Gesundheit

Sie begleiten unheilbar kranke Menschen im Spital Uster

Vor knapp einem Jahr wurde die Palliativstation eröffnet. Hier betreuen Sivan Schipper und Helen Stolz Patienten und Angehörige.

Sie begleiten unheilbar kranke Menschen im Spital Uster

Palliative Care im Oberland

Auf der neuen Palliativstation des Spitals Uster steht nicht das Sterben im Vordergrund, sondern die Zeit, die den unheilbar kranken Menschen noch bleibt.

In der ersten Etage im C-Trakt des Spitals Uster gibt es eine Tür mit der Aufschrift «Stubä». Es ist der Aufenthaltsort für Angehörige sowie für Patientinnen und Patienten der Palliativstation. Dieses Türschild macht deutlich, dass hier der Spitalbetrieb in den Hintergrund tritt.

Die dreiteilige Serie befasst sich mit der umfassenden Betreuung in der letzten Lebensphase. Deren Bedeutung nimmt stetig zu. Ziel einer nationalen Strategie ist es, den Zugang zu Palliative Care für alle zu ermöglichen. Gemäss Schätzungen von Bund und Kantonen werden in Zukunft zwei Drittel aller Sterbefälle palliative Betreuung benötigen.

Im ersten Teil der Serie werfen wir einen Blick hinter die Türen der Palliativstation des Spitals Uster. Die Station wurde erst vor einem Jahr eröffnet. Erscheinungsdatum: 3. April 2024

Im zweiten Teil erzählt Marion Grau-Wurmitzer, wie sie ihren an Parkinson erkrankten Vater in den Heimen Uster würdevoll begleiten konnte. Erscheinungsdatum: 13. April 2024

Im dritten Teil nimmt uns der Palliativmediziner Andreas Weber mit zu einem Krebspatienten. Das mobile Palliative-Care-Team des GZO Spitals Wetzikon ist das erste seiner Art im Kanton Zürich, das zertifiziert wurde. Weber leitet das Team. Erscheinungsdatum: 16. April 2024

Die Palliativstation beherbergt unheilbar kranke Menschen, deren letzte Lebensphase möglichst würdevoll und angenehm gestaltet werden soll. «Im Vordergrund steht der Mensch und nicht unbedingt das Medizinische», sagt der Leiter der Palliativstation Sivan Schipper. «Die Patienten sollen sich hier wie zu Hause fühlen», ergänzt Abteilungsleiterin und Pflegefachfrau Helen Stolz.

Die Geburtsstunde der Palliativstation

Helen Stolz und Sivan Schipper haben viel Herzblut in die Palliativstation des Spitals gesteckt, die im Mai letzten Jahrs ins Leben gerufen wurde. «Im Zürcher Oberland gibt es ein wachsendes Bedürfnis an einer ganzheitlichen Betreuung», sagt Stolz.

Die Palliativstation ist eine Antwort auf diese steigende Nachfrage, die sich schweizweit beobachten lässt. Ziel sei es, den Patientinnen und Patienten Geborgenheit und Wärme zu vermitteln. Dabei wird auch das Umfeld einbezogen. «Angehörige können bei uns auf der Station übernachten», so Stolz.

Palliative Care am Spital Uster

Die Palliativstation des Spitals Uster verfügt über acht Betten in vier Einzel- und zwei Doppelzimmern mit Übernachtungsmöglichkeit für Angehörige.

Die Patientinnen und Patienten werden von einem multiprofessionellen Team umsorgt. Dieses besteht aus einem pflegerischen Team, einem ärztlichen Dienst, einem Konsiliardienst, Physiotherapie, Ernährungsberatung, einem Sozialdienst und der Seelsorge. Als zusätzliche Ressource gibt es freiwillige Mitarbeitende, eine Kunst- und Musiktherapeutin sowie eine Hundetherapie.

Per Ende 2024 sind die Zertifizierung der Station sowie die Anerkennung als Weiterbildungsstätte geplant.

Mittelfristig strebt das Spital Uster einen Ausbau des stationären und ambulanten Angebots sowie die Entwicklung zu einem Kompetenzzentrum an. (tbu)

Das Team investiert in lange Gespräche

Die «Stubä» ist in hellgrünen Farbtönen gehalten, die sich mit weissen Flächen abwechseln. An einer Wand hängt ein verspieltes Bücherregal aus Holzkisten. Kleine Tische sind gleichzeitig Rundlinge, die sich verschieben und zu Sitzhockern umfunktionieren lassen.

Die frische Atmosphäre ist gewollt, denn die Schicksale der Menschen auf der Palliativstation sind schwer genug. «Wir führen mit allen Patientinnen und Patienten Familiengespräche durch, auch unter Einbezug ihrer Bezugspersonen; viele finden in diesem Raum oder in den grossen Patientenzimmern statt», sagt Schipper. «Während manche Menschen ihre Situation leicht annehmen können, reagieren andere mit Verdrängung oder einem Schockzustand.» Dieser manifestiert sich dann laut Schipper in einer Krise. «Die Menschen empathisch durch diese Krise zu begleiten, gehört zu unseren Hauptaufgaben.»

«Die Gespräche nehmen bei uns viel Platz ein», ergänzt Stolz. «Manchmal ist es angebracht, einfach da zu sein und zuzuhören», sagt sie. «Ja, man muss die Trauer aushalten können und lernen zuzuhören», ergänzt Schipper. «Das versuche ich den Assistenzärzten immer wieder mitzuteilen.» Es gebe eine Studie, «die besagt, dass Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten im Durchschnitt nur zehn Sekunden zuhören, bevor sie intervenieren».

Nicht jede Behandlung ist im Sinne des Patienten

Analog zum lateinischen Wort «palliare», das wörtlich übersetzt «mit einem Mantel umhüllen» bedeutet, will man sich beim Konzept der Palliative Care Zeit nehmen, die Lebenssituation der Patienten und ihrer Bezugspersonen möglichst in allen Facetten zu erfassen. Das kann auch bedeuten, einen Schritt zurückzutreten und aus medizinischer Sicht weniger zu tun.

«Wir haben beispielsweise aktuell einen Patienten, der von der Intensivstation auf die Palliativstation verlegt wurde, weil er entschieden hat, dass er nicht pflegebedürftig werden will», sagt Schipper. Eine künstliche Beatmung durch eine Intubation lehnte dieser Patient ab, im Wissen, dass er sterben würde. «Palliative Care gibt dem Sterben den Raum, den das Sterben verdient, und bekämpft es nicht um jeden Preis», sagt der Mediziner. «Gesundheitspolitisch ergibt Palliative Care zudem Sinn, da unnötige und von Patienten nicht gewünschte Therapien am Lebensende eingespart werden können.»

Es sind schwierige Entscheidungen, die auf der Palliativstation unter Einbezug von Fachpersonen und den Angehörigen getroffen werden. «Wir halten uns diesbezüglich an klar definierte ethische Leitlinien», sagt Schipper. «Wichtig ist es, die Patienten in der ersten Phase zu stabilisieren, dazu sind eine präzise Diagnose und eine adäquate Medikation entscheidend», sagt der Palliativmediziner. Wenn dann zum Beispiel die Schmerzen auf ein Minimum reduziert sind, kommen laut Schipper weitere Dimensionen dazu. In der palliativen Betrachtung gebe es die körperliche, die psychische, die soziale und die spirituelle Ebene.

Gespräche nehmen die Angst

Wenn man alle Ebenen berücksichtige, komme häufig die Lebensqualität zurück. «Viele unserer Patientinnen und Patienten haben sich bei einer Organisation wie Exit angemeldet, weil sie Angst haben vor einem schmerzhaften Tod – die wenigsten wählen dann aber den assistierten Suizid, da sie durch die Palliative Care die Sicherheit und die Geborgenheit erfahren, die für eine gute Sterbebegleitung notwendig sind.»

Die Menschen würden lernen, ihre Situation anzunehmen. «Sie gehen dann meistens den Weg des natürlichen Todes, weil sie hier die Angst verlieren.» Dies verdeutliche, was Palliative Care eigentlich sei. «Es geht nicht um das Sterben, sondern um das Leben.» Im Gegensatz zu einem assistierten Suizid wird das Leben nicht verkürzt. «Es geht darum, die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten», erklärt Stolz.

«Ich sage häufig zu den Patienten: ‹Es ist das letzte Abenteuer des Lebens, welches für Sie nun begonnen hat›», erklärt Schipper. Sie hätten auf der Station schon Erstaunliches erlebt, fährt Stolz fort. «Ein schwer kranker Mann war mit seiner Familie bei uns, und als die Nichte aus den USA kam, starb er, als hätte er darauf gewartet.»

Viele Patienten können wieder nach Hause

Auf die Palliativstation kommen laut Schipper rund 10 bis 20 Prozent der unheilbar erkrankten Menschen. Die Mehrheit werde von Ärzten und der Spitex zu Hause oder in einem Hospiz palliativ betreut. «Wenn die Patientinnen und Patienten sich in einer sehr komplexen und instabilen Situation befinden, kommen wir ins Spiel», so der 50-Jährige. Die Patienten werden auf der Station stabilisiert. «Nach ein bis drei Wochen können die meisten Patientinnen und Patienten die Palliativstation wieder verlassen.»

Das Spital Uster arbeitet eng mit Partnerorganisationen wie dem mobilen Palliativteam des GZO Spitals Wetzikon zusammen. Nach dem Aufenthalt auf der Palliativstation werden die Patienten nämlich von Hausärzten oder in einer Einrichtung der Sterbebegleitung weiter palliativ betreut.

Fehler gefunden?