Immer mehr Menschen suchen eine regionale Suchtfachstelle auf
Abhängiger berichtet
In der Region holen sich mit steigender Tendenz Menschen Hilfe. Auch Andreas suchte die Fachstelle Sucht Bezirk Hinwil auf, um sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen.
«Ich bin das erste Mal seit 40 Jahren nüchtern» – eine solche Aussage wünscht sich die Fachstelle Sucht Bezirk Hinwil wohl von jedem ihrer Klienten. Sie ist nicht die einzige Anlaufstelle für Abhängige, die in den letzten Jahren mehr Anmeldungen verzeichnet – mit steigender Tendenz.
Die Aussage stammt von Andreas, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Er kämpft schon sein Leben lang mit Süchten. «Bei mir fing das allgemeine Suchtproblem schon als Jugendlicher an», erzählt er. «Ich hatte immer wieder Höhen und Tiefen, stürzte in Drogenexzesse ab und konnte mich dann wieder fangen.»
Der Rucksack, den er von damals immer noch trage, sei die Alkoholsucht. Aber auch bei anderen Dingen zeige er ein grundsätzliches Suchtverhalten. «Wenn ich mir eine Serie anschaue, kann es gut vorkommen, dass ich dann vier Stunden vor dem Fernseher sitze und nicht aufhören kann.»
Ohne Hilfe nicht möglich
Vor vier Jahren beschloss Andreas, dass er versuchen wollte, sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Denn sein Alkoholkonsum stieg immer weiter an, und wegen seiner Sucht verlor er seine letzte Festanstellung. Das war ein Weckruf für ihn und trug, neben seiner Familie, dazu bei, dass er sich Hilfe holte.
Andreas ist geschieden und hat eine 15-jährige Tochter. Seine Familie hatte anfangs kein Verständnis für seine Trinksucht. Sie habe ihn mit den üblichen Sprüchen wie «Trink doch einfach nicht mehr!» oder «Wieso hast du jetzt wieder getrunken?» konfrontiert.
Solche Aussagen kennt auch die Fachstelle Sucht Bezirk Hinwil. «Man hat generell ein falsches Bild», meint Katharina Weber, Geschäftsführerin der Fachstelle Sucht Bezirk Hinwil. «In der Gesellschaft findet sich noch immer die Haltung: Wenn sie nur aufhören wollten, würden sie aufhören zu trinken.»
Heutzutage anerkenne man, dass Sucht eine Krankheit sei. Bei einer hustenden Person mit Bronchitis sage man doch auch nicht, sie solle mit dem Husten aufhören, erklärt Weber. «Symptome einer Krankheit müssen behandelt und können nicht einfach verboten werden.»
Kontrollierter Konsum
Das Ziel müsse dabei nicht Abstinenz bedeuten, vor der viele Süchtige Angst hätten. Eine Fachstelle begleite auch den Weg in einen kontrollierten Konsum. «Der Betroffene entscheidet, was er erreichen möchte», sagt Weber.
Für den Anstieg an Anmeldungen bei der in Wetzikon domizilierten Fachstelle gibt es nicht einen ausschlaggebenden Grund, wie Weber sagt. «Da spielen mehrere Faktoren mit.» Dass es bei ihrer regionalen Beratung im letzten Jahr ein Drittel mehr Anmeldungen gab, hatte auch damit zu tun, dass die Fachstellen aktiver auftreten. Öffentlichkeitsarbeit habe es zwar schon immer gegeben, aber nicht so intensiv.
Dazu kommt, dass seit letztem Jahr keine Altersbeschränkung mehr gilt und die Fachstelle neu auch Personen unter 16 Jahren begleiten kann. «Wir haben gesehen, dass das Bedürfnis da ist und auch junge Leute Hilfe brauchen und diese auch in Anspruch nehmen», sagt Weber.
Ausserdem kann es laut Weber gut sein, dass mit der Aufklärungsarbeit zum Thema Sucht in den letzten Jahren die Hemmschwelle gesunken ist und süchtige Leute sich vermehrt trauen, Hilfe zu holen.
Alkohol als grösstes Problem
Die Alkoholsucht sei im Bezirk Hinwil das grösste Problem, aber auch der Mischkonsum mit Medikamenten steige, erklärt Weber. Das bestätigen auch andere Fachstellen in der Region. «Bei Alkohol und anderen Drogen ist der Anstieg konstant», sagt Dominique Dieth, Bereichsleiter der Fachstelle Sucht beim Sozialdienst Bezirk Pfäffikon. «Die Alkoholsucht ist aber noch immer das grösste Problem im Bezirk Pfäffikon.» In den letzten Jahren habe man in Pfäffikon auch einen Anstieg im Konsum von Cannabis und vor allem von Kokain festgestellt.
Dieselben Substanzen beschäftigen den Bezirk Uster. Und auch dort sind bei der zuständigen Fachstelle die Anmeldungen in letzter Zeit leicht angestiegen, wie Barbara Hettich Solar bestätigt. Sie ist Abteilungsleiterin der Fachstelle Sucht Bezirk Uster und arbeitet schon seit über 20 Jahren mit Personen mit Konsumproblemen.
Für den Anstieg an Anmeldungen im Bezirk Uster möchte sich Hettich Solar nicht auf einen ausschlaggebenden Grund festlegen. «Meiner Erfahrung nach schwanken die Neuanmeldungen über die Jahre immer mal wieder, neben den persönlichen Geschichten und Dramen, die die Menschen verunsichern, spielt die Weltsituation auch immer noch eine Rolle», meint sie.
Dieth vermutet, dass eine erfolgreiche Vermittlung ein Grund ist für den Anstieg in Pfäffikon in den letzten Jahren. «Wir konnten feststellen, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda gut funktioniert. Klientinnen und Klienten haben eine gute Erfahrung gemacht und teilen diese mit anderen Suchtkranken», erklärt er.
Unterstützung durch Aufklärung
Andreas wird mittlerweile von seiner Familie unterstützt und weiss, wie sie mit seiner Krankheit umgehen kann. «Meine Ex-Frau ist in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige und hat sich dort gut informiert», sagt er. «Und mit unserer Tochter reden wir offen über mein Problem.»
Sie gehe gut mit der Situation um und habe sich in der Schule auch schon selbständig Hilfe bei einem Schulpsychologen geholt. «Bei meinem letzten kleineren Rückfall hat sie kurzzeitig den Kontakt abgebrochen», sagt Andreas. «Das verletzte mich natürlich. Es ist aber auch völlig verständlich und stark von ihr, solche Entscheidungen zu treffen.»
Verschiedene Behandlungen ausprobiert
Als Andreas sich vor ein paar Jahren dazu entschied, seine Alkoholsucht anzugehen, holte er sich in verschiedenen Institutionen Hilfe. «Ich war ambulant in einer Klinik in Behandlung. Das hat mir persönlich aber nicht viel gebracht», sagt er. «Wenn man jeden Tag über die Suchtproblematik spricht, löst das bei mir noch mehr Verlangen aus.»
Er habe zwar in jenem halben Jahr eine ruhige Zeit erlebt, langfristig habe es ihm aber nicht geholfen. «Nach dem Klinikaufenthalt hatte ich immer wieder Rückschläge», erinnert sich Andreas. «Teils waren die so schlimm, dass ich wochenlang im Spital lag.»
Auch eine psychiatrische Behandlung brachte Andreas nicht weiter. «Die wollten mir nur Medikamente verschreiben», sagt er. «Ich fühlte mich abgeschoben, und vor allem funktionierte es zwischenmenschlich nicht.»
Wenn man jeden Tag über die Suchtproblematik spricht, löst das bei mir eher noch mehr Verlangen aus.
Andreas
Alkoholabhängiger
Nach dem Versuch mit einem Psychiater habe er verschiedene Stellen eingeschaltet. Die Spitex kam einmal pro Woche zu ihm nach Hause, zur Suchtberatung ging er wöchentlich, und ebenfalls einmal pro Woche ging er zum Hausarzt. «Das waren drei Termine, die ich wahrnehmen musste», sagt Andreas. «Wäre ich bei einem nicht aufgetaucht, hätten sie Alarm geschlagen.» Diese Kontrolle war die Lösung für ihn.
Auf gutem Weg
Denn mittlerweile läuft es so gut, dass er keine Spitex mehr braucht. «Dafür habe ich einen wöchentlichen Termin bei meiner Apotheke, um Medikamente abzuholen», sagt Andreas. In der Suchberatung bei der Fachstelle in Wetzikon geht er abwechselnd in die Gruppentherapie und zum Einzelgespräch.
Andreas ist auf einem guten Weg. «Es ist die erste Phase seit 40 Jahren in meinem Leben, in der ich nüchtern bin», sagt er. «Im September werde ich eine neue Festanstellung antreten. Ich freue mich darauf.»
Leiden Sie an einer Verhaltenssucht und suchen Sie Hilfe? Oder betrifft das eine Ihnen nahestehende Person? Informieren Sie sich bei einer Fachstelle in Ihrer Region: www.suchtberatung-zh.ch.
