte sich lediglich überlegen: «Wer hilft mir, wen suche ich mir aus?»

Es gehört zum Altern dazu, dass man sich an die Möglichkeiten anpasst. Wenn ich nicht mehr joggen kann, kann ich walken. Ist das nicht mehr möglich, werde ich Spaziergänger. Später spaziere ich mit dem Stock, dann mit dem Rollator. Und auch wenn mich jemand durch den Park schieben muss – Hauptsache, ich komme raus an die frische Luft. Man kann nicht immer jung bleiben. Wir müssen an unserer Einstellung arbeiten: Gutes Altern beginnt im Kopf.

Vortrag und Kurs zum Thema

Am Dienstag, 10. September, zeigt Bettina Ugolini im Stadthofsaal Uster Möglichkeiten auf, wie gute Betreuung und gute Pflege gelingen können und die eigenen Bedürfnisse dabei nicht vergessen gehen. Der Anlass findet im Rahmen der städtischen Veranstaltungsreihe «Info 60plus» statt und beginnt um 14 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Im Oktober können sich betreuende und pflegende Angehörige unter fachkundiger Leitung von Bettina Ugolini an drei Kursabenden vertieft mit ihrer Aufgabe und ihrem eigenen Wohlbefinden auseinandersetzen. Für weitere Informationen steht Silvia Kölliker, Leiterin Fachstelle Alter Stadt Uster, zur Verfügung: Telefon 044 944 74 59.

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